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Jetzt geht’s los: 7 Thesen, was die Frauenmehrheit bedeutet

Es ist eine historische Wahl. Doch warum eigentlich? Die Gründe, weshalb der Wechsel an der Spitze des Landes letztlich viel bewirken wird.

Von Nicole Althaus

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These 1: Wenig wird sich ändern (zumindest in der Tagespolitik).
Es gibt noch keine Hinweise darauf, dass Frauen, wenn sie denn an der Macht sind, wirklich eine andere Politik machen. In der Regierungsarbeit sind die Strukturen immer noch stärker als das Geschlecht. Und die Parteiorientierung, die Weltsicht der Bundesrätinnen, ihre Beziehungen, der objektive Druck, ihre Rahmenbedingungen – all dies ist bei jedem tagespolitischen Entscheid von grösserer Bedeutung als das Geschlecht.

These 2: Viel wird sich ändern (zumindest symbolisch).
Doch, die Schweiz ist ab heute ein neues Land: Die Wahl von Simonetta Sommaruga war auch ein historischer Wendepunkt. Immerhin hatte sich die Gleichberechtigung in der Schweiz sehr verzögert durchgesetzt – und jetzt steht das Land plötzlich weltweit als Musterschüler da. Und immerhin gab es auch in den letzten Jahrzehnten gelegentlich die ernsthafte Angst, dass die Frauen doch wieder von den Schalthebeln verdrängt werden – zuletzt bei der Abwahl von Ruth Metzler 2003. Diese Phase ist vorbei. Die Frauen sind endgültig angekommen.

These 3: Das war erst der Anfang.
Auch bei den emanzipatorischen Musterschüler-Staaten Norwegen, Schweden und Finnland begannen die Veränderungen in der Politik: Hier werden die gesellschaftspolitischen Weichen gestellt. Und von hier aus wird sich Eroberung anderer Lebensbereiche durch die Frauen fortsetzen. Zum Beispiel? Beim Frauenanteil in technischen Berufen, bei der weiteren Integration ins Berufsleben, bei Bildung und Ausbildung – und natürlich auch auf dem Weg zu gleichen Löhnen für gleiche Arbeit.

These 4: Zeit für neue Dogmen.
Die Selbstverständlichkeit von Frauen fördert letztlich neue Denkmuster. Dogmen wie die Glorifizierung von Präsenzzeiten, Überstundenkult und Tagesarbeitspensen lösen sich auf. Die grösste und auch entscheidendsten Veränderung der 2008 eingeführten norwegischen Frauenquoten in Verwaltungsräten zeigten sich nicht in der Bilanzführung, sondern im Alltag: Nach 16 Uhr werden in Norwegen heute keine Sitzungen mehr anberaumt, weil Kinder von Krippe und Schule abgeholt werden müssen. Stundenpläne stehen damit Karrieren nicht mehr im Weg.

These 5: Jetzt kommt die Quotendebatte.
Der Unterschied zwischen den Konzernen und dem Staat wird immer eklatanter. Auch 2010 machen Frauen weniger als 10 Prozent im Management der grossen Unternehmen aus. Andererseits beweist das Management des Staates, dass sprunghafte Karrieren bis in die obersten Spitzen möglich sind, und die Schweiz AG ist nicht schlechter geführt als (beispielsweise) eine UBS AG oder die Novartis AG. Eine Folge: Die Karrieremodelle der Unternehmen geraten noch stärker in Erklärungsnot. Immer drängender wird der Verdacht, dass wir es hier mit subjektiver Männerbündelei zu tun haben.

Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn die Forderung nach Quoten demnächst auch in der Schweiz auf die politische Agenda kommt. 

Diskutiert wird aber nicht nur, ob man die Wirtschaft gesetztlich zwingen müsse, Frauen in Spitzenpositionen zu lassen – sondern ob es sich die Wirtschaft in Zukunft noch leisten kann, auf den bestqualifizierten Teil der Bevölkerung zu verzichten.

These 6: Nichts Neues bei den Stilfragen.
Natürlich darf man erwarten, dass der Bundesrat jetzt wieder etwas besser harmoniert. Aber das hat nichts mit der Geschlechterverteilung zu tun – sondern einfach damit, dass die Regierung in der bisherigen Zusammensetzung eher schlecht funktionierte. Der neue Bundesrat wird natürlich ebenfalls interne Konflikte austragen. Und zu erwarten ist, dass diese Konflikte jetzt verstärkt auf eine Geschlechterfrage zurückgeführt werden. Oder anders gesagt: Dank der Frauenmehrheit bekommen wir das Wort «Zickenkrieg» von den Medien noch öfter zu hören als bisher.

These 7: Doch, die Wahl von Simonetta Sommaruga bedeutet etwas für die Tagesschulen.
In Schweden hatte in den sechziger Jahren Alva Myrdal, studierte Philosophin, Nobelpreisträgerin und Direktorin bei den Vereinten Nationen, die alles umwälzende Idee: Die Schaffung von Tagesschulen. Heute setzten sich diese Schulen auch in der Schweiz langsam durch – wohl mit massiven Langfristfolgen: Tagesschulen machen Schluss mit der Aufsplittung der Geschlechter in Betreuer und Versorger. Sie machen Schluss mit der steuerlichen Hausfrauensubvention. Und Schluss mit Frauen, die sich jahrelang in die Babypause verabschieden und dann den beruflichen Anschluss nicht mehr finden. Tagesschulen sind die eigentliche Revolution, nicht Quoten und Frauenmehrheiten.

Was dies mit der neuen Mehrheit im Bundesrat zu tun hat? Zum Beispiel, dass der Mütterlichkeitskult in der Schweiz heute wieder einen Rückschlag erlitten hat. Und dass die Selbstverständlichkeit von Tagesschulen am Ende noch leichter anerkannt wird.

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