Schweiz

«Ich warte ständig auf die Strafe Gottes»

Erika Preisig begleitet fast wöchentlich Menschen in den Tod. Ein Porträt in vier Teilen.

Von Boris Gygax
- Mit Genehmigung der baz

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Die Ärztin Erika Preising leitet die Sterbehilfeorganisation Lifecircle. Die Basler Staatsanwaltschaft hat gegen die Organisation ein Untersuchungsverfahren eingeleitet, nachdem der Fall einer Britin Staub aufgewirbelt hatte. Angeblich hatte Lifecircle für die Fritodbegleitung zu hohe Kosten verrechnet hätte. Preising bestritt dies in den Medien. texted.ch hat die Frau, die hinter der international agierenden Sterbehilfeorganisation zu einem Podiumsgespräch ins erzkatholische Linz begleitet.

Erika Preisig schlendert durch die Landstrasse in Linz, die Pulsader der Stadt. Plötzlich bleibt sie stehen, Passanten ziehen an ihr vorbei. Sie macht mit einer unauffälligen Kopfbewegung auf zwei Bettler vor der Ursulinenkirche aufmerksam. Beiden fehlt ein Bein, beide sitzen im Rollstuhl. Der eine beschwert seinen Hut, in dem sich bisher ein paar wenige Cent angesammelt haben, mit einem Gehstock, damit der Wind seinen Verdienst nicht fortträgt. «Einen solchen Menschen würde ich nie in den Tod begleiten», sagt sie aus dem Zusammenhang gerissen. Das Thema Sterbehilfe scheint ständiger Begleiter ihrer Gedanken zu sein. Sie sehe den beiden Männern an, dass diese noch eine gewisse Lebensqualität haben. Es gebe jedoch Kranke, die «leidensmüde» seien, ob nach der x-ten Operation, Chemo- oder Schmerztherapie – ohne Hoffnung auf Heilung. «Diese Menschen sollen die Möglichkeit haben, ihren Leidensweg abzukürzen und in Würde zu sterben», findet die Ärztin mit einer Paxis im Baselbiet. Sie starrt nachdenklich auf die Pflastersteine.

Das neue Aushängeschild der Schweizer Sterbehilfe wurde in Österreich zu einem Streitgespräch eingeladen. Titel: «Sterben wie ich will! Mord oder Erlösung?» Organisatoren sind unter anderem das Forum St. Severin und die Katholische Hochschuljugend Oberösterreich. Es gibt einfachere Aufgaben, als in der katholischen Hochburg Linz für Sterbehilfe zu werben. Preisig wagt sich mit ihrem Anliegen also in die Höhle des Löwen. «Wir lassen uns aber nicht vorführen», betont ihr Lebenspartner Markus Lüthi. Er ist Mitglied des Stiftungsrats des Vereins Lifecircle, den Preisig präsidiert. Und er begleitet Preisig fast auf all ihren Reisen im Ausland.

Seit Erika Preisig den ersten Menschen in den Tod begleitet hat, ihren Vater, litt sie unter grossen Ängsten. Sie wurde streng katholisch erzogen. «Ich wartete ständig auf die Strafe Gottes, weil ich das Gefühl hatte, den Freitod nicht mit meinem Glauben vereinbaren zu können.» Jedoch funke sie Gott nun bereits seit zehn Jahren ins Handwerk – bisher sei noch nichts passiert. Sie wirkt nachdenklich, kneift ihre Augen von der Sonne geblendet zusammen. Die 56-jährige Sterbebegleiterin wärmt sich mit einer roten Wolldecke. Es weht eine steife Brise auf die Terrasse des Cafés Lentos beim Linzer Kunstmuseums, das direkt an der Donau liegt. Heute sei sie unsicher, welcher Religion sie nun angehöre. Auch von anderen Weltreligionen lasse sie sich inspirieren. «Ich glaube, meine Religion ist Nächstenliebe», sagt sie nach langem Überlegen.

In Österreich läuft zurzeit eine kontroverse Debatte. Politiker sprechen sich mehrheitlich gegen die assistierte Sterbehilfe aus, die in der Schweiz erlaubt ist. Lifecircle begleitet im Gegensatz zur Schweizer Organisation Exit auch Ausländer in den Freitod, warum Preisig regelmässig in den Nachbarländern, England oder gar noch weiter weg Patienten und Sterbewillige untersucht. Diese treten dann ihre letzte Reise in die Schweiz an. Doch die Sterbebegleiterin wirbt in Linz nicht in eigener Sache. Im Gegenteil: «Der Sterbetourismus in die Schweiz muss aufhören», fordert sie. Erst, wenn auch andere ­Länder wie Österreich den assistierten Suizid erlauben, könne sie sich mehr der ursprünglichen Vereinsarbeit widmen. Zum Beispiel alternative Wohnmöglichkeiten für Rentner entwickeln, um deren Lebensqualität zu erhalten.

Teil 2: Der Star der Sterbehilfeszene

Teil 3: Mord oder Erlösung?

Teil 4: folgt in Issue 4

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Boris Gygax

Boris Gygax ist BaZ-Journalist und hat Erika Preising in Linz begleitet. Das vierteilige-Porträt über die Baselbieter Ärztin erscheint mit freundlicher Genehmigung der Basler Zeitung.