Clack

Das Silikon der «Luxus-Hühner»

Der Skandal um französische Brust-Implantate wirft neue Wellen. Frankreichs Öffentlichkeit streitet sich nun darüber, ob die betroffenen Frauen nicht schlicht selber Schuld seien. Und damit keinen Anspruch auf staatliche Hilfe haben.

Von Nathalie Sassine-Hauptmann

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Als Mitte Dezember 2011 in Frankreich bekannt wurde, dass die PIP-Brustimplantate industrielles Silikon beinhalteten und viele Frauen deshalb gefährdet waren, schwappte eine Welle der Entrüstung über das Land. Wie kann ein Hersteller von Prothesen, die vor allem Krebs-Patientinnen helfen sollte, nur so skrupellos sein? Eben diese Patientinnen wurden nun noch einmal der Gefahr ausgesetzt, einen Tumor zu entwickeln, da die Silikon-Kissen krebserregende Stoffe enthielten. Das französische Gesundheitsministerium empfahl den ca. 30’000 Frauen deshalb gleich darauf, die Implantate wieder herausnehmen zu lassen. Natürlich auch denen, die ihre Brüste nicht aus gesundheitlichen Gründen mit Silikon «ausgerüstet» hatten.

Und da liegt das Problem. Denn wer soll die Operationen bezahlen? Das Unternehmen Poly Implant Prothese (PIP), das bereits im Juli 2010 aufgelöst wurde, kommt dafür nicht mehr in Frage. Die Inhaber sind untergetaucht. Neusten Meldungen zufolge werden die Kosten voraussichtlich von der französischen Einheitskrankenkasse übernommen, sowohl für die Krebspatientinnen, als auch für die Frauen, die sich «freiwillig» einer Brustvergrösserung unterzogen haben.

Nun werden in sämtlichen Medien Kommentatoren-Stimmen laut, die sich dagegen wehren, mit ihren Steuergeldern «Luxus-Hühner» zu unterstützen, die sich die OP schliesslich «ohne lebenswichtige Gründe» geleistet haben. Nur weil sie attraktiver sein wollten. Sie werden mit Rauchern verglichen, die bewusst ihre Gesundheit gefährden und jetzt kriegen, was sie verdienen. «Selbst schuld und nicht in unserer Verantwortung», so der Tenor der Kommentatoren und Kommentatorinnen, was vielleicht noch mehr erstaunt.

Frauen, die andere Frauen verurteilen, sind nichts Neues. Doch hier geht es um eine potentielle Gefährdung von Frauen, die dachten, sie könnten ihr Leben verbessern, indem sie sich einen Wunsch erfüllen: Ein neuer Busen. Ob langjähriges Stillen, Gewichtsabnahme oder einem Mann, der mehr in der Hand halten will, es gibt tausend Gründe, etwas in diesem Bereich ändern zu wollen. Ist das so viel verwerflicher, als ein Implantat infolge von Brustkrebs? Und müssen diese «Luxus-Hühner» jetzt einfach damit leben, vielleicht krank zu werden, nur weil sie schöner sein wollten?

Da die PIP ca. 300’000 Prothesen nach Grossbritannien und Spanien exportierte, bleibt nun abzuwarten, wie diese Länder das Problem lösen und ob die Britinnen und Spanierinnen ihre operierten Landsfrauen auf die gleiche Weise an den Pranger stellen werden.

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Busen Gesundheit Plastische Chirurgie


Kommentare

  • Irene

    Die Perfektion des synthetischen Körperbaus integriert die unterentwickelte Langeweile….

  • Fremde Besucher

    Wenn sie glücklicher werden oder “ihr leben verbessern” wollen, dann sollten sie keine künstlichen wiederwertigen Silikontitten mach lassen, sondern zum Therapeut gehen. Fertig aus.
    Ich finde es super, dass sie sich beschweren. Ich würde auch das Kotzen kriegen, wenn ich Tussis mit Minderwertigkeitskomplex, die ihre Selbstwertgefühl von ihrer Oberweite und den geilen Blicken der Anderen abhängig machen, ihre Titten bezahlen müsste. Nur damit sie mehr Aufmerksamkeit bekommt. Und übrigens: Männer müssen ihren Kampf gegen die Glatze selber bezahlen (Sie haften und zahlen ja schliesslich auch für nebenwirkungen und dergleichen). Ergo können die Prinzessinnen und Möchtegern Stars ihren Kampf ebenfalls selber finanzieren. Oder halt der reiche alte Kerl, den sie sich dadurch schnappen will.
    Traurig diese oberflächige Gesellschaft.

  • Bart

    Lächerlich, diese Forderung. Sowas kann auch nur von Radikal-Feministeln kommen: Die Frau immer als Opfer, egal was für einen Seich sie gemacht hat.

  • Gustav

    Die Öffentlichkeit soll nur für was bezahlen, was ihr gehört.

  • Johann

    Dann müsste der Staat den Männern ja auch Viagra bezahlen. Auch den Männern, die es freiwillig wollen, “weil sie denken, sie können damit ihr Leben verbessern. Es gibt Tausend Gründe dafür.”

  • Reto B.

    Die Aktualität der Frage: Was soll eine Krankenkasse bezahlen und was ist selbstverschuldet, hier halt einfach gepaart mit “Sex sells”. Je mehr man machen kann und je aufwändiger die Therapien sind, desto mehr nähert man sich der Kluft an, dass irgendwann mal eine lebensrettende Therapie zu teuer für die Krankenkasse wird. Was wenn man AIDS heilen könnte mit Kosten, die höher sind, als ein Mensch in seinem Leben durchschnittlich erwirtschaften kann? Zahnversicherungen sind nicht gedeckt, Folgekosten von falscher Ernährung und Rauchen schon. Meist ist ja nicht abzuklären, was dazu geführt hat, dass der Mensch jetzt krank ist, da sich einfach das Risiko erhöht, diese Krankheit zu bekommen, aber z.B. auch ein Nichtraucher Lungenkrebs bekommen kann.

    Egal wie ichs drehe und wende, ich komme zur immer gleichen Lösung. Die Krankenkasse kann nicht alles tragen – aus wirtschaftlichen Gründen müssen gewisse Leute sterben – weil ihre Heilung zu viel kostet, im Vergleich zu der Zeit, die man ihnen damit erkaufen kann.

    Nun gut, fangen wir halt mal mit den Schönheits OPs an – oder den Rauchern, oder den verfressenen Alkoholkranken. Irgendwann sind wir dann eh alle in mehr oder weniger grossem Ausmass davon betroffen. Das ist nicht etwas was ich gut oder schlecht finde – das ist in meinen Augen unausweichlich. Vielleicht lohnt es sich aber, wenn man sich dessen bewusst ist, bevor man mit dem Finger auf eine Gruppe zeigt, der man nicht angehört.

  • Reto B.

    Fast – damit die Analogie in meinen Augen stimmt, müsste der Staat die Auswirkung der Nebenwirkungen von Viagra bezahlen, wenn sie ganz klar auf dessen Einnahme zurückzuführen sind.

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