Clack

Prinzessin auf der Kakerlake

Wenn Clack-Autorin Daniela Dambach in den Ferien weilt, ist einer nicht weit: Der Ekel. Oder sind eindeutig nicht dem Liebhaber zuordenbare Schamhaare und teigige Hundekot-Würstchen etwa nicht «wäh»?!

Von Daniela Dambach

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Schwarze, glatte Haare krümmen sich wie zu lang geratene Blutegel auf dem weissen Grund des Kopfkissens. Die Haare in meinem Hotelbett sind auch nach bemühter Betrachtung weder mir noch meinem Partner zuzuordnen, keiner Körperregion. Die romantische Vorstellung, Schneewittchen hold hätte hier höchstselbst genächtigt und von ihrem Prinzen geträumt, zerschlägt sich in meinem Kopf wie ein Ei am Pfannenrand.

Zuerst erinnert meine Haut an den Armen an Luftpolsterfolie, meine Oberlippe zuckt nervös wie jene eines Lamas kurz vor dem Spucken und kräuselt sich wie Lollo-Salat. Gefolgt von meinen Augen, die sich verdrehen als würden sie einem Wagen auf einer Achterbahn mit 14 Loopings folgen. Dann rümpfe ich die Nase derart, dass die Spitze mindestens drei Millimeter kürzer wirkt. 

Das ist keine Anleitung für Gesichtsgymnastik, sondern meine affektive Mimik, wenn ich mich vor etwas ekle. Und das kommt gerade in den Ferien besonders oft vor, wenn ich mich in wildfremden Betten wälze, durch unbekannte Gassen schlendere oder aus nicht vertrauten Tellern esse – ich werde zum «Prinzesschen auf der Kakerlake», von Gräuel geschüttelt und von Aversion arretiert.

Den Sperrhebel löse ich, indem ich mich jeweils hektisch schnaubend überwinde, das Ekelerregende zu beseitigen: im Duvet-Ausschütteln würde Frau Holle glatt gegen mich verlieren. Auch das Sterilium im Kleinformat für die Handtasche hat den Ekel schon öfters kastriert.

Eine bananenförmige Fäkalie dreht im Strudel der Toilettenschüssel fröhlich ihre Runden. Der Schlund des Abflussrohrs will und will sie nicht verschlucken.

Die Person, die vor mir auf der Restaurant-Toilette war, sah offenbar nicht über den eigenen Toilettenrand hinaus – dort befände sich nämlich der WC-Spülknopf, den ich nun für sie betätigt habe. Mein Magendarmtrakt kontert auf diese «Kotamination» mit Brechreiz.

Ein dampfendes Häufchen presst sich in die Zwischenräume der Pflastersteine und passt den Fussgängern ab, um sich an deren Sohlen zu heften. Dann stehe ich schon tiefer drin als ich ausatmen kann: in der Hundekacke. Schade trage ich keine High Heels beim Sightseeing, die hätten wenigstens weniger Angriffsfläche geboten.

Natürlich sind auch die klebrigen Tischplatten im Restaurant zu erwähnen – sie tragen Hornhaut an den Ellenbogen effizienter ab als jeder Raspel. Oder die Kakerlake, die in der Küche ihre Fühler nach mir ausgestreckt hat. Dass ihre Panzerfarbe einigermassen mit meiner Haarfarbe harmoniert hat, macht die Sache auch nicht weniger «grusig».

Mein Ekelgefühl ist ausgeprägt. Die Fähigkeit, Ekel zu empfinden ist angeboren – deren Ausprägung hängt von der Sozialisation und den individuellen Assoziationen ab. Der Sinneseindruck ist derart stark, dass er sich kaum mit Vernunft bändigen lässt. Die aufgezwungene Nähe zu Fremdartigem löst Ablehnung und Widerwille aus – und einen
unmissverständlichen Gesichtsausdruck. 

Unzählige cremeweisse Katzenhaare und ein paar dunkle Männerhaare vergraben sich tief in den Fasern der Wolldecke.

Zurück zuhause igle mich auf dem Sofa ein und kuschle mich in die Decke, die hauptsächlich aus Wolle, aus vielen Haaren von meinen Hauskatzen und aus ein paar wenigen Haaren von meinem Liebsten besteht. Der Erfinder des Wortes «Geborgenheit» musste haargenau dieses Gefühl gemeint haben. Ekel empfindet man niemals vor jenen, die man innig liebt. Nicht mal vor deren Haare.

Apropos Liebe: Es ist nicht erst seit gestern wissenschaftlich bewiesen, dass sexuelle Erregung die Schwelle des Ekelempfindens heraufsetzt – zumindest vorübergehend. Sex senkt also den Ekelfaktor von Sperma, Schweiss und Speichel … (siehe auch «Guten Morgen, Sex!» )

… aus den Ferien nehme ich neben all den schönen, auch viele ekelhafte Erlebnisse mit – und mindestens 27% mehr Sommersprossen.

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.