Clack

Oma hilft beim Daten

Panikattacken schütteln unsere Michèle, als ihre Oma sie mit einem Dermatologen verkuppeln will. Sie wehrt sich bissig, aber zum Schluss gewinnt Oma auf ihre ganz eigene Art.

Von Michèle Friedli

Twittern

Meine Oma ist rüstige 81 Jahre alt und das Einzige, was sie eisern am Leben erhält, ist der Optimismus Urgrossmutter zu werden. Sie droht mir bereits seit einigen Jahren mit ihrem Leitsatz, dass sie jeden Moment sterben könnte – ich solle mich bitte etwas beeilen.

Da meine Cousine nun schwanger ist, bin ich aus dem Schneider. Das dachte ich zumindest. Aber ganz offensichtlich stirbt nicht die Hoffnung zuletzt, sondern meine Großmutter. Auf ihre Frage, warum ich immer noch solo bin, antworte ich lakonisch:

«Ich bin ein Scheidungskind. Mama und Papa haben gewissenhaft und voller Aufopferung alles getan, um mir ein abschreckendes Beispiel zu geben.»

Normalerweise reicht das, um weiteren bohrenden Fragen auszuweichen, doch heute zeigt sie sich kampflustig und pfeffert mir stattdessen einen zerknüllten Zettel ins Gesicht. Er prallt an meine Stirn und landet im Teller mit Kartoffelsuppe.

«Was ist das? Die Anmeldung zur Sendung Schwiegertochter gesucht?»

Augenblicklich wird mir klar, dass diese Äußerung sie womöglich auf dumme Gedanken bringt. Als einziger Single in der Familie werde ich ständig zur Zielscheibe gut gemeinter Ratschläge.

«Mein liebes Kind, selbst für deine Pfanne gibt`s irgendwo den passenden Deckel. Meinst du nicht, dass es langsam an der Zeit wäre zu suchen?»

Fängt das schon wieder an. Gleich werden Sätze folgen wie:

  – Vielleicht bist du zu wählerisch?

  – Der Richtige kommt bestimmt.

  – Du bist halt eher der Karrieretyp.

Doch unterdessen sausen sie an mir vorbei wie kleine Hamster im Windkanal der ETH indes ich ihnen fröhlich zuwinke.

«Oma was soll dieser blöde Zettel?»

«Ich habe eine Verabredung für dich arrangiert.»

Sie sagt das in einer Selbstverständlichkeit als lebten wir in Indien. Gerade mutiert mein Leben zu einer Praline und ich bin der Zuckerkranke.

«Wie bitte? Was?!»

«Ach Liebes, warum guckst du so mürrisch? Es zwingt dich niemand ihn anzurufen, wenn du nicht magst, also mach dir keine Sorgen. Aber bei deinem unsteten Lebenswandel täte dir ein solider Mann gut. Jemand mit Charme und Esprit, Verantwortungsbewusstsein und einem Vollzeitpensum. Von alternativen Künstlertypen in der Selbstfindungsphase oder Langzeitstudenten solltest du endlich mal absehen. Herr Dr. Rüdisüli würde dir gefallen. Er ist nicht nur Dermatologe, sondern auch überaus manierlich und nett.»

Ich weiß, dass sie sich nur das Beste für mich wünscht. Dennoch ist sie zu weit gegangen. Wut steigt in mir hoch und gräbt immer boshaftere Furchen um Augen und Mund, während «nett!» durch meinen Kopf schallt wie ein Echo zwischen Schweizerbergen.

«Nett!» ist der kleine Bruder von Scheisse oder die Papiertüte über einem Misthaufen aus Langweile. «Nett!» sind Seitenscheitel, Tennissocken oder Plüschtiere zum Geburtstag. «Nett!» sind Desinfektionsmittel, Wohnwände aus Kiefernholz oder Crocs. «Nett!» ist das untere Ende der Skala von Erregung und so prickelnd als hätte man Hämorridensalbe am Hintern!

Worüber redet meine Oma in ihrer Sprechstunde? Gehört es neuerdings zum guten Ton, neben dem eitrigen Ausschlag auch seine Single-Enkelin zu präsentieren? Mein Beziehungsstatus ist keine Krankheit, die man ärztlich behandeln muss. Ich leide weder an Balzheimer noch an meinem unsteten Lebenswandel. Aber wie soll ich ihr verklickern, dass man heutzutage nach einer Runde Rodeo den Bullen nicht gleich heiratet? Nebenbei, was soll ich mit einem Mann, der verzweifelt genug ist, einer betagten Frau seine Telefonnummer zu überlassen. Das grenzt bereits an latente Todessucht, selbst, wenn meine Großmutter mich angepriesen hat wie der Bauer die Zuchtkuh.

Es fühlt sich beinahe so an, als wäre ich wieder sechs Jahre alt. Ich wurde genötigt ein buntes Clownskostüm anzuziehen, welches fürchterlich gejuckt hat. Mir war höllisch heiß und die Schminke tropfte vom Gesicht. Am Ende des Kinderumzugs stand ich da wie Joker`s Tochter mit ungesüßtem Pfefferminztee in der Hand und einem trockenen Nussgipfel. Sie dachte wohl, es würde mir Freude bereiten.

«Oma ich habe dich lieb aber bitte hör auf, dich in mein Leben einzumischen!»

Mit Daumen und Zeigefinger fische den Zettel aus der Suppe und stecke ihn demonstrativ in meinen Mund. Nach einem Schluck Wasser ist die Nummer gegessen.

Meine Oma lacht Tränen.

«Ach, Liebes dachtest du ernsthaft, ich will dich verkuppeln? Dann kennst mich aber schlecht. Ich weiß doch unterdessen, wie du tickst. Ich gönne mir lediglich ein Späßchen mit der Jugend, solange ich noch nicht komplett senil bin. Humor ist der Regenschirm der Weisen. Du wirst es auch noch lernen.»

Michèle Friedli wurde im Februar 1981 in Bern geboren. Als Slam Poetin und adoptierter Wildfang der Redaktion legt wöchentlich ein buntes Ei über Ausrutscher und Fettnäpfchen ihres Alltags und nimmt sich dabei gern selbst aufs Korn. Hier gehts zu ihrer Homepage.

(Visited 885 times, 3 visits today)
Sexualität


Kommentare

  • Irene

    Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm….smile

  • marie

    humorvolle, lebenserfahrene und -lustige omas braucht die welt – mehr davon!

  • Beat

    Statistisch sind die Opas in dem Alter schon tot. Wie ungerecht. Wo bleibt die Gleichstellung?

  • Dein Bruder

    Michèle es wird Zeit!!! Heiraten Kinder machen und seshaft werden. Du bist die älteste in der Familie und musst als Vorbild vorab gehen. wink

    Omi hat schon recht grin

  • Mariam

    Michèle, für dich (und andere junge feministische Frauen) zum Wochenanfang folgender Text aus der NZZ:
    Flirten in der Filter-Bubble
    http://drstrangelove.blog.nzz.ch/2014/11/09/flirten-der-filter-bubble/

Lesen Sie auch: