Clack

Nadel verpflichtet

Selbstbewusst, ironisch und jenseits von Zwängen häkelt und strickt eine neue Generation von Frauen. Die einen tun es aus purem Spass. Die anderen aber verstehen es gar als ein feministisches Statement.

Von Seraina Mohr

Twittern

1 von 4

Handarbeit, das Wort allein löst bei vielen Frauen ab Mitte vierzig noch immer ein leichtes Schaudern aus. Zu gut sind die Schulstunden in Erinnerung, als bei den Jungs die Späne flogen und bei den Mädchen nur die Maschen fielen. Das hat der einen oder anderen die Freude vergällt, Nähen, Sticken und Stricken wurde als veraltet betrachtet und Schlagbohrer und Übergwändli wurden eher zu Insignien der Emanzipation. (Lesen Sie auch: «Die Hammer-Frauen»)

Politisch engagiert, handwerklich interessiert

Das hat sich geändert. Die neuen Handarbeiterinnen verstehen sich als Teil der Crafting-Bewegung, sind selbstbewusst, ironisch und exponieren sich auch bewusst in der Öffentlichkeit, etwa an der diesjährigen re:publica in Berlin, wo Daniela Warndorf und Kiki Haas im Frühjahr eine vielbeachtete Session bestritten. Gerade haben in Basel 200 Strickaktivistinnen und -aktivisten die Rheinfähren verstrickt. Befreit von allen Klischees und gesellschaftlichen Zwängen gehen die Handarbeiterinnen von heute mit den alten Vorurteilen lustvoll um. Sie publizieren auf Blogs mit Titeln wie «Wollbindung» oder «Gemacht mit Liebe» und vertreiben Postkarten mit Claims wie «Jeder liebt ein Mädchen, das strickt».

Crafting ist mehr als Handarbeit, es steckt dahinter nicht nur ein neues Selbstbewusstsein und bewusster Bruch mit der traditionellen Handarbeit als Tätigkeit von Hausfrauen, sondern durchaus auch das politische Statement, sich von typischen Zuordnungen zu befreien. Das gibt auf den Plattformen einen bunten Mix von Jung und Alt, politisch engagiert und handwerklich interessiert. Über das Internet vernetzen sich Crafter miteinander, mit ökonomischen Folgen und Erfolgen. (Lesen Sie auch: «Mit den Friends in der Umkleidekabine»).

Wurde das Wissen früher innerhalb der Familie von der Mutter zur Tochter weitergegeben, so wird dieser Bruch in der Tradition heute durch soziale Netzwerke gefüllt. Auffallend ist die altersmässige Heterogenität der Szene. Handwerkliches Wissen wird geteilt, Strickanleitungen getauscht oder gekauft und wertvolle Tipps verschenkt. Und bewundernd hat ein «Slate»-Autor die Plattform Ravelry als Beweis dafür genannt, wie spezialisierte Netzwerke funktionieren. Über 1 Million Häkel- und Strickanleitungen wurden da schon verkauft. Alleine im letzten Jahr wurden nach Angaben der Betreiberinnen mehr als 800’000 Kilometer Garn verkauft und am Spitzentag des letzten Jahres 348 Anleitungen hochgeladen.

Ravelry – das Zentrum des Strickuniversums

Betrieben wird die Plattform, die über den englischsprachigen Sprachraum heraus als Zentrum des Strickuniversums gilt, von vier Leuten, ohne fremdes Kapital, doch mit Finanzierungshilfe aus der Community. Der Umgangston ist freundlich, gegenseitige Anerkennung wichtig und die Erlösmodelle fair. 98 Prozent der Gewinne fliessen zurück an die Anbieter. Der Versuchung, an einen Investor zu verkaufen, wurde bisher widerstanden und die etwas handgestrickte Plattform scheint der Zielgruppe zu gefallen. Drei Millionen User zählt Ravelry. Der angenehme Umgangston sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dahinter eine durchaus schlagkräftige Community steht. Das musste das Internationale Olympische Komitee feststellen, das im letzten Jahr den Begriff «Ravelympics» verbieten wollte, weil es der Marke und dem olympischen Gedanken nicht entspreche. Nach einem Proteststurm der Gemeinschaft krebste es zurück, und sogar die «Businessweek» berichtete. (Lesen Sie auch: «Der neue Secondhand-Trend»)

Crafting als Statement und Teil einer Bewegung

Der Grossteil der begeisterten Strickerinnen und Häklerinnen tut das aus Spass an der Sache. Andere wiederum sehen es als politisches Statement. Unter den Schlagworten «Guerilla Knitting», «Yarn Bombing» oder «Urban Knitting» wird der öffentliche Raum durch Stricken verändert.

Die sogenannten Craftistas rechnen sich der dritten Welle des Feminismus zu und häkeln, stricken oder kochen als Beitrag zur Weltverbesserung und befreit vom Verdacht der Domestizierung. Die Craftistas, die Handarbeit mit Aktivismus verbinden, berufen sich gerne auf historische Vorbilder. Strickerinnen, die während der französischen Revolution die Handarbeit als politischen Ausdruck nutzten. Im letzten Jahrhundert waren es die grünen Politikerinnen, die im deutschen Bundestag strickten. Nicht länger findet die Arbeit nur im Versteckten statt. Die Craftistas sorgen mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen für Aufmerksamkeit, sei es, dass Panzer bestrickt oder Hydranten umgarnt werden. Als explizit feministische Motivation gilt der Anspruch, Tätigkeiten neu zu bewerten, die bisher als stereotyp weiblich und auch trivial bewertet wurden.

Die Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele hat die Bewegung erforscht und stellt fest, dass den meisten Craftistas eine konsumkritische Haltung eigen ist. Sie weist auch darauf hin, dass in der kreativen Wirtschaft durchaus prekäre Arbeitsverhältnisse herrschen und der ganze Do-it-yourself-Boom das verstärke.

Dass die Bewegung auch kommerziell genutzt wird, lässt sich dabei nicht vermeiden. So wirbt ein Hotel in der Zentralschweiz mit speziellen Urban Knitting Packages – Garn und Nadeln inbegriffen. (Lesen Sie auch: «Attraktive Frauenzimmer»)

Links

Feminismus Handarbeit Trend

Seraina Mohr

Seraina Mohr ist Leiterin des Competence Center Onlinekommunikation am Institut für Kommunikation an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich und arbeitete anschliessend mehr als 10 Jahre in verschiedenen Funktionen in der Medienbranche.


Kommentare

  • marie

    Ja, Ruth Dreifuss und Bruno Manser taten das vor dem Bundeshaus 1993:
    http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/13054582#showid=9982&index=6

    Grundsätzlich eine gute Sache, v.a. in Anbetracht, dass wir uns unser Leben, wie es sich jetzt darstellt, immer wie weniger leisten können. Dazu kommt noch, dass wir dabei lernen, was es braucht, um Dinge herzustellen, die wir, wenn billig erworben, einfach entsorgen, weil sie uns nicht mehr gefallen.

  • Jorge

    Uuuuuund schon wieder ein politisches Statement und/oder eine emanzipatorische Massnahme… da mach ich doch auch mit!

    Ich sammle deshalb leere Bierflaschen gegen die Abholzung des Regenwaldes!

    Helft mit, denn jede Flasche zählt!

  • marie

    grin
    Ehrwürdiger Jorge, von Frauen selbstgestrickte Unterhosen aus echter Schurwolle für Herren wären da weitaus mehr politisches Statement, welches zu diskutieren gäbe… (autsch, unangenehm…)

  • marie

    Kleiner Nachtrag:
    http://blogs.taz.de/schroederkalender/2007/03/21/ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst-und-das-ist-gelb/
    ManN beachte Wollita! Die gehäkelte Verkörperung männlicher “Phantasien”. Sollte das Erdöl mal zur bitteren neige gehen, kann mit Schurwolle ein Gummisusi gehäkelt werden. Schafe gibt’s ja genug wink

  • Jorge

    Mir reicht es bereits vollends, wenn ich die Fussel aus meinem Bauchnabel puhlen muss… weiter unten kann und will ich mir das eigentlich sparen.

  • marie

    Warum nicht? Dann tut ihr nichts dümmeres wink

  • Jorge

    Dann ergänze ich schon mal die Liste, worüber sich Frauen bei Männern beschweren:

    – lässt seine Kleider überall rumliegen
    – klappt den WC-Deckel nicht runter
    – lässt überall Haare liegen
    – vergisst die Blumen zu giessen
    – kauft mir nie Blumen
    – bemerkt meine neue Frisur nicht
    – rasiert und kämmt sich nicht an Wochenenden
    – kommt nicht mit zur Schwiegermutter
    – ist zu lange im Ausgang
    – nörgelt, wenn ich zu lange im Ausgang bleibe
    – mag die Fernbedienung nicht abgeben
    – will nicht Pretty Woman gucken
    – nimmt sich keine Zeit für ein gutes Gespräch
    – will dauernd Sex
    – kein Vorspiel
    – ist ein Sexmuffel
    – stört sich, wenn ich im Wohnzimmer meine Nägel schneide
    + entfusselt seine Poritze vor dem Zubettgehen

    PS: Irgendetwas hab ich wohl vergessen, komm jetzt aber grad nicht drauf.

  • Tomas

    http://www.hasen-farm.de/blog/wp-content/uploads/2008/11/hase2sized.thumbnail.jpg

    Das mit dem emanzipatorischem Ansatz kommentiere ich lieber nicht, sonst wird Reda wieder irgendetwas von Arroganz meinen.

  • marie

    ich versuche mal ihre liste nach prioritäten zu gliedern.
    1. kein Vorspiel
    2. stört sich, wenn ich im Wohnzimmer meine Nägel schneide

    …mit dem rest kann ich leben und pretty woman muss nicht sein, aber “vom winde verweht”, “dr schiwago” und “drei nüsse für Aschenbrödel” an weihnachten ist ein MUSS. zum entfuseln ihrer poritze können sie folgender artikel bei e-bay ersteigern:
    http://www.ebay.de/itm/Carding-Striegel-XL-Burste-Unterwolle-Hunde-Katzen-Fellburste-Kamm-/251187288773

  • marie

    …sie meinen der emanzipatorische ansatz von beate uhse oder sonstiger erotik-gadgets anbieter in sachen gummisusi? warum nicht? bei diesen anbietern von gummisusis müssen sie davon ausgehen, dass das erdöl aus saudiarabien kommt, aber bei der häkel-susi können sie davon ausgehen, dass alles mit einheimischer wolle gehäkelt wurde wink
    der hase ist klasse! …erinnert mich ein wenig an einer meiner lieblingsklassiker “mein freund harvey”.

  • Jorge

    Na da haben Sie aber nicht sehr viele Prioritäten ^^

    Gegen die Filme hab ich aber nichts einzuwenden – man kann ja fummeln UND gucken.

Lesen Sie auch: