Clack

Woody Allen und die Frauen

Der Stadtneurotiker feiert seinen 75. Geburtstag. Eine spezielle Liebe zu den Frauen zieht sich wie ein Band durch seine Filme.

Von Nina Toepfer

Twittern

Enges Beziehungsgeflecht, schnelle Dialoge. Die eindeutigen Absichten sind möglichst unauffällig verpackt: Der Filmklassiker «Manhattan» ist wie eine Reise nach Jerusalem, einer landet immer zwischen den Stühlen, und das kann keiner so gut wie Woody Allen, von Haus aus Komiker. Nerd, Intellektueller, Softie: dieses Rollenmodell hat er geprägt, ihm Selbstironie und Witz beigegeben, statt offensichtlichen Sexappeal, was seiner ungeniessbaren Selbstbezogenheit Charme verleiht.

Die amerikanische Publizistin Joan Didion kritisierte Allens Filme, auch «Manhattan», 1979 in der «New York Review of Books». In den erwachsenen Figuren sah sie ewig unreife Kinder, missmutig, schlecht erzogen, mit Bildung um sich werfend, aber von Weisheit keine Spur. Diese «Klassenbesten» redeten dauernd über Beziehungen, und sagten Dinge, die vor allem schick klingen. Wie Hauptfigur Isaac: «Wenn es um Beziehungen mit Frauen geht, gewinne ich den August-Strindberg-Preis.»

Didions Aufsatz macht derzeit online eine neue Runde. Auch wenn man das Gerede der Protagonisten nicht so ernst nimmt, sondern als komisch überzeichnete Skizze über eine Generation und die knappe Erkenntnis, dass die Gesetze der Beziehungsphysik schwer zu verstehen sind: Was tun die Frauenfiguren bei Woody Allen im Film?

Wenn Mary in «Manhattan» eine «Frauenrechtlerin» genannt wird, klingt das heute sehr seventies. In «Annie Hall» gibt es die berühmte Szene, in der Woody Allen in der Rolle des Alvy Singer ein junges Paar auf der Strasse anspricht, wie es komme, dass sie so glücklich aussähen. Die Frau antwortet: «Ich bin sehr oberflächlich und leer und habe nichts Interessantes zu erzählen.» Ihr Begleiter: «Ich bin genau wie sie.»

Die ungelenke Suche nach Rollen und erotischer Erfüllung ist bei Woody Allen oft recht gleichberechtigt verteilt. Allens berühmte Selbstironie ist wohl erst dann unterhaltsam, wenn man als Zuschauerin ebenfalls Selbstironie aufbringt, auch bei seinen Frauenfiguren. Denn die sind nicht immer schmeichelhaft. Oft scheinen sie weniger ihrer selbst Willen geschaffen, als um die Rollen der Männer zu illustrieren: Tolle, oft sehr junge Frau lässt sich auf neurotischen, aber witzigen und scheinbar einfühlsamen, nicht eben breitschultrigen Mann mit grosser Brille ein.

Frauenfiguren prägen seine Filme, und das immer in allerbester Besetzung. Allen gilt als «Frauenfilmer», sie als seine Musen: Seit «Annie Hall» immer wieder Diane Keaton, später mehrmals Mia Farrow, in «Manhattan» Meryl Streep und die junge Mariel Hemingway, in «Everyone Says I love You» Megastar Julia Roberts, in «Vicky Christina Barcelona» Scarlett Johansson, Penélope Cruz und Rebecca Hall, womit sich die Sache mit dem fehlenden Sexappeal definitiv erübrigt hat.

Allens aktueller Film «You Will Meet a Tall Dark Stranger» mit Gemma Jones und Naomi Watts ist wieder ein Beziehungs-Ringelreihen. Wenn Beziehungen etwas aussagen über Gesellschaftsentwürfe, dann bieten Woody Allens Filme immer wiederkehrende Zeitbilder. Natürlich sehen die Utopien von 1968 heute überholt aus. Aber kann es sein, dass wir heute immer noch ewig über Beziehungen reden und nicht weniger verstrickt? Bloss nicht so geistreich wie in Allens Filmen? Das Wort «Frauenversteher» würden wir am liebsten auf den Index setzen weil es nach klinischem Fall klingt. Dass Woody Allen die Frauen versteht und liebt, ist nicht zu übersehen. Wie das in ein irdisches Leben und ins Kino passt ist eine andere – seine – Frage.

(Visited 92 times, 1 visits today)
Kino