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Das Lesen der Anderen

Alle klagen über zu wenig Zeit zum Lesen. Eine Ausnahme sind die Pendler, die haben davon mehr als genug. Da gibt es neue Formate – und alte Freuden am voyeuristischen Blick.

Von Seraina Mohr

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Pendeln ist der Preis für Mobilität und der Garant für verkürzte Freizeit und Stress. Oder aber Pendeln ist Leseförderung in Reinkultur, denn bei kaum einer anderen Tätigkeit bleibt so viel Zeit für die Lektüre. Das zeigen die Auflagezahlen von Pendlerzeitungen, aber auch der tägliche Blick auf die Mitreisenden. Da werden Vorlesungsskripts bearbeitet, Zeitschriften gelesen, Facebook-Nachrichten gecheckt oder Online Newssites abgerufen. Die fehlende Gelegenheit Informationslektüre zu lesen, ist denn auch einer der Faktoren, die Schweizer Pendlerinnen und Pendler unzufrieden macht, wie die Studie «Pendlerglück» zeigte. 

Routinereisen und Kopfreisen

Eintauchen und die dauermotivierten Wanderer im Seniorenalter vergessen, die Musik aus den Kopfhörern ignorieren oder gar das Aussteigen vergessen, das schafft nur gute Lektüre und nicht Sudoku, Kreuzworträtsel oder die neusten Eskapaden von Disney Stars. Da kommt zur Routinereise die Kopfreise und die hört nicht bei den Lesenden auf, sondern geht in den Köpfen der Mitreisenden weiter. Der Blick auf ein Buchcover und die Beobachtung der Gesichtszüge des pendelnden Gegenübers ist eine heimliche Mitfahrgelegenheit. 

Handyromane und Bücherausleihen für Pendler

 Dabei bleiben die Schweizer Berufsreisende durchaus den klassischen Formaten treu. Ganz anders im Pendlerland Japan. Dort zählen die sogenannten Handyromane schon seit Jahren zu den meistverkauften Werken. Kurze, einfache Sätze sind typisch für das Genre, zudem temporeiche Plots und Geschichten, die sich um Liebe und Leidenschaft drehen und auf dem Smartphone gut lesen lassen. Sie werden entweder als Ganzes oder als Fortsetzungsromane angeboten. Mittlerweile verkaufen sich die populärsten Handyromane auch gedruckt ausgezeichnet. Hierzulande hat sich das Format allerdings noch nicht durchgesetzt. Oliver Bendel,  Professor und Autor publiziert seit einigen Jahren auch Romane fürs Handy, etwa die Geschichte von Lucy Luder. Noch bleiben die Handyromane aber ein Nischenphänomen, das von den grossen Verlagen nicht gepflegt wird. Dabei könnten sie sich mit Angeboten für Pendler durchaus profilieren. Für sie könnte ein Experiment in Shanghai als Vorbild dienen. Dort hat eine Kioskkette Ausleihstationen für Bücher eingerichtet, um den Lesenden die Lektüre gedruckter Werke schmackhaft zu machen und die Fixierung auf die Smartphones zu lösen. Die Bücher können kostenlos ausgeliehen und später auch an anderer Station wieder abgegeben werden.

Lesende beobachten

Während die einen lesen, werden sie von anderen fotografiert. Davon zeugen verschiedene Fotoblogs auf dem Internet, die sich dem Pendeln oder noch spezifischer der Pendlerlektüre widmen. So dokumentiert Ourit Ben-Haim in ihrem Fotoblog Underground New York Library  Lesende in der U-Bahn von New York. Da wird das Buch zum Rettungsanker in der Alltagshektik, zum Nothelfer bei Verspätungen und zum Schutzschild gegenüber den anderen Reisenden. Genauso spannend wie die Fotos sind die Bildunterschriften, die Angaben zur Lektüre machen. Da wird das Buch auch zum Accessoire, mit dem gerne die Individualität in der pendelnden Masse unterstreicht. Ein intimer Moment im öffentlichen Raum, der aber nach Ansicht der Blog-Autorin Julie Wilson durchaus bewusst inszeniert wird. 

Anleitung für digitale Voyeur

 Sie ist selbsternannte literarische Voyeurin und hat es mit ihrem Blog Seenreading zu einiger Bekanntheit und einer eigenen Buchpublikation gebracht. Auf ihrer Website führt sie in die Kunst des literarischen Voyeurismus ein und hat dazu den passenden Hashtag auf Twitter definiert. Unter #seenreading twittern Pendler ihre Bilder von Lesenden aus der ganzen Welt. Sie ist überzeugt, dass sich die meisten Lesenden im öffentlichen Raum der öffentlichen Beobachtung bewusst sind und sieht teils auch eine Form von exhibitionistischer Performance darin. Dennoch gibt sie klare Anweisungen für literarische Voyeure: 
– Nicht in den Leseraum eines Anderen eindringen
– Lesende nicht suchen oder gar jagen, das wirkt verzweifelt und erregt Aufmerksamkeit
– Keine Begegnungen zwischen Voyeur und Leser forcieren  

Der kleine Lesekick im Alltagstrott

Dass Krimis gemäss Beobachtung von Wilson auf der Rangliste der Pendler ganz oben stehen, leuchtet ein. Je routinierter die Reise, desto aufregender der Stoff, den es fürs Abdriften in andere Welten braucht. Entsprechend ist das Sortiment an den Bahnhofskiosken ganz darauf ausgerichtet, den kleinen Kick zu liefern. Eine Mitvierzigerin zwischen Büro und Heim mit verzücktem Blick «Shades of Grey» verschlingen zu sehen, ist voyeuristisch und irgendwie aufregend. Allerdings blieb der Blick häufig verwehrt, die Bücher von E.L. James waren die meistverkauften Ebooks und damit dem Blick der Reisebegleiter entzogen.  Die soziale Komponente findet bei der Lektüre von Ebooks im virtuellen Raum statt. Die App Readmill erlaubt das einfache Markieren und Textstellen, die dann auch für alle anderen Nutzer der Plattform sichtbar sind und in in sozialen Netzwerken geteilt werden können. Sozusagen der Leseclub für digitale Nomaden und ein Tummelfeld für Datenvoyeure. Eine analoge Weiterentwicklung wären speziell festegelegte Zonen, in den sich etwa die Liebhaber einzelner Autorinnen und Autoren zum Pendler-Literaturclub treffen und von den Verlagen mit Spezialeditionen versorgt werden.

Lesen regt zu Kopfreisen an und die dürfen ja utopisch sein.

Links

Handyromane

Experiment in Shanghai 

Underground New York Library

Readmill

Blog Seenreading

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Arbeit Internet Kultur Lesen Pendeln Trend

Seraina Mohr

Seraina Mohr ist Leiterin des Competence Center Onlinekommunikation am Institut für Kommunikation an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich und arbeitete anschliessend mehr als 10 Jahre in verschiedenen Funktionen in der Medienbranche.


Kommentare

  • marie

    für mich unbestritten einer der schönsten und aufbauendsten tätigkeiten, die es gibt. aber im zug kann ich nicht lesen, genau aus den benannten gründen – ich mag es nämlich nicht, wenn man mich dabei beobachtet. nichts desto trotz ist das abtauchen in eine fremde welt, um kopf zu reisen, mit abstand etwas vom wundervollstem.

  • adrian

    hehehehe, ich bin sehr weise für mein alter marie smile
    hab mir die beiden titel auf jedenfall mal notiert. danke
    ich habe gerade die prophezeiungen von celestine beendet, ein faszinierendes buch zum thema energie/aura
    nun habe ich mit etwas trivialerem begonnen: game of thrones, immerhin lese ich es auf english was doch auch ziemlich herausfordernd ist. ich wechsle immer ein wenig ab zwischen trivialer und anspruchsvoller literatur. ich liebe einfach ein gutes fantasy-buch zum abtauchen, am liebsten im garten oder im bett oder eben beim pendeln smile

  • adrian

    hahaha, ja es gibt tatsächlich leute, die unbedingt dabei gesehen werden wollen, wie sie etwas anderes als eine tageszeitung lesen. ich lese sehr gerne beim pendeln und versinke in meiner fantasie-welt. und ich liebe es mich direkt nach dem feierabend wieder in meine lektüre zu vertiefen. aber ich versuche eher nicht zu zeigen, was ich lese und manchmal hab ich das gefühl, beim lesen beobachtet zu werden. ich frage mich einfach, was der reiz am beobachten der leser ist?

  • adrian

    was liest du denn momentan?

  • marie

    gestern soeben beendet: ein fliehendes pferd, robert walser – sehr empfehlenswert, wobei du zu jung bist für dieses buch (so in ca. 20 jahren ist es nachvollziehbar, früher eher nicht wink )
    und ebenso gestern begonnen: die kunst der moderne, sandro bocola (verdammt gut geschrieben und sehr informativ)
    …am liebsten bei mir auf meinem sofa, oder in der küche, wo ich rauchen kann.

  • marie

    und du?

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