Schweiz

Der Star der Sterbehilfeszene

Erika Preisig ist im Ausland bekannt. Teil zwei des Porträts.

Von Boris Gygax

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Im unaufgeregten Linz geniesst Preisig Anonymität. Doch ansonsten ist sie im Ausland eine bekannte und gefragte Persönlichkeit. Vor ihrem Besuch in Österreich trafen sie und Lüthi einen Journalisten in London. BBC plant eine dreiteilige Serie zum Thema Freitod. Die Baselbieterin trat schon einmal beim englischen Fernsehsender und auch in “Stern TV” des deutschen Senders RTL auf.

Zudem nahm sie als Rednerin am Kongress des Weltverbands für Sterbehilfe in Chicago teil, auch für den Europäischen Kongress in Berlin wurde sie als Referentin eingeladen. Durch die öffentlichen Auftritte verleiht sie der Sterbehilfe ihr Gesicht. Bei einer Einreise in London wurde sie schon mal von einer Zöllnerin erkannt. “Im Ausland erhalte ich mehrheitlich positive Rückmeldungen für meine Arbeit”, sagt Preisig.

In der Schweiz hingegen fühlt sie sich oft missverstanden und sieht sich öfter mit Negativschlagzeilen konfrontiert. Vor eineinhalb Jahren zum Beispiel, als ein italienischer Richter sich mit gefälschten Arztzeugnissen von ihr in den Tod begleiten liess. Die Basler EVP machte den Fall publik und forderte ein Verbot für Sterbetourismus. Die zuständige Gesundheitsdirektion stellte jedoch keine Pflichtverletzungen fest.

Im katholischen Linz ändert sich die Stimmung

Trotz der vielen öffentlichen Auftritte ist Preisig bereits am Nachmittag sichtlich nervös. “Ich bin nicht sehr redegewandt.” In Oberösterreich erwartet sie eine grosse Herausforderung. Der katholische Geist der Kirche ist in der Stadt allgegenwärtig. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung der Landeshauptstadt sind römisch-katholisch.

Die Überraschung: Die Linzer halten den Wunsch Preisigs, die Sterbehilfe zu legalisieren, keineswegs für eine Mission Impossible. Die Geschäftsführerin eines Bestattungsunternehmens spricht von einem Trend von “weltlichen Sprechern” an den Beerdigungen, weil jene persönlicher seien als der Pfarrer. Nur noch gut die Hälfte der Bestattungen werden streng katholisch abgehalten. Sie habe den Eindruck, dass die Einwohner von Linz der Sterbehilfe nicht grundsätzlich abgeneigt sind. Die derzeitige Gesetzgebung entspreche nicht der Haltung der Linzer, ist die Bestatterin überzeugt.

Vor dem Streitgespräch trifft Preisig Margarete Hermann*, eine Schweizerin. Deren hochbetagte Mutter hat die Hausärztin im November letzten Jahres in den Tod begleitet. Wenige Wochen später wählte deren Schwester denselben Weg. “Es war extrem hart für mich, zuerst meine Mutter und dann ihre Schwester zu verlieren, beide innert so kurzer Zeit”, sagt Hermann. Sie sei jedoch überzeugt, dass es richtig war, ihre Verwandten auf ihrem Weg in den Tod zu begleiten. Sie kam extra für die Podiumsdiskussion nach Linz, um Preisig zu unterstützen.

Abstumpfung fühlt Preisig keine

Es ist das erste Treffen zwischen Margarete Hermann und Preisig nach dem Tod der betagten Schwestern. “Es ist für uns sehr wichtig zu hören, wie es den Angehörigen nach einer solch schwierigen Zeit geht”, sagt Preisig. Sie sei erleichtert, dass die Familie Hermann die beiden Todesfälle so gut verarbeitet habe. “Das gibt uns Kraft und Bestätigung, auf diesem Weg weiter zu machen” sagt Preisig, die aufgrund ihrer Liebe zur Natur eigentlich Gärtnerin werden wollte.

Bedenken, Unsicherheiten oder manchmal auch Ratlosigkeit kommen bei Preisig immer wieder vor. Es koste sie jedes Mal Überwindung, grünes Licht für den Freitod zu geben. Eine Abstumpfung nehme sie nicht wahr, obwohl sie schon viel Erfahrung in der Sterbehilfe hat. Bisher habe sie “mehr als fünf Menschen aus Österreich” in den Tod begleitet. Genaue Zahlen verrät sie jedoch nicht, dies habe der Stiftungsrat so beschlossen. Eine Einschätzung aus Expertenkreisen liegt bei einer Sterbebegleitung pro Woche.

Teil 1: «Ich warte ständig auf die Strafe Gottes»

Teil 3: Mord oder Erlösung?

Teil 4: folgt in Issue 4

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Boris Gygax

Boris Gygax ist BaZ-Journalist und hat Erika Preising in Linz begleitet. Das vierteilige-Porträt über die Baselbieter Ärztin erscheint mit freundlicher Genehmigung der Basler Zeitung.