Clack

Sich heulend auf den Boden werfen

Die Teilzeitprinzessin macht Erfahrungen mit europäischer Infrastruktur, Münchner Taxifahrern und Berliner Witzbolden. Wieder daheim in Zürich, ist sie versucht, den Boden zu küssen.

Von Meret Steiger

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Was schief gehen kann, das geht auch garantiert schief, das weiss nicht nur, wer schon mal ein belegtes Brötchen hat fallen lassen. Aktuellstes Beispiel: Mein Besuch daheim in Zürich. Die Münchner Verkehrsgesellschaft ist mir während meiner Zeit hier ja nie besonders positiv aufgefallen (Freunde, glaubt mir, im Vergleich dazu ist die SBB tatsächlich pünktlich).

Als ich aber letzten Donnerstag nach Hause fahren wollte, hatte die MVG gerade wieder eine ihrer Sternstunden – was hauptsächlich Udes schuld sein soll, wie mir ein Taxifahrer erzählt hat. Christian Ude ist der Typ, der am Oktoberfest das erste Fass anschlägt und daneben ist er auch noch Bürgermeister von München. Jedenfalls investiert er die Steuergelder angeblich lieber in Bier als in die Infrastruktur und die Technik der MVG. Hab ich jedenfalls so gehört.

Anyway. Donnerstag, 16.45 Uhr: Ich bin extra früher von der Arbeit gegangen, weil mein Fernbus um 18 Uhr abfährt und ich um 17.30 Uhr da sein will. Im Zug im supertrendigen Unterföhring ist erst alles noch in Ordnung. Beim Ostbahnhof bleibt er dann aber stehen, und es dringt minutenlang undeutliches Genuschel in Urbayrisch aus dem Lautsprecher. Mehr als «Störung» und «Marienplatz» habe ich zwar nicht verstanden, aber das hat auch gereicht: Wenn am Marienplatz ein Zug liegenbleibt, dann ist das so, wie wenn bei uns ein Lieferwagen quer auf den Gleisen im Stadelhofen steht. Der Marienplatz ist der wohl wichtigste Verkehrsknoten, und wenn’s da happert, geht einfach gar nichts mehr.

Ich warte also fünf Minuten. Zehn Minuten. Mittlerweile ist es 17.30 Uhr und ich schon ganz leicht gestresst. Was die Untertreibung des Jahrhunderts ist. Die Mischung aus Stalldrang («I-hich wi-hil nach Haaaaaauuuseeee…»), Sparsamkeit (ich habe immerhin 24.50€ für den Direktbus ausgegeben) und Zeitdruck (Ich will unbedingt vor Mitternacht am HB sein, um den letzten Zug nach Hause zu erwischen) torpediert jeden einigermassen vernünftigen Gedanken, und ich bin mir absolut sicher, dass die Welt untergeht, wenn ich diesen verdammten Fernbus verpasse. Die Lage ist also dramatisch und ich schon kurz davor, mich wie ein Kind in der Trotzphase heulend auf den Boden zu werfen. Und glaubt mir, nur wenig deprimiert mehr, als erwachsen zu sein und sich deswegen nicht heulend auf den Boden werfen zu können.

In einem Anflug geistiger Erleuchtung sprinte ich schliesslich aus dem Zug, aus dem Bahnhof und vor das erste Taxi, das hoffentlich eine japsende Irre mit Stressflecken im Gesicht mitnehmen würde. Der Taxifahrer hat mein gekiekstes «ES EILT!!!» als Aufforderung verstanden, seinen inneren Schumi rauszulassen und eigentlich bin ich im Nachhinein ganz dankbar, dass ich diese Fahrt überhaupt unbeschadet überlebt habe. Der Taxifahrer gibt also Gas, überfährt mehrere Ampeln bei Dunkelorange und fährt zweimal (!) knallhart durch das Fahrverbot. Rady Behek (so hiess mein rasender Taxifahrer) lässt sich auch dann nicht von seinem Fahrstil abbringen, wenn – zumindest von der Geräuschkulisse her – offensichtlich etwas mit dem Getriebe nicht stimmt. Immerhin muss er die junge Frau mit dem irren Blick und der schlimmen, zerzausten Frisur (ein Wunder, dass darin noch keine Vögel zu nisten begonnen haben) schnell zum Bus bringen. Sorry Rady!

Vor den Barrieren des ZOB ist dann doch auch für meinen tifigen Taxifahrer Rady «Schumi» Behek Schluss (Naja, sagen wir, ich musste ihn davon abhalten, die Barriere zu durchbrechen) und er lässt mich raus. Während ich in Richtung meines Fernbusses sprinte (mittlerweile ist es 17.58 Uhr, seit drei Minuten hätte mein Ticket neu verkauft werden können), verliere ich beim panischen Taschenschwingen («NEHMT MICH NOCH MIT!!!») auch noch die Hälfte des Inhalts. Ja wunderbar. Keine Frage, dass es sich dabei natürlich um die peinliche Hälfte handelt, sprich Tampons, Kondome, Unterwäsche und Strümpfe, die sich vor den entsetzten Augen einer tamilischen Familie über den Parkplatz verteilt. Yay. Immerhin hat inzwischen sogar der Busfahrer Mitleid mit mir und ich muss weder Pass noch Buchungsbestätigung vorweisen. Ich lasse mich schweissgebadet und keuchend auf meinen Sitz fallen und bin dran, mich wieder einigermassen zu beruhigen. Dann kommt das Beste: Der Typ im Sitz neben mir fragt mich ganz locker: «Na. Fährste auch nach Berlin?» Sekundenlang bin ich kurz vor einem Herzchriesi und will panisch wieder aus dem Bus springen, bis merke, dass der Gute mich verarscht. Ächz.

Als ich dann nach exakt 3 Stunden und 50 Minuten am Zürcher Carparkplatz ankomme, sind der Stress, die tauben Beine (ich traue mich nicht im Bus aufzustehen) und die Beule (ich musste leider doch aufstehen) ganz schnell vergessen. Denn trotz der etwas unattraktiven Optik am Sihlquai (Züri! Ei Liebi!) habe ich auf einen Schlag wieder so viel Heimat gefühlt, dass ich erst Mal eine Runde geheult habe und sogar versucht gewesen bin, den Zürcher Boden zu küssen – Igittigitt.

Meret Steiger, 22, Autorin, ist sowohl Mädchen als auch neugieriger Mensch und arbeitet zur Zeit in einer Praktikumsstelle bei Pro7/Sat1 in München. Wenn sie nicht gerade in der Badewanne sitzt, ihre Schuhe zählt oder George Clooney anhimmelt, richtet sie ihren scharfen Blick und ihren Sinn für Humor auf die kleinen Alltäglichkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss.

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Teilzeitprinzessin