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Warum es keine Kinder mehr gibt – Gesellschaft sei Dank

Die Kinder heutzutage wissen gar nichts mehr mit sich anzufangen, als sich mit elektronischen Geräten abzugeben. „Bei uns war das noch anders, wir wussten noch Kinder zu sein.“

Von Anja Glover

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Es ist doch gar nicht so schwer, denkt sich der neunjährige Leon, der soeben einen entsetzten, fast hysterischen Vortrag seines Vaters über sich ergehen lässt, während dieser ihm genervt Mutters iPhone aus der Hand reisst. Die Botschaft ist angekommen: Die Kinder heutzutage wissen gar nichts mehr mit sich anzufangen, als sich mit elektronischen Geräten abzugeben. „Bei uns war das noch anders, wir wussten noch Kinder zu sein.“ Leon rennt nach draussen, um einen Versuch zu wagen, das Gegenteil zu beweisen. Irgendwie beschämt, unfähig, das zu sein, was man in dem Alter eigentlich ist: ein Kind.

Draussen angekommen tätschelt der Nachbarsjunge mit einem Stock auf den herumliegenden Steinen herum, dem Anschein nach kämpft er mit demselben Unterfangen und ist dabei, kläglich zu scheitern. Er versäumt es, auf den Baum neben ihm zu klettern, die Steine zu einer Festung umzugestalten, die Platten unter seinen Füssen als Hüpfspiel zu benutzen. Jegliche Phantasie scheint abhanden gekommen. Sie brauchen nämlich auch gar keine mehr, weil Trampolin, Einrad, Wave-Board, Töggelikasten und Tischtennis-Tisch schon im Garten standen, bevor sie versucht hatten, sich ohne diese Spielsachen zu beschäftigen. Weniger euphorisch als er es als Kind eigentlich sollte, reagiert er auf Leon. Sie können es einfach nicht, wie ihre Eltern es konnten.

Schuld daran ist einmal mehr die Gesellschaft. Schliesslich ist sie es, die jede Euphorie, jede Idee eines Kindes durch all die Regeln und den Sicherheitswahn bereits im Keim erstickt. Wer vor der Jahrhundertwende zur Welt gekommen ist, all jene, die also noch wussten Kind zu sein, müssten sich laut den Regeln der heutigen Gesellschaft wohl glücklich schätzen, überlebt zu haben. Die „richtigen“ Kinder von damals standen tatsächlich ohne Schutzhelm auf den Ski, beim Velofahren wurde das Ding sowieso nie getragen und auch Schuhe waren dafür oft nur lästig. Nach der Schule dauerten die Hausaufgaben ungefähr so lange, wie man dafür brauchte, den Snack in sich hineinzustossen. Dieser mochte gesund sein, oder auch nicht. Danach rannten die Kinder nach draussen und kamen zurück, wenn es dunkel war. Egal ob im Sommer, im klatschnassen Regen oder im tiefsten Winter. Niemand wusste genau, wo sie waren, am Bach, bei Freunden, im Wald und man konnte sie auch nicht kontaktieren, denn sie hatten kein Handy. Die Kinder wurden krank, richtig krank, vielleicht weil sie zu viel Sand oder Würmer gegessen hatten, aber sie überlebten. Die Geschwister schliefen zusammen in einem Zimmer, dessen Wände von zahlreichen Versuchen, sie zu bemalen, erzählten. Sie gingen alleine zur Schule, wurden dabei weder entführt noch fuhr sie ein Auto an, obwohl die Kleidung nicht mit zahlreichen Reflektoren versehen war. Und in der Schule, da ging die Post erst richtig ab: Es wurden Streiche gespielt, ohne dass sie verwarnt wurden, zum Rektor mussten oder von der Schule flogen, ohne dass die Eltern danach alle informiert werden mussten, ohne dass den Auffälligen Ritalin verschrieben wurde oder sie etwa von einem Sozialpädagogen begleitet wurden. Es wurden Strassen bemalt, Bäume bestiegen, Wagen gebaut – meist ohne Bremsen, Figuren mit nichtstumpfen Messern geschnitzt, Knochen gebrochen und Zehen aufgeschlitzt.

Die Generation Leon sind die Kinder, welche aufgrund des Hangs zur Hyperprotektion der Gesellschaft, in die sie hineingeboren werden, nicht mehr das machen können, was Generationen zuvor überhaupt erst benötigten, um erwachsen zu werden. Die Kinder, denen es auf dem Schulgelände nur auf einer bestimmten Wiese erlaubt ist, Schneebälle zu werfen, deren Schulreisen nie an einem See vorbeiführen, deren Bälle nie eine Scheibe einschlagen werden. Leon wird, wenn er sich irgendwann mal in ein Auto setzt, zwar tausendfach gelernt haben, wie gefährlich das Ding ist, er wird aber nie am eigenen Leibe erfahren haben, wie schmerzhaft es sich anfühlt, mit einer Seifenkiste in eine Wand zu donnern oder ohne Schoner zu stürzen.

Wer heute genau hinsieht, bemerkt rasch, Kinder dürfen heute gar keine solchen mehr sein. Es fehlt ihnen an Platz und Toleranz. Denn Leon weiss, wenn er versuchen würde, Fussball zu spielen, würde innert Kürze der Nachbar, der sein Auto in der Schusslinie geparkt hat, auftauchen und ihn wegschicken. Oder er könnte damit die Rosen des nebenanliegenden Gartens treffen, was ihm schon böse Kommentare einbrachte. Würde er alle Nachbarskinder zusammenrufen und mit ihnen Räuber und Poli spielen, wäre der Lärm das Hindernis. Es bleibt den beiden Jungs also lediglich die Option, die obligatorische Zeit draussen zu verbringen und danach zurück an das Gerät zu gehen. Zurück in eine Welt, in der ihnen nichts Wirkliches zustossen kann, in welcher der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Und das Gute daran: Dort sind sie wirklich gut. Sie lassen die animierten Figuren meisterhaft über Baumstämme und Balkone balancieren, beklettern nicht nur Bäume sondern auch Hausfassaden. Werfen nicht etwa mit herkömmlichen Bällen um sich, sondern mit brennenden. Sie sind, was sie sein sollten, „richtige“ Kinder. Halt einfach im iPad.


Anja Glover

Anja Glover ist seit Jahren als freie Journalistin, Texterin und Bloggerin tätig. Sie ist in Zürich und Willisau aufgewachsen und studiert zurzeit Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Soziologie in Luzern und Paris. Weitere Informationen unter: www.anjaglover.ch.


Kommentare

  • Diese Entwicklung, was das Leben unserer Kinder anbelangt, kann man nicht ganz zurückweisen. Sicherlich wird von vielen schon erwartet, erwachsen zu sein, bereits an einem Masterplan für seinen Lebensentwurf zu feilen. Trotzdem sehe ich die Sache nicht ganz so schwarz wie hier beschrieben wird (im Gegensatz zu gewissen Tendenzen in den USA; siehe Link hier: https://www.dasmagazin.ch/2016/08/05/das-bose-lauert-uberall ).

    In der Schule, in welcher ich arbeite, kann man nämlich mühelos Fussball oder Tischtennis spielen – einige spielen sogar Tischtennis mit einem kleinen Fussball (so zum Thema Kreativität) -, auf dem Pausenplatz rumklettern, sich mit dem Wasser des Brunnens nass spritzen etc.
    Dass es im Winter gewisse Regeln gibt, die das Schneeballwerfen anbelangt (bspw. das Existieren einer abgegrenzten “Friedenszone”), scheint ja auch nicht zwingend schlecht zu sein, damit auf möglichst viele Wünsche der Jugendlichen Rücksicht genommen werden kann.

    Nichtsdestotrotz hoffe natürlich auch ich, dass es in Zukunft wieder mehr Möglichkeiten gibt, sich draussen zu betätigen resp. dass wir als Gesellschaft in die Pflicht genommen werden, mehr Anreize dafür zu schaffen. Von da her ist Pokemon GO vielleicht doch gar nicht mal so eine schlechte Idee gewesen (vgl. http://www.saoiaebi.com/the-world-of/popkultur-go ). 😉

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