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Teile und verdiene

Statt besitzen ist teilen angesagt. Gemeinsam genutzt wird fast alles: Von der Handtasche über Betten bis zur Fähigkeit Ikea-Möbel zu montieren. Vordenkerin des Trends ist eine Frau.

Von Seraina Mohr

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Bilder, Informationen und Meinungen mit der ganzen Welt austauschen – davon war in den letzten Jahren viel die Rede. Glaubt man Experten der digitalen Ökonomie, dann war das erst der Anfang. Die Philosophie der geteilten Nutzung setzt sich in immer neuen Bereichen durch: Daten in der Cloud gespeichert, Musik nur noch gestreamt und Software geliehen. Was im digitalen Bereich schon üblich ist, das greift zunehmend auf alle Bereiche über: Zugang wird wichtiger als Besitz. So vernetzen Social Media nicht nur Menschen, sondern auch Dinge – etwa das unbenutzte  Zimmer, den Tauchcomputer oder das Bike, das kaum im Einsatz ist.  

Die Begriffe, die dafür verwendet werden sind unterschiedlich. Von der «Share Economy» sprechen Ökonomen, von «Collaborativ Consumption», also gemeinsamen Konsum, spricht Rachel Botsman, die sich mit ihrem Buch «Mine is yours» als Vordenkerin einer Bewegung etabliert hat. Sie beschreibt darin die fundamentale Veränderung in der Gesellschaft, die entsteht, weil immer mehr Leute ihre Güter in einen Kreislauf des Tauschens und Teilens einbringen. Dadurch verändere sich die Beziehung zwischen physischen Produkten, persönlichem Besitz und der eigenen Identität.  

Zugang löst Besitz ab

Ein Grossteil der Sharing-Unternehmen besitzt selber nichts, sondern bringt schlicht Menschen zusammen, die teilen wollen. Bekanntestes Beispiel ist die Plattform Airbnb, die Zimmer und Wohnungen in der ganzen Welt vermittelt und mittlerweile von mehreren Millionen Reisenden jährlich genutzt wird. Früher ein Monopol von grossen Agenturen, die satte Provisionen einstreichen, hat der Markt für Ferienwohnungen eine ganz neue Dynamik erhalten. Plattformen wie Airbnb, 9flat oder housetrip machen in kurzer Zeit jeden Besitzer zum Vermieter. Was für Unterkünfte funktioniert, klappt auch bei Luxusgütern: Eine Birkin-Bag oder einen Porsche für ein Wochenende – alles machbar. Irgendwer hat das Objekt der Begierde, benötigt es grade nicht oder verdient sich mit der Ausleihe gerne noch was dazu.

Die einfache Zugänglichkeit ist es, die das Tauschen und Teilen erleichtert. Ansonsten setzen auch neue Technologien auf alte Vertrauensformen, hält Botsman fest. Die Reputation wird zur wichtigsten Währung. Entsprechend habe praktisch alle Plattformen ein internes Community-Rating und denkbar ist, dass die Bewertungen in Zukunft gesammelt werden und Auskunft über die Aktivitäten an verschiedenen Orten geben. Ein solches Reputations-Profil könnte bald eine Alltäglichkeit werden wie die Prüfung der Kreditwürdigkeit, hält eine Studie von Salesforce fest.

Wichtige Einnahmequelle

In den USA sind die verschiedenen Plattformen, die es Menschen erlauben ihr Hab und Gut und ihre Fähigkeiten zu teilen, für viele zur wichtigen Einnahmequelle geworden. Die Story vom einstigen Arbeitslosen, der sich heute als Spezialist für das Montieren von Ikea-Möbeln Geld verdient, ist nur eine von vielen Erfolgsstorys, die auf dem Netz gerne herumgereicht werden. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» schätzt, dass 2013 rund 3,5 Milliarden Franken so erwirtschaftet werden – Tendenz stark steigend.  

Die Ökonomie des Teilens lässt plötzlich einen ganz neuen Typus von Kleinstunternehmern zu. Ihr Besitz oder gewisse Fertigkeiten sind ihr Produkt, das sie auf dem Internet anbieten. Im Gegenzug zum Tauschhandel geht es nicht mehr darum jemanden zu finden, der genau das sucht, was man zu bieten hat. Ein Austausch ist zwischen beliebigen Angehörigen eines Netzwerkes möglich, die Abrechnung erfolgt über die Plattform, die in der Regel eine Kommission kassiert.

Teilen ist attraktiv geworden, denn es lässt sich damit auch ordentlich was verdienen. So kann sich der gute Tipp an einen Kollegen doppelt lohnen, etwa bei Stelleninseraten. Wer eine geeignete Person vermittelt, kassiert mit.

Unternehmen zeigen grosses Interesse

Auch Firmen sind auf die neue Lust am Teilen aufmerksam geworden. Axel Springer zeigte grosses Interesse an AirBnB und verfügt mittlerweile über eine kleine Beteiligung und eine Vermarktungspartnerschaft.  Die CeBIT, die Anfang März in Hannover stattfindet, hat die «Shareconomy» zum Programmschwerpunkt gemacht. Dort sind es eher die Firmen, die sich mit den Möglichkeiten befassen und eine Anpassung ihrer Geschäftsmodelle überprüfen. Autokonzerne wie Daimler und BMW etwa investieren ins Car-Sharing, weil sie gemerkt haben, dass ihren Kunden zwar nicht der Spass am Auto fahren, aber die Lust auf grosse Investitionen vergangen ist. Täglich kommen neue Sharing-Plattformen auf den Markt und die Frage ist, wer sich in welchem Bereich durchsetzt. Denn nur wo das Verhältnis von Angebot und Nachfrage stimmt, entsteht ein attraktiver Marktplatz.

In der Schweiz ist das Angebot verglichen mit den USA, Grossbritannien oder auch Deutschland noch klein. Einige haben es probiert, andere stehen vor dem Markteintritt. Vielleicht ist der ökonomische Druck noch zu gering oder die Netzwerke in einem kleinen Land funktionieren noch primär über den persönlichen Kontakt. Genutzt werden die vorhandenen Angebote jedoch gerne: Die Anzahl der Airbnb-Gäste in der Schweiz wuchs im letzten Jahr um 314%. Gemäss Unternehmensangaben schliefen pro Nacht durchschnittlich 900 Schweizer in einem Airbnb-Bett.  

Trend oder Trendwende

Ob es sich beim der neuen Freude an der mindestens teilweisen Besitzlosigkeit tatsächlich um eine Trendwende in Sachen Besitz geht oder um eine kurzfristige Tendenz ist offen.  Einige sehen darin eine Abwendung von der Wergwerfgesellschaft, andere  schlicht die Möglichkeit, auch ohne grossen Besitz reich an Möglichkeiten zu sein und sich etwa Aufenthalte auf der ganzen Welt leisten zu können. Entsprechend umstritten ist auch, ob die Tauschökonomie nachhaltiger sei oder damit schlicht und einfach neue Konsumbedürfnisse geschaffen werden. Ganz nach dem Motto: Warum soll ich nicht einfach nach Paris reisen, wenn ich schon eine günstige Mitfahrgelegenheit und eine preiswerte Wohnung habe? Und vielleicht bleibt etwas mehr Budget fürs Shopping.

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Seraina Mohr

Seraina Mohr ist Leiterin des Competence Center Onlinekommunikation am Institut für Kommunikation an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich und arbeitete anschliessend mehr als 10 Jahre in verschiedenen Funktionen in der Medienbranche.


Kommentare

  • Pierrot

    Na nu ni, im Kern nicht neu; das Web erlaubt vorallem eine bisher nie dagewesene Vernetzung..

  • RIchard Keller

    So einen Blödsinn zu behaupten, dass dies hier neu ist. Die klassische Share Economy ist die Genossenschaft. Da geht es um kollektives Miteigentum, ob in der Produktion, im Konsum, im Handel, beim Wohnen, etc.

  • Ihr Name Eric Cerf

    Uns CHern geht es mehrheitlich saugut, fast alle haben Buez und ein regelmässiges Einkommen! Kein vergleich zu SP, GR, P oder I mit der schlimmsten Arbeitslosigkeit seit Ende des Weltkrieges zwo. Teilen in der CH? Oha Lätz, wir pflegen lieber unser kleines Gärtli, mähen den Rasen, das wars dann schon. Villeicht leihe ich den Rasenmäher dem Nachbar mal aus, muss zuerst mal darüber nachdenken. Gewiss, es gibt auch bei uns tolle Menschen mit sozialer Verantwortung, die sio denken wie Fr. Botsman. Zwischen Denken und Handeln liegen halt Welten. 150 000 Leute ohne Job, 30 000 offene Stellen, wäre mal etwas um darüber nachzudenken. Oder dass Leute ab 50 kaum mehr Chancen auf Arbeit haben. Es sei denn, sie verfügen entweder über Vitamin B oder dann über eine Superausbildung. Kenne einen IT-Techniker, der noch mit 60 (!!) eine Stelle fand.
    Nein, Sportsfreunde, der Leidensdruck in der CH ist noch viel zu gering, damit wir anfangen nützliche Sachen im Leben zu tauschen, wie in den USA. Im übrigen verhalten sich Wohn-Gen. bei uns oft ähnlich wie eine x-beliebige Firma. Sauhäfeli/Saudeckeli-Politik im Vorstand, die hinter dem Rücken der Mieter Aufträge vergeben, mit Banken verhandeln und Mieten anpassen. Zwecks Optimierung der Genossenschaftsfinanzen, heisst dann an der GV, ohne vorgängige Befragung der Mieter. Dafür gibts an der jährlichen GV dann gratis warmer Beinschinken, Härdöpfelsalat und Bier.

  • M.

    Interessanter Kommentar; wenn ich das richtig verstanden habe, wird solange der Leidensdruck in der Schweiz nicht vorhanden ist die “Share Economy” auch nicht funktionieren. Ich dachte bisher immer nur daran, dass wir Schweizer einfach zu kritisch, bzw. kein vertrauen zu solchen neuen Dingen haben, aber das mit dem Leiden ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Ausser den vielen möglichen negativen Aspekten, müsste es doch eine zusätzliche Motivation geben, dass solche Systeme trotzdem zum Erfolg werden, auch wenn der “Leidensdruck” nur künstlich erzeugt wird. Aber am besten ist wohl einfach, wenn jeder selber damit Erfahrungen sammelt und das wie mit der Evolution schleichend in unserer Gesellschaft zum Trend wird. Oder gibts da noch andere Ideen?

  • Gustav Marxel

    dieser unsinn ist der höhepunkt der konsumgesellschaft. getarnt unter dem antikapitalistischen deckmantel. menschen die auf nichts verzichten wollen und die sich früher verschuldeten suchten hier nach einer möglichkeit wie sie, obwohl sie es sich nicht leisten können, an alle konsumgüter dieser welt gelangen. sucht nach konsum und flucht durch billiges reisen wird hier noch mit einem pseudomoralischen hintergrund ausgeübt.

  • fabian

    der Neoliberalismus muss halt diese Idee erst neu erfinden. Genossenschaft, das klingt irgendwie nach Sozialismus, kann also nicht gut sein. das Perfide ist ja, dass in den letzten 30 Jahren praktisch sämtliche westlichen Wirtschaftsuniversitäten das Vermitteln des Genossenschaftsgedankens aus ihrem Lehrplan gestrichen haben.

    Dass da also in obigem Artikeln steht “Vordenkerin des Trends ist eine Frau” zeigt bloss, wie leicht der Feminismus mit dem Neoliberalismus zusammenspannt. Naivität gepaart mit schlechter Bildung, das hat noch keine Gesellschaft vorwärts gebracht…

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