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Verloren in der Dating-Welt

Viele romantische Sehnsüchte werden zerstört durch das virtuelle Stalken im Netz. Ein Plädoyer für Wege aus der grössten Online-Dating-Plattform der Welt: Facebook.

Von Clara Ott

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Professionelle Onlinedating-Plattformen mit ihren ausgeklügelten Matching-Systemen, hohen Abopreisen und grossen Versprechen sind vielleicht nicht Ihre Sache. Zu teuer, zu nerdig, zu unromantisch, zu irgendwas. Beziehungsunfähige Singles unter Ihnen meiden solche Portale, die Fest-Liierten und ein Haufen anderer Menschen, ob nun Seitensprüngler oder Suchender, sowieso. Wer gerade niemanden kennenlernen will, der meldet sich bei so was eben nicht an. Genau da beginnt das Problem. (Lesen Sie auch: Facebook kann Ihre Ehe gefährden.)

Denn wir alle – die Suchenden, die Liierten, die Einsamen, die Geselligen, die Beziehungsängstlichen, die Torschlusspanischen, die Fremdgeher und die Flirter unter uns – wir alle sind Mitglieder in der billigsten, effektivsten und gefährlichsten Onlinedating-Plattform der Welt: Facebook.

Im Gegensatz zu verpixelten Fotos auf klassischen Dating-Portalen, wo man erst Freigaben braucht, um Fotos sehen zu können, erlaubt uns die virtuelle Suche bei Facebook alles, wonach unsere Neugier giert: unverbindliches Gucken, heimliche Profilbesuche, das Herunterladen von Fotos, hemmungsloses Chroniknachlesen der Vergangenheit, das Checken von Freundeslisten (weil der Freundeskreis ja immer eine Menge aussagt!), Überprüfen der nächtlichen Aktivität, geografisches Einchecken an Flughäfen und in Szenerestaurants. Sie wissen, was ich meine. (Lesen Sie auch: Facebook-Updates im echten Leben.)

Facebook-Recherchen noch auf der Toilette der Bar

Genau. All das, was Sie tun, sobald Sie jemand Neues kennenlernen. Auch, wenn man sich an einer Bar begegnet ist und «nur» die Telefonnummer getauscht hat, so wissen Sie doch sehr wahrscheinlich den Nachnamen dazu. Und noch im Gin-Tonic-Rausch zu Hause werden Sie den Namen sofort bei Facebook eingeben, wenn nicht sogar schon auf der Toilette der Bar. Sie wollen die Existenz dieses Menschen via Facebook-Siegel bestätigt wissen.

Sie werden erleichtert seufzen, wenn Sie feststellen, dass Sie «3 gemeinsame Freunde» haben. Das ist ein gutes Zeichen. Juhu, diese Stadt ist eben ein Dorf und wie praktisch, weil Sie gleich mal einem dieser drei Freunde schreiben könnten, dass Sie – haha, welch lustiger Zufall – heute Abend einen gemeinsamen Freund kennengelernt haben. Ist er liebenswert, Single und knutschbar oder doch eher ein Idiot? Aufhören, damit. Sofort.

Sie schliessen jetzt vielleicht den Facebook-Messenger und den Browser auf Ihrem Smartphone, aber Sie speichern diese neue Nummer. Sie aktualisieren Ihre Whatsapp-Kontakte und freuen sich tierisch, dass Ihr neuer Kontakt ebenfalls diese (In-den-Wahnsinn-treibende-Kontroll-)App nutzt. Wie praktisch, weil Sie ja sparen müssen und heute niemand mehr «richtige» SMS schreibt.

Echtes Engagement. Zur Post gehen. Verbindlichkeit. Echte Adresse. Das reale Leben, handschriftlich. Ja, echte Briefe kommen irgendwann bei Ihnen oder dem anderen an. Niemand sieht, wann dieser Zeitpunkt ist, und niemand bekommt mit, wann der andere sie liest! Wie bei der SMS früher, als man noch löschte, feilte und abkürzte, um alle Gedanken unterzubringen. Das war, wie einen Brief zu schreiben. Sich hinsetzen. Nachdenken, sich bemühen. Damals.

Inflationäres Herumgeflirte zerstört unsere Romantik

Und nun? Wo Ihnen dieses Häkchen den Puls in Millisekunden höher fahren lässt, weil dieser neue Mensch gerade online ist und weil er Ihnen schreibt und weil Sie sehen, dass Ihre Nachricht tatsächlich gelesen wurde und sofort jemand darauf antwortet… Oh, Himmel! Ein technisches Wunderwerk, ein Teufelswerkzeug, ein krank machendes, Romantik zerstörendes Ding. Ihr Smartphone. Ihr Handeln. Ihr Umgang mit den Möglichkeiten des virtuellen Flirtens.

Wir müssen nicht noch weitere Vorstellungen für Sie entwerfen, weil das eh keine theoretischen Szenarien sind, sondern der Alltag. Wir alle surfen moralisch bedenkenlos auf Profilen verheirateter, wir chatten nachts gedankenlos mit eheunglücklichen Arbeitskollegen, wir schicken hier und da dank Flatrate riesige Dateien voller Badewannenfotos an Menschen, die eigentlich liiert sind und die wir eigentlich nicht ernsthaft in Betracht ziehen, aber hey, ist doch nur Facebook. Keine richtige Dating-Seite. Haha!

Lassen Sie Ihr virtuelles Ego nicht am Flirt teilhaben

Alles ein riesiger Flirtspass. Wir stupsen, mailen, chatten, surfen, stalken, gucken, knutschen virtuell, mailen über unsere Sehnsüchte, wir schicken Lieblingsvideos und kluge Artikel. Wir beweisen unsere Schlagfertigkeit und unseren Witz in Posts, schönen unsere Selfies, wogegen so mainstreamige 100 Matching-Fragen nämlich reiner Hohn wären. Es zählt nicht, ob wir nachts gern mit offenem Fenster schlafen, Nichtraucher sind oder Akademiker. Alles, was zählt ist: dass wir online sind. (Lesen Sie auch: Die Facebook Falle.)

Für einen endlich wieder lässigen Umgang mit der grössten, günstigsten und gefährlichsten Dating-Plattform der Welt sollten Sie sich wieder bewusst machen, dass Sie Teil davon sind und Versuchungen nur ein Fingertippen entfernt liegen. Näher als Ihr Partner im Ehebett neben Ihnen. Auch, wenn Sie «eigentlich glücklich verheiratet» sind. Auch, wenn Sie «niemals jemanden virtuell kennenlernen» wollen. Auch, wenn Sie «Online-Dating scheisse» finden. Auch, wenn Sie gebrandmarkter Single mit dem Vorsatz auf monatelange Dating-Pause sind.

Verschwenden Sie Ihre Energie nicht

Wir sind alle, dank Smartphones, dank Facebook, dank Flatrates, grossartige Meister darin, unsere romantischen Sehnsüchte zu zerstören. Nur ein letztes Szenario: Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, wo Sie drei Tage sehnsuchtsvoll gewartet haben, bis endlich, endlich, endlich wieder ein Lebenszeichen von diesem neuen Menschen kam? Genau. Warten Sie mal wieder. Lassen Sie auf sich warten. Und verschwenden Sie Ihre Energie, Ihre Zeit und Ihre Hoffnungen nicht an Menschen, die nicht wie Sie voller Leidenschaft und Neugier darauf brennen, endlich eine neue Liebe aufzuspüren. Das werden Sie. Offline.

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Kommentare

  • bünzli

    kein facebook, kein watsapp, kein smartphone, kein bang your friends app. ich glaub ich leb auf einem anderen planeten.

  • Fabian

    “Wir alle…”
    Nein. Nur Ihr alle.
    Nicht jeder Mensch auf der Welt hat ein Smartphone, einen Facebook-Account und Whatsapp. Nur ein Teil davon.

  • Reto B.

    Tja, wers nicht im Griff hat, sollte sich wahrscheinlich wirklich besser einschränken.

    Facebook ist für mich ein überdimensionaler für jeden einsehbarer Lebenlauf, der permanent upgedatet wird. Was ich nicht will, dass mein zukünftiger (oder jetziger) Chef mal lesen könnte, kommt dort nicht rein. Freunde, die Dinge von mir posten, die mir unangenehm sind, werden darauf hingewiesen, dies zu unterlassen.

    Whatsapp finde ich vorallem wegen der Gruppenchats cool. Ich hab jetzt Vereinschats, Familienchats und Freundeskreischats. 1zu1 Messages gibts eher selten. Plus ich hab den Haken für “bimmelt, wenn ne Nachricht gekommen ist” rausgenommen. Macht sonst mich und die anderen Sitzungsteilnehmer wahnsinnig.

    Daneben benutze ich noch gesharte Kalender, Mailinglisten und diverse weitere Onlinetools, wie geteilte Einkaufslisten und so.

    Internettools sind wie Waffen, erst die Benutzung macht sie potentiell gefährlich. Wer es nicht im Griff hat, lässt es besser gleich bleiben und man sollte sich immer der Sicherheitsvorkehrungen und Gefahren bewusst sein.

  • Irene

    Das werden sie, offline….halleluja….endlich mal eine geerdete Meinung!

  • mira

    Also ich erkenne mich in “Wir alle…” auch nicht. Ich habe sowohl Facebook, als auch Whatsapp, benutze diese Dinge jedoch ausschliesslich für Alltagsdinge und finde sie ausgesprochen praktisch. Und da ich liiert bin (egal ob gerade glücklich oder unglücklich), habe ich eh kein Kopf für Flirts. Schon gar nicht für virtuelle (so eine Zeitverschwendung… lol).
    Mein Eindruck ist, dass hier jemand schreibt, der sich selbst in solchen Dingen verloren hat und grad nach Luft japst.

  • Pierrot

    “Bang Your Friends”? hehehehehehe.. oh gott. ja gar nicht so dumm, aber ne lustige vorstellung smile

  • Eremit

    Dem schliesse ich mich an. In dem Fall sind wir hier schon drei Männer, die mehr oder weniger “in einer anderen Welt” leben als die gute Autorin.

  • Eremit

    Ein witzig geschriebener Beitrag von Clara Ott.
    Bezüglich den Online-Dating-Plattformen gibt es noch einen weiteren Grund diese zu meiden: Man muss Geld zahlen um mit der anderen Person in Kontakt zu treten. Das wirkt wie wenn Mann auf der Strasse einer Frau zuerst eine Zehner-Note zustecken muss um nach einer bestimmten Strasse zu fragen oder sie zu einem Kaffee ein zu laden. Sowas wirkt einfach Freier-mässig. Des weiteren wird dadurch signalisiert; nur wer Geld hat darf mit der anderen Seite in Kontakt treten und sich fortpflanzen. Solch ein Ansatz ist meines Erachtens Unmenschlich, Menschenfeindlich.
    Daher meidet man besser das Kinternet und tut gut daran sich um die realen Menschen im realen Leben zu kümmern.

  • Lukas

    Bei mir gibt es genug Spannung und Freunde im Leben, zudem intellektuelles Datenschutzbewusstsein, dass ich es nie nötig hatte, mich bei dieser Stalkingplattform anzumelden.

  • Clara

    vielen Dank und ja, auf zu den realen Menschen! <3

  • Clara

    “Bang your friends” habe ich auch (noch) nicht ausprobiert…aber diverse Dating-Plattformen (Gratisportale und Bezahlvarianten). Whatsapp habe ich gelöscht und ja, ich gebe zu: es ist sehr subjektiv, dazu bin ich Single und würde mein Handy gern manchmal gegen ein normales Telefon tauschen.

  • Boris

    Hallo Clara

    Love you!

  • Yara

    Ich verstehe das Bedauern. Ich weiss noch, wie ich meiner ersten Liebe in der Primarschule “verschlüsselte” Briefe geschickt habe, damit auch ja nicht mal der Pöstler mitkriegt, dass wir “miteinander gehen”. Aber bei all der Nostalgie finde ich dennoch, dass ein konsequentes Boykottieren sämtlicher sozialer Netzwerke ein etwas heftige Reaktion ist. Denn ich kann mich auch noch erinnern, wie mir gesagt wurde, dass mein Kleidungsstil völlig daneben sei und dass früher (!) eben alles noch besser, schöner, klüger, besonnener war. Und solche Menschen wollen wir ja auch nicht werden, oder? Ich zumindest nicht.  Veränderungen werden immer kommen und wir werden unsere Vorstellungen und Ideale mit gesundem Menschenverstand in die neuen Umstände integrieren müssen.

  • Horst Bohnet

    Gratuliere Clara. Genau diese Thematik verfolge ich mit meinem Kunsthandi “iStone-the smARTphone”. Das steinige Statement steht für direkte Verbindungen Face to Face und echte, sinnliche Kontakte. http://www.i-Stone.ch  Für Menschen die alles haben ausser Zeit und Ruhe.

  • prechtiger

    Naja man muss sich eben lösen können von Facebook, es gibt ja auch noch andere plattformen die durchas interessant sind, da zücke ich gerne mal meine yuna card und probiere es mal, man sollte aber die Bewertungen im Internet immer nachlesen. Trotzdem sind mir da bezahlte Formen lieber als irgendwas oder schreiben auf fb, dann steckt wenigstens mehr dahinter.

  • Fremde Besucher

    öööhh…. nicht alle haben Facebook. Es gibt noch Leute mit richtigen Freunden.

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