Clack

«Zuhause arbeiten braucht Abgrenzung»

Für viele ist er ein Ideal: der Home Office Day. Grossfirmen propagieren das mobile Arbeiten zunehmend. Doch wo liegen die Gefahren? Clack hat bei einem Experten nachgefragt.

Von Clack-Team

Twittern

1 von 2

Ein Home Office Day gehört heute schon bei vielen Angestellten zum Berufsalltag. Das mobile Arbeiten wird von Grossfirmen wie etwa Microsoft oder der Swisscom seit einigen Jahren gefördert und auch zahlreiche Klein- und Mittelunternehmen setzen darauf. Damit soll die Produktivität und Lebensqualität der Mitarbeitenden erhöht und die Verkehrsinfrastruktur und Umwelt entlastet werden. Gerade für jüngere Wissensarbeitende ist der mobile Lifestyle ist in den letzten Jahren zum Statussymbol geworden. Man trifft sich in kollaborativen Workspaces in den Innenstädten und ist mit WLAN in der Lage jederzeit und von überall zu arbeiten.

Dabei wird das klassische Bild des arbeitenden Menschen mit festem Arbeitsort und geregelter Arbeitszeit auf den Kopf gestellt. Das verlangt nach viel Vertrauen und alternativen Führungsmodellen. Besonders gefordert in Sachen Work-Life-Balance sind einmal mehr berufstätige Eltern. Wenn als Pausenaktivität der Haushalt erledigt wird, trägt das wenig zur Zufriedenheit bei, wie eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz zu den Vorzügen und Tückern der Heimarbeit zeigt. 

Generell git, dass uns im Umgang mit den neugewonnen Freiheiten noch das Training fehlt, wie Jens Meissner, Dozent für Organisation, Innovation und Risikomanagement an der Hochschule Luzern feststellt. Er forscht zum mobilen Arbeiten und ist Mitinitiator des Luzerner Arbeitstrendbarometer, das sich mit der Zukunft der Arbeit auseinandersetzt. 

Haus- und Erwerbsarbeit kommen dank dem mobilen Büro wieder an den gleichen Platz. Ist das Fluch oder Segen?

Sie kommen eben an den gleichen Ort, nicht aber den gleichen «Raum». Und das ist natürlich Fluch und Segen zugleich: Fluch, weil man sich abgrenzen muss – und Abgrenzung gegen andere ist immer auch eine Abgrenzung gegenüber sich selbst. Segen, weil man aktiv mitgestalten und das Problem der eigenen Arbeitsraumgestaltung motivierend und kreativ selber lösen darf. Mitgestaltung ist aber auch immer an Verantwortung gebunden. Somit gewährt ein Unternehmen, das mobiles Arbeiten Einzug nehmen lässt, auch immer Mitbestimmung. Und ohne die kann man eben die wirklich guten Mitarbeiter nicht halten.

Welches sind die grössten Herausforderungen, mit denen mobil Arbeitende heute konfrontiert sind und was können sie dagegen tun?

Sicherlich ist die Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben eine der schwierigsten Herausforderungen. Hierauf sind wir durch unsere Vorbildung und durch unsere Sozialisierung schlecht vorbereitet. Das liegt noch nicht einmal an der Schule selber, sondern vielmehr daran, dass uns die Ausbildungssysteme durch die gesamte Adoleszenz hindurch strukturieren: Nur selten müssen wir in Schule und Ausbildung mit wirklichen Freiheiten und hochkomplexen Wahlalternativen umgehen. Und zu entscheiden, wo man am besten arbeitet, gehört zu diesen eher wenig trainierten Freiheiten.
 

Grossraumbüros machen vielen Leuten zu schaffen. Sie geben an, dass sie zu Hause konzentrierter und produktiver arbeiten. Flüchten nicht einfach viele Leute aus den Büros, weil sie zu Hause eine individuellere Umgebung vorfinden, die am Arbeitsplatz nicht mehr geboten wird?

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestalten ihre Arbeitsumgebung immer und überall mit. Das ist der Grund für die vielen verwendeten Musikdevices, die man auf Zugfahrten beobachten kann. Wenn das Gegenüber sich mit jemand anderen lautstark austauscht, schaltet man auf dem eigenen Audiokanal auf seine individuelle Hörumgebung um. In vielen Büros hat man immer noch ausreichende Gestaltungsspielräume. Aber es wird dort sicher produktivitätsbetonter, also eher funktionaler, etwas enger und auch kommunikativ schneller. Das wollen viele Unternehmen ja erreichen. Aber im Idealfall stören diese Einschnitte wenig, da sie oft ungenutzten Raum betreffen.  
 

«My desk is my castle»,«My office is my castle», Studien mit diesen Titeln haben gezeigt, dass vielen Leuten ihr Arbeitsplatz wichtig ist und sie das auch als kleines Stück Heimat wahrnehmen. Sind die Zeiten des individuell dekorierten und persönlichen Arbeitsplatzes definitiv vorbei?

Das Castle definiert sich anders, als rein durch den Ort: Die richtigen Kolleginnen und Kollegen am richtigen Platz zur richtigen Zeit zeichnen eine stimmige Arbeitsatmosphäre heute aus. Gerade im Bereich der hochqualifizierten Portfolioarbeiter, wir nennen Sie «Hybride Professionals», finden wir das als dominantes Leitmotiv wieder, das man etwa so formulieren könnte: «Ich möchte unter freundschaftlichen, die Kreativität und Motivation frei setzenden Bedingungen arbeiten und nachhaltig zu sinnvoller Wertschöpfung beitragen.» Und dies kann auch unter ergonomisch unmöglichsten Bedingungen stattfinden. Sozusagen ersetzen wir das Castle noch mehr durch das eingespielte Team.
 

Wird das Prestige, das früher damit verbunden war ein repräsentatives Büro zu haben, heute abgelöst durch das Ideal kein Büro zu haben?

Ich würde sagen, dass es einfach eine andere Qualität ist: Kein Büro zu haben, bedeutet erst einmal, dass es für alle Beteiligten schwieriger und komplizierter wird. Es ist eine Freiheit, die man verantwortlich wahrnehmen muss. Aber eine komplexe Arbeitsorganisation ist zur erfolgreichen Bewältigung der zunehmend anspruchsvolleren Wirtschaftsbedingungen absolut notwendig.

Unternehmenskultur und Führung gelten als Schlüsselfaktoren für eine gelungene und produktive Zusammenarbeit. Das klingt so einfach, führt aber zu heftigen Diskussionen, gerade wenn es um die Frage nach der Präsenz im Büro geht. Das hat nicht zuletzt das Beispiel von Yahoo gezeigt, als Marissa Mayer ihre Leute zurück ins Büro orderte, Was braucht es für Regeln?

Wir brauchen wirkungsvolle Mechanismen des Vertrauens, des Führens über Zielvereinbarungen sowie der Kollaboration. Mobiles Arbeiten darf nicht zu Misstrauen, fehlender Zielerreichung oder permanent überfordernder Zusammenarbeit führen.

Welches sind die grössten Herausforderungen für Führungskräfte? Müssen die immer dann zur Verfügung stehen, wenn ihre mobilen Arbeitenden gerade Zeit und Lust haben?

Nein, sie müssen im Wesentlichen für den Vertrauensausgleich sorgen, das heisst, sie müssen dem ungerechtfertigten sozialen Vergleich unter Mitarbeitern entgegen wirken und Misstrauen gegenüber denjenigen auflösen, welche nicht im Büro arbeiten.

  
Konnektivität – also die Fähigkeit zur Vernetzung wird im kürzlich veröffentlichten Luzerner Arbeitsbarometer als wichtigste Entwicklung in der modernen Arbeitswelt angesehen. Was bedeutet das für die künftige Stellensuche und Karriereplanung: Gebe ich künftig nicht mehr meinen CV an, sondern ein Abbild meines Netzwerkes?

Das persönliche Bild bleibt ein immens wichtiges Symbol – durch den Megatrend der Individualisierung bestimmt. Aber der Einzelne als Organisator eines personenzentrierten Netzwerks nimmt eine besondere und herausragende Stellung ein. Gerade für Karrierepositionen wird immer stärker nach persönlicher Vernetzung gefragt. Das war schon früher so, spitzt sich aber weiter zu.

Eine Auswahl weiterer Artikel zum Thema Home Office, mobile Arbeit und die Tücken der Verainbarkeit von Berufs- und Privatleben

(Visited 55 times, 1 visits today)
Arbeit Beruf Job Mobilität Work-Life-Balance