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«Wenn Du in einer Gang bist, gehst Du durch die Hölle»

texted.ch hat in Los Angeles ein ehemaliges Mitglied von Florencia 13 getroffen und mit ihm über sein Gangsterleben gesprochen.

Von Lucienne Vaudan

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South Central Los Angeles ist eines der gefährlichsten Viertel der kalifornischen Millionenstadt. Alleine sollte man da keinen Fuss hineinsetzen. Es ist die Heimat vieler Gangs über die Hip Hop-Legenden wie Dr. Dre, Cypress Hill oder Snoop Dogg rappen: Bloods, Crips, Mara Salvatrucha, Florencia 13. „L.A. ist die Gang-Hauptstadt der Welt“, sagt Alfred Lomas.

Lomas wurde in eine Gangsterfamilie hineingeboren. Schon seine Onkel und Cousins waren in der Gang. „Einer meiner Cousins wurde wegen mehrfachen Mordes verurteilt als er erst 16 war. Für mich war das irgendwie normal.“

Fast 30 Jahre lang war Lomas selbst Teil von Florencia 13. „Filme und Rapper verleihen Gangs ein cooles Image. Aber wenn Du in einer Gang gross wirst, gehst Du durch die Hölle“, sagt der heute 50 Jährige.

 

13 Sekunden lang zurückschlagen

Wie die meisten begann Lomas früh mit Drogen: „Ich denke das ist eine Art der Selbsttherapie für die Kids gegen das Trauma der Gewalt die sie schon im Bauch der Mutter miterleben. Und über die Drogen öffnet sich die Tür zur Gang.“ Da war Lomas zwölf.

Um dazuzugehören müssen die Anwärter ein Ritual über sich ergehen lassen, jede Gang hat ihr eigenes. Lomas musste während 13 Sekunden gegen vier Jungs kämpfen: „Wenn Du nicht zurückschlägst bist Du nicht dabei. Du musst Härte beweisen. Und wenn Du drin bist, dann musst Du die Sache der Gang unterstützen.“

Die Sache der Gang, das sind Geld, Drogen, Respekt und Gewalt: „Ich habe viele Dinge gemacht, auf die ich nicht stolz bin.“ Davon zeugen die Narben der Schusswunden auf Lomas Körper. Und die Tätowierungen, die sich über seine Beine, Arme, bis hin zum Hals erstrecken.

Die Bilder erzählen alles über das Leben des Mannes: welche Jobs er hatte, seine Frauen, seine Waffen, in welchem Knast er sass. Was sein schlimmster Job für die Gang gewesen sei? Darüber will Lomas nicht sprechen, auch nicht, als das Aufnahmegerät abgestellt ist. Jedenfalls wurde er dafür zu zehn Jahren Haft verurteilt.

 

“Wenn ich dafür sterben muss, dann ist das immerhin etwas”

Mittlerweile hat Lomas dieses Leben hinter sich gelassen. Er ist verheiratet, hat einen kleinen Jungen und fährt einen Toyota Hybrid. Von South Central hat er sich trotzdem nicht abgewendet. Er handelt zum Beispiel mit rivalisierenden Gangbossen sichere Schulwege für die Kinder aus. Und er bringt Touristen und Schulklassen nach South Central.

Die „L.A. Gangster Touren“ seien wichtig, weil die Leute Gangs entweder romantisierten oder dämonisierten, begründet Lomas seine Aufklärungstouren. „Wenn sie aber mit Mitgliedern verschiedener Gangs sprechen, die normalerweise aufeinander schiessen bekommen sie ein anderes Bild. So geben wir dem Problem ein Gesicht und schaffen Arbeitsplätze für die Leute aus dem Viertel.“ Ihm ist es auch wichtig, dass Jugendliche von ausserhalb über die Musik- und Filmindustrie kein verklärtes Bild vom Gangsterleben bekommen und den vermeintlichen Vorbildern nacheifern.

Hatte er keine Angst sich von seiner alten Gang abzuwenden? „Gangs sind immer gefährlich, egal ob Du dabei bist oder aussteigst. Ich war bereit für nichts als den Namen meiner Gang zu sterben. Jetzt helfe ich Kindern und gebe meinem Sohn eine bessere Zukunft. Wenn ich dafür sterbe, dann ist das immerhin etwas.“

Florencia 13 ist seit den 1960ern in Los Angeles verwurzelt und ist mittlerweile die grösste hispanische Gang in South Cenral L.A. Lomas erklärt, es gäbe zwei Hauptströmungen: Hispanische Gangs (dazu gehört F13) und schwarze Gangs. Viele der Gangfamilien sind seit mehreren Generationen US-Amerikaner. Lomas schätzt, dass in lateinamerikanisch geprägten Strukturen der Sinn für Familie, Religion und Hierarchien ausgeprägter seien, als in schwarzen Gangs, die als unberechenbarer gelten.
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Lucienne Vaudan

Lucienne kümmert sich um Texte, Konzepte und Medienstrategien – da ist sie auch gut vernetzt: Nach ihrem Studium der Kommunikations- und Literaturwissenschaften hat sie als Journalistin gearbeitet: Online, Zeitung, TV, Radio, alles kein Neuland. Sie ist genauso Newsroom- wie Felderprobt. Nach einem längeren Aufenthalt im nahen Osten hat sie einen weiteren Bachelor in International Affairs an der HSG in Angriff genommen. Für die UZH ist sie nebenberuflich in der Startup-Förderung tätig.