Clack

Punsch, Pot und Pulli-Porn

Pah! Wer braucht schon laue Sommernächte, um auf den zu Putz hauen? Daniela Dambach strickt eine Masche für Outdoor-Partys mit gesteigertem Gemütlichkeitsfaktor bei sinkenden Temperaturen.

Von Daniela Dambach

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Der Sommer 2014 wurde uns geklaut (bestimmt von einem bärtigen Dunkelhäutigen, wie alles in der Schweiz zu Zeiten der Ecopop-Wirren), aber das Feiern im Freien müssen wir uns nicht nehmen lassen! «Der Winter zähmt Mensch und Tier», meinte Shakespeare. Von wegen: Der Winter weckt den Partylöwen oder mindestens den Kater im Menschen. Zumindest, wenn man die richtigen Zutaten im Hexenkessel anrührt.

Ein loderndes Lagerfeuer, und sei es ein in Gitterstäben der Feuerschale gefangenes, ist ein Muss. Weil es wärmt. Weil jeder versteht, wenn man wortlos hineinstarrt. Weil in jedem noch so modisch-metrosexuellen Mitfeiernden ein brachialer Vorfahre aus der Steinzeit steckt. Die Feuerstelle entfacht ein Gefühl von Gemütlichkeit, als würde man es mit dem Rauch inhalieren. Die scheinbare Engelszunge der Nachbarin vom 4. Stock speit unerwartet etwas Feuer und der Moralapostel moniert, das Ding rauche ja Kette. Aber ich lasse mich dadurch nicht aus der Seelenruhe bringen und schicke die Nörglerin und den Tadler gedanklich ins Krematorium.

Der selbst gemachte würzige Punsch mit Calvados wärmt von innen. Mit gespitzten Lippen schlürfe ich geräuschvoll den warmen Lebenssaft wie ein Kolibri den Nektar. Mit jedem Schluck fühlt es sich mehr und mehr an, als hätte mir jemand eine wohlig warme Bettflasche in den Magen transplantiert. Die Muffins sind erst wenigen Minuten jung, als ich sie mit noch flüssigem Kern serviere, damit man die vorwitzige Zungenspitze tief in die lauwarme Schokoladensauce tunken kann.

Orange Kürbisse, hohler als gewisse Köpfe und – mit einem Teelichtlein versehen zweifelsohne heller – zieren den Tisch. Ohne Halloween-Hackfresse sind die Kürbisköpfe sogar mir sympathisch. «Ob daraus jemals eine Kutsche wird, wie bei Aschenbrödel?», frage ich mich innerlich. Der Punsch wirkt.

Das Fleisch der Kürbisse hat die Nachbarin vom 1. Stock zu einer sämigen Suppe verarbeitet. Die Suppe kriegt zum Glück keine Grillstreifen, obwohl der Pot zum Warmhalten auf dem Rost steht. Während ich das mundende Mus löffle, fühle ich mich wonneproppig wie ein Baby kurz nach dem Abstillen.

Für die kleinen Partygäste stehen silberfolierte Zuckerstöcke zum Abfackeln bereit. Das euphorische Kinderkichern während der Mini-Ätna in den herbstlichen Himmel spuckt, lässt sogar die Mundwinkel des Nachbars leicht Richtung Mond zeigen, der sonst griesgrämig hinter dem blickdichten Biedermeiervorhang hervorschielt.  

«Würstchen, Würstchen, Würstchen», brabbeln sogar die Kleinsten. An zugespitzten Stecken  hängen Cervelats. Die Kinder strecken sie geduldig ins Feuer, «im Vergäss» häufig auch einfach in die kalte Abendluft und fragen ihre Eltern alle drei Sekunden, ob «die Wurscht» denn schon gut sei.

Eingemummelt wie eine Raupe im Kokon sitze ich am Lagerfeuer, schmiege mich an meinen «Wollpulover» und fühle, wie sich Punsch, Suppe und Muffins in meinem Bauch zu einer Art Viech vereinen. Ein Schmetterling ist es mit Sicherheit keiner. Wir plaudern und lachen, während aus den Boxen «Reunion» von «The XX» wummert. Die Kälte kann uns dank schweren Decken nichts anhaben, komme sie, wie sie Wolle.

Als meine Nasenspitze allmählich zu tropfen beginnt wie in diesem Lied von «Echt», und die salzigen Perlen meine spröden Lippen befeuchten, ist es Zeit, nach drinnen zu gehen. Zu zweit. Zeit, die dampfende Badewanne fast zum Überlaufen zu bringen und sich gegenseitig den Rauchwürstchen-Odeur mit Milchhonigschaum abzuwaschen.

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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