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Ein Seitensprung nach vorn

Die Frauen entdecken immer mehr ihr Talent zur Untreue: Gelegenheit, Einkommen und soziales Umfeld entscheiden zusehends, ob jemand Sex ausserhalb der Beziehung sucht. Nicht das Geschlecht.

Von Marie Dové

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Der Seitensprung ist ein dunkles Kapitel im Liebesleben von Mann und Frau. Nicht nur emotional, sondern auch wissenschaftlich. Es kursieren zwar zahlreiche Zahlen zum ausserehelichen Sexualverhalten von Mann und Frau, aber Moral, Angst, Prestige und auch Gendervorurteile verfälschen Befragungen beträchtlich. Und dort, wo man glaubt, die Zeichen der Zeit richtig einschätzen zu können, täuscht man sich. 1994 etwa haben 77 Prozent der Befragten in einem amerikanischen Umfragepanel angegeben, ein Seitensprung sei absolut verwerflich. In der heutigen durchsexualisierten Gesellschaft sind es nicht etwa weniger, sondern mehr, nämlich ganze 90 Prozent.

Nun könnte man sagen, die Amerikaner sind einfach prüde, aber auch in Europa zeigt sich dasselbe Bild: Eine Studie aus Hamburg und Leipzig zeigt, dass neun von zehn Befragten sich Treue wünschen, jeder Zweite aber bereits fremdgegangen ist. Monogamie ist kein Wert, der aus der Mode kommt. Aber einer, bei dem Wunsch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen. (Lesen Sie dazu auch: «Sex beim ersten Rendezvous? Wer sich wie schnell abschleppen lässt»)

Lust und Fleisch

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach – sagt der Volksmund und lange Zeit war die wissenschaftliche Erkenntnis in Sachen Affäre ähnlich einfach gestrickt: Eine zerrüttete Ehe sei Schuld, hiess es gerne. Und natürlich das Testosteron. Der Mensch, aber vorab der Mann, sei von Natur aus promisk, schliesslich sei es seine evolutionäre Aufgabe, sein Erbgut so gut als möglich unter die Menschen, sprich Frauen zu bringen. Eine bequeme Erklärung für das männliche Geschlecht, allerdings strafen auch diese These viele Studien Lügen. Die neusten US-Studien etwa zeigen eine bemerkenswerte demografische Veränderung in Sachen Geschlecht und Seitensprung: Bei den jüngeren Altersjahrgängen, den 30- bis 40-Jährigen, zeigen sich Mann und Frau beinahe gleich promisk, wie in der Augustausgabe des Magazins «Psychology Today» nachzulesen ist. Soziologen erklären diese Annäherung mit der enormen Angleichung der Lebensläufe. Wo Arbeit, Geld und Macht das Geschlecht verlieren, tut es offenbar auch der Seitensprung. (Lesen Sie auch: «Unmoralische Angebote: Die neue Datingkultur»)

Gelegenheit statt Ehekrise

Auch der Allgemeinplatz, dass nur untreu wird, wer in seiner Partnerschaft unzufrieden ist, fängt an zu bröckeln. Zwar gibt es diverse Studien, die zeigen, dass Eheprobleme und Seitensprünge miteinander korrelieren. Doch noch gibt es keine Langzeitstudie, die aufschlüsselt, ob die Krise zuerst da war oder die Affäre. Qualitative Untersuchungen diverser Befragungen zeigen aber, dass die Probleme in zwei Dritteln der Fälle die Folge und nicht der Auslöser für den Seitensprung waren. Langsam aber sicher setzt sich in der Psychologenzunft deshalb die Erkenntnis durch, dass Affären nicht nur multikausal, sondern auch multidimensional sind. Oder in den Worten von Barry McCarthy, Psychologe und Buchautor: Es gibt viele Faktoren, die eine Affäre auslösen können. Der häufigste ist äusserst simpel: Gelegenheit.

Auch der Braunschweiger Psychologe Christoph Kröger ist vom «Gelegenheitskonzept» überzeugt: Es erklärt nicht nur, warum die Untreue zunimmt, sondern auch, warum sie geschlechtslos wird. Wir sind mobiler, treffen auf mehr fremde Menschen in kürzerer Zeit. Überall auf der Welt und selbst im eigenen Wohnzimmer via Internet. (Lesen Sie auch: «Sexting – die Sache mit der Körpersprache») Und das gilt seit der weiblichen Eroberung des Arbeitsmarktes auch für Frauen.

Wissenschaftler sind sich heute einig, dass die Möglichkeit, die Chance eine Affäre zu haben, die grösste Voraussagekraft hat. Der Arbeitsplatz ist sozusagen der Seitensprung-Tatort. Dort finden Männer und Frauen nicht nur die grösste Auswahl an potenziellen Kandidaten und Kandidatinnen, sie treffen auf Menschen mit ähnlichen Interessen, sie verdienen das nötige Geld, und eine plausible Ausrede: Überstunden, ein After-Work-Apéro, ein Bier mit Kollegen.

Diese These bestätigt eine aktuelle Studie im «Journal of Family Psychology»: Gemäss dieser Studie haben Status und Einkommen einen direkten Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines Seitensprungs. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss haben Geschäftsreisen: Neue Umgebung, neue Menschen und eine Umgebung fernab von der Heimat fördern die Bereitschaft, sich auf ein aussereheliches Abenteuer einzulassen.

Und noch ein Resultat spricht für die Gelegenheitstheorie: Je grösser die Stadt, in der Menschen leben, desto grösser die Chance, dass sie einen Seitensprung wagen. Die soziale Kontrollfunktion, die in kleinen Dörfern spielt, ist obsolet, die potenzielle Zahl an Kandidaten viel grösser.

Bildung versus Gläubigkeit

Wenig überraschend ist die Erkenntnis, dass ein höherer Bildungsgrad Untreue fördert, Religiosität sie hemmt. Interessant aber ist der Fakt, dass Frauen, die besser ausgebildet sind als ihre Partner, eher fremdgehen als solche auf dem gleichen oder einem niederern Ausbildungsgrad. Frauen also reagieren, wenn Prestige und finanzielle Macht auf ihrer Seite ist, gleich wie Männer. Womit nicht nur erklärt ist, dass der Seitensprung in der modernen Welt kein Geschlecht mehr hat, sondern auch ein grosses Fragezeichen hinter die noch immer meist zitierte Erklärung gesetzt ist, dass Testosteron das männliche Sexualverhalten weitgehend zu erklären vermag.

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Beziehung Dating Sexualität Treue


Kommentare

  • Yves M.

    Ich glaube nicht, dass die Frauen heute mehr fremd gehen. Es kommt nämlich immer drauf an, mit welchem Zeitabschnitt in der Historie wir vergleichen. Heute sind wir sexuell extrem langweilig, wenn ich mir die Praktiken im alten Rom oder gar der Griechen ansehe wink

  • Albert Baer

    Selbst bei den Tieren ist es so, dass bei Paare bildenden Arten erstens die Männchen die Weibchen mit ihren weibliche Aufzuchtsqualitäten (z.B. Futterbeschaffung, Netzbau etc.) und nicht mit grossem Geweih etc. (Dominanz) versuchen für sich zu gewinnen (wie bei “Turnier”-Arten) und zweitens, dass die Weibchen bei Paare bildenden Arten häufiger die “Väter” mit dem Nachwuchs sitzen lassen und weiterziehen.

  • Ria Eugster

    Männlein oder Weiblein hin oder her:
    In den Beziehungen, in welchen man sich einig war, dass Treue ein gemeinsamer Wert ist, deutet ein Seitensprung auf die Absicht hin, sich etwas von aussen zu holen, das einem innen fehlt.

  • Thom

    Ein weiterer Grund, mein Leben ohne Frauen weiterzuführen.

  • Chris

    Dass 90% aller Befragten angeben, dass sie sich Treue in der Partnerschaft wünschen, glaube ich sofort. Ich habe in meinem persönlich Umfeld viele Bekannte, von denen ich weiss, dass sie nicht monogam leben. Männlein und Weiblein, wohlverstanden! Aber fast jeder gibt an, dass er sich diese Treue wünscht und nicht selten auch vom Partner verlangt. Da bricht wohl der simple Egoismus durch, der dem Partner nicht dasselbe zugesteht wie sich selber. Mir scheint eh, dass viele Leute bei diesem Thema sich selber sehr gerne ausblenden. Ziemlich verlogen, finde ich und das habe ich verschiedenen Bekannten auch schon so mitgeteilt. Nicht ohne auf ein völliges Unverständnis zu stossen, was wiederum bei mir komplettes Unverständnis auslöste. Ehrlicher wäre es sicher, in einer offenen Beziehung zu leben. Aber auch dies funktioniert wohl nur in wenigen Partnerschaften. Ich kenne allerdings kenne mehrere solche Partnerschaften. Und diejenigen, die ich kenne, leben zumindest von aussen betrachtet, in sehr harmonischen Partnerschaften.
    Ich selber bin der absoluten Überzeugung, dass der Mensch (m und w) nicht wirklich für Monogamie geschaffen ist.

  • Tomas

    “Die Frauen entdecken immer mehr ihr Talent zur Untreue”

    na endlich.
    Man muss die Fähigkeit zur Untreue haben, um treu bleiben zu können grin

  • Regula Heinzelmann

    Monogamie hat noch nie der menschlichen Natur entsprochen. Es wird Zeit, dass man lernt damit umzugehen, statt unrealistischen Idealen nachzujagen.
    Ob eine Beziehung stabil ist oder nicht hängt nicht davon ab, ob man Sex mit anderen hat. Wichtig sind geistige Werte und gemeinsame Ziele, z.B. eine Familie.
    Ein wichtiger Grund für Unstabilität in unserer Gesellschaft ist, dass viele Beziehungen wegen neuen Kontakten aufgeben, statt mehrere Beziehungen miteinander zu koordinieren. Polyamory hat man in vielen Kulturen hat man erfolgreich praktiziert.

    Regula Heinzelmann, Autorin „Die neuen Paare – Anleitung zur Polygamie“, Nymphenburger Verlag, 1994

  • Fritz Zuberbühler

    Warum nicht einfach mit mehreren schlafen? wink

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