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Oma ist tot und ich knipse mich

Der neueste Trend bei den Selfies: das Selbstporträt auf der Beerdigung. Sind die Teenager noch bei Trost?

Von Nicole Althaus

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Es ist als schliche man sich heimlich in die Toilette eines Krematoriums: Eine junge Frau im kleinen Schwarzen wischt sich mit der einen Hand die zerlaufene Wimperntusche aus dem Gesicht, während sie mit der anderen die Kamera auf dem Handy auslöst: «Ich liebe meine Frisur. Aber ich hasse, warum ich herausgeputzt bin #funeral.»  Eine andere verzieht das Gesicht als heulte sie gleich los während sie ihren schwarzen Mini im Auto zurechtrückt. Auf dem Weg zur Beerdigung der Grossmutter, so die Byline.  Ein etwa vierzehnjähriger Junge wiederum streckt den Arm so hoch über sich, dass sein Selfie im Hintergrund den offenen Sarg zeigt, in dem die tote Oma liegt. «Gruselig», so kommentierte ein User auf Tumblr.com und ein anderer meint: «Ich kann nicht mehr atmen.»

Morbide und krank?

Selfies im Angesicht des Todes. Das überschreitet für die Blogosphäre und die Massenmedien das erlaubte Mass an jugendlicher Selbstbespiegelung.  Zwar sind «Selfies» – digitale Selbstproträts mit der Handycamera aus einer Armlänge Distanz – in letzter Zeit so selbstverständlich geworden, dass selbst Politiker sich nicht scheuen damit Quote zu machen und der Oxford Dictionary «Selfie» zum Wort des Jahres 2013 erkürt hat. (Lesen Sie auch: «Die Verhärtung der Frau») Doch vor der Pforte des Friedhofs macht die Toleranz offenbar halt: Als Vorbote der Apokalypse, als Bankrotterklärung der Jugend wurden die Beerdigungs-Selfies bezeichnet. Die  Autoren der einschlägigen Online-Sites in Amerika waren sich in der letzten Woche einig: So was gehört sich nicht. So was ist unanständig, morbide und krank. Und: Die Selbstporträts unter dem Hashtag Funeral seien ein weiterer Beweis dafür, dass mit den Millenials die  egoistischste und selbstgefälligste Generation aller Zeiten heranwachse. 

Tatsächlich? Man könnte auch ganz anders argumentieren. Kunsthistorisch zum Beispiel: Das Selbstporträt im Angesicht des Todes ist ein altbekanntes Genre. Arnold Böcklin hat sich mit dem fidelnden Tod gemalt, um sich des Lebens zu versichern. Vincent van Gogh oder Lucian Freud haben diese Ikonographie weiterentwickelt. Das Selbstporträt im Angesicht des Todes ist historisch also alles andere als eine Grenzüberschreitung einer eiteln Generation. Es ist Teil einer Tradition, welche die äussere Fassade als Dokument der Introspektion benutzt. Und den Tod als memento mori.

Selfie als Volkskunst

Die vorschnelle Verurteilung der Funeral-Selfies wird weder den Subjekten noch den Objekten gerecht. Es stimmt zwar, dass den Egoshootern kein Ort mehr zu privat ist, um sich darin zu spiegeln: Ob  im Auto, in der Schule, im Badezimmer, vor dem Kleiderschrank, im Bett oder auf der Toilette – eine Generation inszeniert sich selbst. Doch in einer Zeit, in der Fotografie keine Frage der Ressource mehr ist, sondern bloss noch der Selektion, kann das eigentlich nicht erstaunen. Mit anderen Worten: Wer weiss,ob  Urgrossmutter es bei  dem obligaten  Hochzeits- und Familienfoto hätte bewenden lassen, wäre das Fotografieren einfacher und das Entwickeln nicht so teuer gewesen? (Lesen Sie auch: «Mit den Friends in der Umkleidekabine»)

Das Selfie ist  zur Volskunst des digitalen Zeitalters geworden und beginnt nach vereinzelten Soziologen nun auch die Kunstwelt zu interessieren. Im Oktober erst ist in London die erste Selfie-Gallery eröffnet worden. Zu sehen ist exakt, was man erwartet: Eine kuratierte Kollektion von digitalen Selbstporträts. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die Apokalypsen-Propheten die Funeral-Selfies unserer ach so morbiden Jugend an einer Museumswand bewundern können.

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