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Zum Glück Pech gehabt

Denk positiv, zähl die Sonnenstunden nur, glaub an den Erfolg: So lautet das Mantra der Moderne. Was aber, wenn der Weg zum Glück übers Scheitern führt?

Von Nicole Althaus

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Das Streben nach Glück ist der kleinste gemeinsame Nenner der Menschheit: Es verbindet nicht nur Generationen, sondern auch Kontinente. Glücklich sein ist ein durch und durch humaner Wunsch. Und gleichzeitig ein Daseinszustand so flüchtig wie die Luft zum Atmen. Nicht umsonst ist Glück ein wichtiger philosophischer Topos, der schon den alten Griechen Kopfzerbrechen bereitet hat. In der modernen kapitalistischen Welt ist das Streben nach Glück im Begriff zum grössten gemeinsamen Nenner der Menschheit zu werden: Zu einem Zustand, der kein Wunsch mehr ist, sondern Wille. Zu einem Recht, das etwa in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben worden ist wie das Recht auf Freiheit. Zu einem Imperativ gar: Glück hat nicht, wer Glück hat. Sondern wer es verdient. Und weil Glück längst nicht immer einfach mit Arbeit zu verdienen ist, wachsen die Selbsthilfeabteilungen in Buchhandlungen stetig an.

Das Glas ist immer halb voll

In den meisten Büchern lernt der Glücksucher, positiv zu denken. Nie ist das Glas halb leer, Pessimismus ist ein Charakterzug, den es schleunigst zu überwinden gilt, und Erfolg etwas, das visualisiert werden kann, an das man ganz fest glauben muss, damit es eintritt. Neurowissenschaftler vermuten heute gar, dass die Evolution das menschliche Hirn dazu gebracht hat, positiven Erlebnissen mehr Speicherkapazität zu geben als negativen. Optimisten, so behaupten Studien, tendieren dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen, was nicht nur dazu führt, dass sie sich mehr zutrauen, sondern auch, dass sie im Endeffekt mehr erreichen. So sehr haben wir das «Denk-Positiv-Mantra» verinnerlicht, dass die wohl beliebteste Schwäche, die bei Vorstellungsgesprächen brav rapportiert wird, lautet: Ich habe eine Tendenz zur Perfektion. Mit Verlaub, das ist keine Schwäche, das ist Schwachsinn. Und beweist vorab eins: Die Zeit ist reif für eine «Anleitung zum Pessimistischsein».

Denn mal ehrlich: Für eine Zivilisation, die sich so sehr auf das Glück konzentriert, sind wir doch verdammt inkompetent auf diesem Feld. Kaum eine Errungenschaft der Moderne scheint unser Wohlbefinden erheblich gesteigert zu haben. Geld? Ein Haus im Grünen, statt bloss ein Dach über dem Kopf? Sie bringen allerhöchstens Stabilität in unser Leben, aber Glück? Wer die Welt auch nur ein bisschen bereist hat, dem sind mit Sicherheit viele Menschen begegnet, die mit sehr viel weniger, sehr viel glücklicher scheinen. Und dieser Eindruck wird von Glücksstudien auch regelmässig bestätigt. Nicht die Menschen, denen es objektiv am besten geht, sind die glücklichsten. Rennen wir also einem falschen Ideal hinterher? Oder ist es vielmehr das angestrengte Glücklichseinwollen, das uns unglücklich macht?

Lektion im Verlieren

Zum Glück geht ein neues Buch genau diesen Fragen nach: «The Antidote» heisst es, «das Gegengift». Der Untertitel verspricht «Glück für Menschen, die das positive Denken hassen». Der Autor und Journalist Oliver Burkeman ist ein wahrer Schwarzmaler. Einer mit Galgenhumor. Er konfrontiert die Leser nämlich permanent mit Menschen, die das Scheitern umarmen. Und trotzdem was zu Lachen haben. Mit Psychologen und Terrorexperten zum Beispiel, mit Business-Coaches und Buddhisten, die genau auf das fokussieren, was die moderne Gesellschaft so dringend zu vermeiden sucht: Misserfolg, Unsicherheit, Verlieren. Und sie alle kommen zum Schluss: Auf die Nase fallen, ist keine Schande, sondern eine vielversprechende Strategie.

Dabei ist der Autor Pessimist genug zu wissen, dass ihm das ohne wissenschaftliche Untermauerung niemand abkauft: So zitiert er unter anderem die Studienergebnisse der Deutschen Psychologin Gabriele Oettingen, die in einer Serie von Experimenten herausgefunden hat, dass das positive Visualisieren von Erfolgssituationen die meisten Menschen nicht zu Höchstleistungen antreibt, sondern im Gegenteil demotiviert. Denn was Optimisten gern unterschlagen, ist die nicht zu unterschätzende Angst vor dem Scheitern, die ein positivistisches Weltbild auch heraufbeschwört.

In seiner äusserst aufschlussreichen Abhandlung erinnert Burkeman deshalb an ein Weltbild, welches seinen Fokus nicht auf den Erfolg, sondern auf den Misserfolg gerichtet hat: Das der Stoiker. Das stoische Gedankengebäude, das den meisten Menschen heute nur noch im Adjektiv «stoisch» begegnet, hat ein paar Jahre nach dem Tod von Aristoteles den westlichen Glücksbegriff für fast fünf Jahrhunderte geprägt: Es geht davon aus, dass es nicht das Glück, sondern die Gleichgültigkeit als idealer Gemütszustand zu erreichen gilt. Gemeint ist keineswegs Gleichgültikeit in Form von Kälte gegenüber Mitmenschen, sondern einen neutrale Haltung gegenüber dem Schicksal. Denn Glück ist genau wie Unglück eine Frage der Interpretation. Oder anders gesagt: Wer das Worstcase-Szenario ausmalt und tatsächlich auf die Nase fällt, wird feststellen, das alles gar nicht so schlimm war wie gedacht. Wer sich gedanklich schon auf dem Podest stehen sieht und als fünfter ins Ziel fährt, ist bitter enttäuchst. Das imaginierte Glück ist flüchtig, das imaginierte Pech aber führt zu einer grösseren Frustrationstoleranz. Kein Kind lernt laufen, weil es sich vorstellt, bereits rennen zu können. Es lernt laufen, weil es hinfällt und wieder aufsteht.

Scheitern Sie mal!

Was für ein Pech also, dass Scheitern in unserer Gesellschaft so negativ konnotiert ist. Wer sich ständig bloss das vornimmt, was er sicher erreichen kann, kann sich selbst nicht übertreffen, argumentiert Burkeman. Wäre Scheitern eine legitime und gesellschaftlich akzeptierte Option, dann wäre sie weniger ein Zeichen dafür, nicht zu genügen, als vielmehr ein Beweis für den Willen, das eigene Können zu erweitern. Eine Haltung übrigens, welche die Pädagogik längst entdeckt hat: Studien von Standford-Psychologin Carol Dweck beweisen, dass Eltern Kinder mehr fördern, wenn sie die Anstrengung loben und nicht die erreichten Resultate: Der Fokus auf das Talent hemmt die kindliche Bereitschaft, auch mal zu Scheitern. Beziehungsweise das Scheitern stellt das attestierte Talent in Frage. Das Lob für die Anstrengung aber behält seine Gültigkeit, auch wenn ein Mathetest daneben geht. Ganz nach dem Motto: Anstrengung bringt einen sehr wahrscheinlich nicht immer zum gewünschten Ziel, aber sicher immer weiter. Ein pessimistischer Gedanke vielleicht, weil er das Scheitern vorwegnimmt, aber einer mit wahrem Glückspotential.

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Glück Job Psychologie


Kommentare

  • Nobod Novgorod

    Wenn ich jetzt 12 wäre, zöge ich den Herrn der Ringe diesem Geniestreich vor. Glückliche Kindheit! Mein Fehler.

  • Franz Arouet

    Da ist was dran:
    “Gut gemeint ist das Gegenteil von – gut gemacht (bien fait).”
    Der Philosoph mit seinem “beissenden” Humor (selten in dieser Disziplin),
    Schopenhauer,  galt als Pessimist; aber wer hat so viel gelacht, ueber seine Texte kann
    man befreidend lachen…
    (Du haettest wollen – haettest Du denn koennen?).

  • Franz Arouet

    Meine “Lebensphilosophie” nenne ich (neu)franzoesisch “bidulerie”; etwa
    die Sache mit den Sachen. (Das Wort ist nicht geschuetzt wink ).
    Eine Art Balance zwischen Durchhaltewillen und Gelassenheit.
    Das gibt natuerlich, und macht manchmal, Muehe; aber trotzdem…

  • Sokrat Hess

    Glücklich ist, wer über sich selber lachen kann, ohne seinen Stolz zu verlieren.

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