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Das attraktivste Kapital

Schöne Leute haben nur Vorteile. In die eigene Schönheit zu investieren, ist trotzdem keine gute Idee. Es rechnet sich schlicht nicht.

Von Seraina Mohr

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Wir kennen sie alle, die gutaussehenden Arbeitskollegen, die nicht unbedingt mit ihrer Leistung, dafür mit ihrem Aussehen punkten und von den Vorgesetzen geschätzt werden. Zu Recht, denn insbesondere wenn sie Kundenkontakt haben, rechnet sich deren Einsatz. Sie bekommen mehr Aufträge, rentieren auch dann, wenn sie weniger effizient arbeiten als ihre Kollegen und verdienen erst noch mehr. 

Auf 230‘000 Dollar beziffert der Ökonom Daniel Hamermesh den finanziellen Vorteil, den ein einfacher Arbeiter im Lauf seines Lebens aufgrund seines guten Aussehens im Vergleich zu seinem unscheinbaren Kollegen geniesst.

Fair ist das nicht, aber gang und gäbe. Nur in ganz wenigen Berufsfeldern, wie etwa der Astrophysik, spielt das Aussehen keine grosse Rolle. Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sind klar: Wer optisch wenig hermacht, bleibt auf dem Weg nach oben stecken. 

Die Berechnung und Verrechnung der Schönheit beschäftigt den Professor aus Texas schon mehrere Jahrzehnte. Als Ökonom interessieren ihn vor allem die monetären Auswirkungen der äusseren Erscheinung und damit Zahlen. Sein Fazit: Schönheit zahlt sich aus. Auf dem Arbeits- oder Heiratsmarkt – die finanziellen Vorteile sind, wie er im neu veröffentlichten Buch «Beauty pays» zusammenfasst, überall belegbar.

Schönheit ist eine Frage des Gesichts und nicht des Gewichts

Und ja, eines vorweg: Schönheit lässt sich messen und zwar in einer Skala von 1 – 5, also von unscheinbar bis überdurchnittlich hübsch, und das ziemlich konstant und zuverlässig. Schönheit liegt zwar im Auge des Betrachters, doch dieses scheint strikt geschult zu sein. So herrscht eine grosse Einigkeit darüber, wer als attraktiv wahrgenommen wird. Alle hässlichen Entlein, die sich auf der Leinwand in schöne Schwäne verwandeln, haben in der Regel die richtigen Voraussetzungen, nämlich ein symmetrisches Gesicht (sehen Sie dazu auch den Clip zur Geschichte der Schönheit). Das Gesicht ist denn auch das entscheidende Kriterium für die Beurteilung von Schönheit, nicht das Gewicht und nicht die Grösse.

Die Welt ist ungerecht, denn unattraktive Menschen sind nicht nur im Job, sondern auch auf dem Heiratsmarkt benachteiligt. Einkommenseinbussen von durchschnittlich 10% muss hinnehmen, wer aufgrund seines  Aussehens auch auf dem Partnerschaftsmarkt nicht erste Wahl ist. Denn soviel weniger verdient der Ehemann einer unattraktiven Frau im Vergleich zu einer attraktiveren Kollegin. Dass sehr schöne Frauen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind – den sogenannten «Bimbo-Effekt» – hält Hamermesh für überschätzt und liess sich nur bei Anwältinnen, die sich um eine Partnerschaft bewerben, belegen. Schönheit oder ihre Abwesenheit trifft Männer und Frauen gleichermassen.

Lieber schön als intelligent – ein kluger Wunsch?

Die jungen Frauen, die in Studien angeben, dass sie lieber schön als intelligent sein möchten, erscheinen unter dem Gesichtspunkt plötzlich weitsichtig. Nur ändern können sie ihr Schicksal nicht. Diejenigen, die heute schon hübsch sind, werden es auch in späteren Lebensjahren noch sein, die anderen sollten besser von Anfang an ihren Grips gebrauchen. Denn intelligente Leute verdienen durchschnittlich mehr, unabhängig von ihrem Aussehen. Sehen sie gut aus, steigen dagegen ihre Chancen auf eine Karriere, einen hübschen Partner und damit auch auf attraktiven Nachwuchs.

Investitionen machen nicht schöner, aber glücklicher

Ökonomisch betrachtet, müsste eine Investition in die eigene Schönheit also eine gewinnbringende Sache sein. Eine Überlegung, die angesichts der steigenden Anzahl Schönheitsoperationen auch durchaus mehrheitsfähig scheint. Auch dies ist jedoch ein Trugschluss. Der Nutzen ist marginal und im Verhältnis zum Aufwand (Kosten und Schmerzen) nicht gegeben. Ähnlich sieht es bei Investitionen in schicke Klamotten oder Kosmetika aus. Ein Dollar, der auf diesem Weg ausgegeben wird, bringt umgerechnet nur eine durchschnittlichen Rendite von 4 Cents  – eine schlechte Anlage, die nicht schöner, dafür glücklicher macht. 

Den weniger Attraktiven bleibt als Trost, dass viel mehr Leute als attraktiv eingeschätzt werden, als landläufig angenommen. Für die wirklich Benachteiligten wird in den USA derzeit ein Schutz durch das Gesetz diskutiert, denn das Diskrimierungspotential aufgrund des Aussehens wird als grösser eingestuft als bei Unterschieden in Bezug auf Rasse, Alter oder Geschlecht. Das mag uns etwas schräg vorkommen. Doch wenn Frauen schon das Recht auf graue Haare am Arbeitsplatz erstreiten müssen, ist die Idee nicht ganz zu abwegig

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Seraina Mohr

Seraina Mohr ist Leiterin des Competence Center Onlinekommunikation am Institut für Kommunikation an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich und arbeitete anschliessend mehr als 10 Jahre in verschiedenen Funktionen in der Medienbranche.