Clack

Spitz auf Spitze?

Nein, liebe Herren der Schöpfung: drüber, nicht drunter! Ein paar Dinge gilt es aber zu beachten, damit frau im Spitzenlook nicht wirkt wie eine lebendige Gardine oder ein Uriella-Verschnitt. Clack-Autorin Daniela Dambach über die modischen Spitzfindigkeiten.

Von Daniela Dambach

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«Was haltet ihr von Spitzen?», frage ich in die Runde. Die Männeraugen starren mich an, die schwarzen Pupillenpaare weiten sich. «Also, du meinst Dessous? Strapsen und so?», fragt einer erwartungsvoll rotbackig. Ich kläre auf: «Nein, ich meine die aktuelle Spitzenmode für drüber. Röcke, Blusen und so.» «Prüderie! Prüderie!», ruft der andere quer über den gedeckten Tisch, spürbar enttäuscht über den Themenwechsel.

Allerdrings ist der gegenwärtige Modetrend nur im entfernten Grad mit den streng hochgeschlossenen Kleidern unsere Ur- und Ur-ur-Grossmütter verwandt: Die Schnitte sind knapp, die Stoffe verführerisch hauchzart. Stilbewusste lassen die noch nicht sonnengeküsste Haut durch feine Stöffchen durchblicken. Während in den Wintermonaten die «Femme Fatale» in pechschwarzer Spitze die Männer wie eine schwarze Witwe umgarnte, gibt sich frau diesen Frühling und Sommer unschuldig kokettierend in Pastellfarbenem.

Spielen Sie das Spiel «Geizen und Reizen» aber bitte nicht «frivol» – das sollte höchstens die Stoffherstellung sein. «Frivolitätenarbeit» bezeichnet eine Stickereikunst, die ring- oder bogenförmige Muster hervorbringt. Die Geschichte der Spitze geht zurück ins Italien des 15. Jahrhunderts. Weil die Herstellung des Spitzenstoffs anno dazumal derart aufwändig war, konnten sich nur Gutbetuchte den edlen Stoff für Krägen oder Manschetten leisten.

Wer sich der jungfräulichen Spitze zum ersten Mal an die Wäsche wagt, kann es halten wie die Adeligen im alten Venedig: Blusen und Jacken mit Bordüren sind ein stilsicherer Start in die Spitzenwelt. Tops, Röcke oder Kleidchen aus purer Spitze an gestandenen Ladys vertragen kein zusätzliches Chichi – mit Schleifchen, Nieten oder Rüschen wirkt es zu kitschig und zu kindlich. Oder möchten Sie, dass Sie der Metzger am Ende des Einkaufs spitzbübisch fragt, ob Sie noch ein «Wurstredli» möchten?

Wenn Sie den schneeweissen Kopf-bis-Fuss-Spitzenlook tragen, setzen Sie sich gewissen Risiken im Alltag aus. In der Nähe eines Fensters halten Sie Ihre Mitmenschen womöglich für eine Gardine und schieben Sie zur Seite. Oder Ihr Schatz macht auf der Türschwelle rechtsumkehrt, wenn er sie erspäht: «Hilfe, will die mich heiraten?!». Schlimmstenfalls halten Sie die Leute für eine dreiste Diebin, die ihrem «Grosi» die Zierdeckchen stibitz hat, oder für die (auferstandene) Uriella.

Brechen Sie den Stil: Einem gipsfarbigen, züchtigen Top setzen Sie eine verdorbene Jeans oder rockige Boots entgegen. Gegensätze ziehen sich und Sie an; So auch Leder und Spitze. Achten Sie auf hochwertige Stoffqualität, damit das Spitzenteil nicht aussieht wie aus dem Sale im Erotikshop. «Verführung ja, Vulgarität nein», lautet die Devise. Bei den Männern nachgehakt, stellt sich heraus, dass die «Aussenspitze» nicht jeden spitz macht. «Spitzen gehören auf die blutte Haut, nicht als Deko auf Klamotten. Da erinnert es mich immer ein wenig an Puppen aus den 20er-Jahren», so der Quotenmann auf Anfrage.

Der Eine murmelt immer noch etwas von «Spitzen-Dessous», «kratzig» und «Ex-Frau» – wobei er offen lässt, ob die Frau oder die Unterwäsche kratzig war. Bei all den aufwändigen Roben mit Spitze auf die Spitze getrieben, vermisse er «das einfache kleine Schwarze», sagt der Andere fast schon ein bisschen sentimental, und streicht sanft mit der Hand über das Tischtuch – der Spitzenbordüre entlang.

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Sie liebt Lifestyle und wird für Clack die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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Stil


Kommentare

  • marie

    ich bin alles andere als ein optisch romantischer typ – mir steht spitze gar nicht (leider). aber bei der unterwäsche wähle ich praktisch nur spitze. nur schade dass es kaum noch wirklich schöne spitzenunterwäsche gibt. oder aber sie ist backeteuer und ich kann sie mir nicht leisten…

    ich finde spitze etwas wunderbares und meine mutter hatte mehrere tobsuchtsanfälle, weil ich mich immer sträubte, als sie mir beibringen wollte, wie man spitze von hand macht. frauen, tragt wieder spitze, wenn sie euch steht und wenn ihr es euch leisten könnt, dann die von hand gemachte. ist nämlich etwas wunderbares.

  • Tomas

    Zum Artikel will ich mich nicht äussern, vermutlich aus den im Artikel erwähnten Gründen. Hingegen möchte ich ihnen (oder eher dem Fotografen) einen Kompliment zu den verwendeten Fotos bei ihren Texten machen: sie stellen im Kontext der ansonsten beim Clack verwendeten und zu Tode bearbeiteten Bildern eine Verschnaufpause dar.

  • mira

    Mir steht Spitze überhaupt nicht, weder drüber noch drunter. Glücklicherweise steht mein Mann auch mehr auf Körper als auf Kleidungstücke und damit sind für uns allfällige Spitzendiskussionen hinfällig.
    Ich habe aber auch schon Frauen gesehen, die so ein verträumt-romantisches Aussehen haben und da sieht Spitze toll aus.

  • Irene

    Bei der Spitze kommt’s hauptsächlich aufs Material an. Es muss weich und doch formschön sein, dann einfach nur noch Typ- Frage…..

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