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Schlampen in Seoul

Die Slutwalk-Bewegung hat sich ziemlich weit entfernt von ihrem Ausgangspunkt – nicht nur geografisch. Jetzt gerät der Event-Feminismus in die Kritik, in die feministische.

Von Marie Dové

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Nun also auch in Südkorea. Dutzende südkoreanische Frauen haben am Wochenende aus Protest gegen sexuelle Belästigung in spärlicher Bekleidung an einem sogenannten Slutwalk («Gang der Schlampen») teilgenommen. Die etwa 70 Demonstrierenden, tatsächlich überwiegend Frauen, folgten einem Aufruf von «SlutWalk Korea», in dem es gemäss AFP hiess: «Wir haben das Recht, uns so anzuziehen wie wir wollen. Wir lehnen ab, was sie als sexy definieren.»

Clack-Lesende erinnern sich: Der SlutWalk wurde erstmals im April in Kanada organisiert, nachdem ein Polizist aus Toronto gesagt hatte, Frauen die sich «wie Schlampen» kleideten, hätten es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie sexuell belästigt würden. Nach dem ersten «SlutWalk» in Kanada am 3. April folgten ähnliche Proteste in den USA, Europa, Südafrika und Australien.

Und jetzt in Asien, wo in den letzten Tagen nicht nur in Seoul, sondern auch in Dehli Frauen als Schlampen paradierten.

In Indien allerdings zeigten sich erstmals die Grenzen der Globalisierung eines solchen Event-Feminismus. Die Organisatorinnen des Frauen-Marsches in Dehli nämlich änderten den Namen des Anlasses: von Slutwalk zu Shamless Front. Zudem war der Auftritt der Manifestantinnen weniger aufreizend als bei den westlichen Vorläufer-Demos: nicht schlampig aggressiv, sondern sensibel traditionell, wie sich Umang Sabarwal, Chef-Organisatorin von indischen Zeitungen zitieren lässt.

Ein Marsch in die verkehrte Richtung?

Mittlerweile sind es nicht nur Inderinnen, die Zweifel an der Namensgebung des frauenrechtlerischen Exportsschlagers hegen, namentlich etablierte Feministinnen sind ziemlich unglücklich mit dem sexuell-aggressiven Schlachtruf «Slutwalk» und melden Kritik an.

Doch das Unbehagen geht weit über das Terminologische hinaus. Slutwalks seien ziellose Protestevents, welche die systematischen Strukturen von sexueller Gewalt ignorieren würden, heisst es etwa. Oder: Die Frauen liessen sich von den Mechanismen der Mediengesellschaft missbrauchen. Und mit sexueller Befreiung hätte diese Bewegung gar nichts zu tun, schreibt böse die bekannte Guardian-Bloggerin Gil Dines. Eine gute Übersicht der breiten Kritik finden Sie hier.

Mal sehen, ob sich die Sluts davon beeindrucken lassen. Zum Beispiel beim in Berlin geplanten Slutwalk Anfang August.


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Kommentare

  • Christa Müller-Wiedmer

    Liebe Clack-Leserinnen, liebe Marie Dové
    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass engagierte Frauen mit dieser Form von Protest ihre Mühe haben. Genauso geht es mir. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich so altmodisch bin. Oder diese Frauen so doof.

  • Marcel

    Wenn ich jetzt ganz böse sein wollte, dann würde ich einfach auf die griffige Formel “sex sells” zurück greifen, um den rund um die sluts walks entstandenen Medienhype zu erklären. Die Zahl der Teilnehmerinnen steht in keinem Verhältnis zur Gesamtheit aller Frauen. Folglich repräsentieren sie auch nicht die Haltung aller Frauen zu diesem Thema, sondern lediglich sich selbst und ihren (feministischen) Standpunkt. Überdies:

    Wieviel Bewusstsein generiert die Sprache? Und wieviel lässt sich daran- am Bewusstsein nämlich- bewusst verändern, wenn man einen Begiff förmlich aus seinem ursprünglichen Kontext reisst und in einen neuen versetzt?

    Slut walk? Das ist ein Schuss in die Hose, garantiert! Die (feministische) Kritik also berechtigt.