Clack

Nicht «kinderlose Single» sondern «PANK»

Jahrelang hat unsere Autorin fremden Kindersorgen nur mit halbem Ohr zugehört. Gerade, als sie Panik bekam, die letzte Babyverweigerin zu sein, fiel ihr ein rettendes neues Lebensmodell in die Hände: PANK - «Professional Aunt No Kids»

Von Clara Ott

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Zu meinem 30. Geburtstag vor vier Jahren steckte ich gerade mitten in einer leidenschaftlichen Affäre. Pünktlich zum Geburtstag hatte ich zudem meine Festanstellung gekündigt, um mich in die journalistische Freiberuflichkeit zu stürzen. Zu der Zeit gab ich enorme Summen für Mode, Ausgehen und Fitnessstudio aus und lud daher ohne Zögern zwei handvoll Freundinnen zum Geburtstags-Sushi in ein Restaurant ein. Ich weiß noch genau, dass ich an dem Tag meine Haare radikal abgeschnitten hatte, viel zu viel Weißwein und zu wenig Sushi konsumierte, permanent von dem Affärenmann plapperte und ich werde nie vergessen, wie mich Freundin J. mit ihrem Auto heimfuhr. Zu der Zeit sahen wir uns leider nicht oft, weil sie einen neuen Freund hatte und ich mein Singleleben genoss. Ein paar Monate später schickte sie mir ein Foto via Smartphone. Mit einem neugeborenen Baby. Erst war ich perplex, dann enttäuscht und sauer, dass sie mich nicht eingeweiht hatte. «Ich hab deine komplette Schwangerschaft verpasst!», schimpfte ich. «Tja, ich wollte es dir an deinem Geburtstag sagen. Aber du warst so durch den Wind, dass ich den richtigen Zeitpunkt versäumt habe und dann dachte ich, dass es dich eh nicht interessiert hätte.» Autsch. Ihr Sohn wird bald vier Jahre alt und obwohl wir beide arg eingeschnappt waren, hat es unsere Freundschaft glücklicherweise nur kurzfristig auf die Probe gestellt.

Ultrapeinliche Fakten und Utraschall-Fotos

Denn nach einer Phase des schlechten Gewissens über meine Oberflächlichkeit und mein egozentrisches Singleleben ploppten langsam, aber immer öfter Babyfotos auf meinem Handy auf. Kurz nach Freundin J. bekam Freundin A. ihr erstes Kind. Eine wahnsinnig komplizierte Schwangerschaft, an der ich erstmals Anteil nahm und wenige Tage nach dem Kaiserschnitt im Krankenhaus mein erstes frischgeborenes Baby auf dem Arm hatte. Ich lernte mehr über die Schattenseiten einer Schwangerschaft, als mir lieb war. Aber in meinem Kopf speicherte ich alles ab. Plötzlich ertappte ich mich mit Arbeitskolleginnen in Quasi-Müttergesprächen, weil ich durch meine Baby-Freundinnen nun indirekt Ahnung hatte, was so passierte. Eine ehemalige Arbeitskollegin bekam ihr zweites Kind und anfangs hatte ich eigentlich nur Spaß daran, in eine völlig fremde Welt einzutauchen, wenn sie mich vom Spielplatz anrief, um sich amüsante Singlegeschichten anzuhören. Ihren damals fünfjährigen Sohn mochte ich sehr, weil ich damals immer herumposaunte, dass ich «Kinder ab fünf Jahren super finde».

Verschiedene Lebensmodelle und Freundschaftsproben

Als ich 31 Jahre war, verabredete sich meine damals sehr gute Freundin K. mit mir in einem Café. Plötzlich zückte sie ein Ultraschallbild, kreischte vor Glück. Weil sie mein Singledasein immer verurteilte hielt unsere Freundschaft dieser krass unterschiedlichen Lebensplanung leider nicht stand. Dafür eröffneten mir jedoch wenige Monate später Freundin T. und Freundin N., dass sie schwanger waren und sich jetzt schon danach sehnten, wieder mit mir trinken zu können. Damit konnte ich umgehen und freute mich sehr, weil beide tolle Väter auserkoren hatten. Beide wohnen heute in anderen Städten, aber schicken mir regelmäßig niedliche Babyfotos. Ich gebe aber zu, dass mir immer noch jedwede Muttergefühle fern waren. Zwar hörte ich mir neugierig Stillprobleme, sexuellen oder erzieherischen Beziehungskrach und beeindruckende Kita-Zukunftsplanungen an, aber immer erleichtert, dass mir all das so fern war. Und umgekehrt legten meine Freundinnen seufzend auf, wenn ich von alkoholgeschwängerten Affären, finanziellen Engpässen oder anderen Singlesorgen jammerte.

Männer mit Kindern

Doch seit einem guten Jahr hat sich etwas eingeschlichen, was ich lange nicht richtig deuten konnte. Es begann nicht wieder mit einer schwangeren Freundin, sondern mit einem getrennt lebenden Vater. Einer von vielen, die ein Kind aus einer früheren Beziehung hatte. Eine Tatsache, die ich höchst attraktiv fand. Der Wendepunkt-Mann saß vor mir in einer Bar und schwärmte von seiner Tochter, die sieben Jahre alt war. Ich winkte ab und sagte meinen uralten Standard-Spruch auf, dass ich Kinder erst ab fünf Jahren interessant fände. Er guckte mich sprachlos an und schüttelte den Kopf über mich. Dann führte er minutenlang aus, wie faszinierend es gewesen sei, mit seiner zweijährigen Tochter die Welt neu zu entdecken, wie er mitgefiebert habe, als sie Sprechen gelernt habe und wie dämlich daher meine Aussage sei, weil man Kinder aufwachsen sehen müsse und alles andere oberflächlich sei.

Ich schämte mich wieder, fast so, wie bei der komplett versäumten Schwangerschaft meiner Freundin J. Es war zu spät zum Revidieren, der Mann und ich hatten trotzdem eine kurze Affäre, doch ganz sicher fand er es abtörnend, eine 33-jährige Frau vor sich zu haben, die Babys uninteressant findet.

Nun bin ich 34 Jahre alt. Und eine meiner besten Freundinnen aus Schulzeiten, Freundin P., hat unläauml;ngst eine Tochter bekommen. Sieben Monate jung ist das süße Mädchen und als ich sie kennenlernte wurde ich mit den Worten «Schau, das ist Tante Clara!» vorgestellt. Ohne Zögern bat ich darum, mein quasi Patenkind auf den Arm nehmen zu dürfen. Ohne Scheu hielt ich das niedliche Ding sogar richtig, weil ich es mir Hunderte Male abgeguckt hatte. Als der Vater heimkam beobachtete ich, wie sich die Drei gegenseitig in die Augen schauten. Liebe. In allen drei Augenpaaren war diese Mischung aus unabdingbarer Fürsorge, Vertrauen und tiefer Zuneigung zu sehen. Mit einem Kloß im Hals verabschiedete ich mich, nicht ohne der goldigen Tochter noch mal die Hand zu geben und fasziniert über so winzige Fingernägel zu sein, wogegen meine Chanel-lackierten protzig, albern und deplatziert wirkten. Und mir die Worte des Fünfjährigen im Hinterkopf pochten, der damals immer «Ich mag keine Nagellackfrauen» gesagt hatte.

Ich war eine Nagellackfrau. Eine mit manikürten Nägeln, die Zeit und Muße dafür hatte. Die schlaflose Nächte wegen Männern oder dem Kontostand hatte, aber nicht wegen eines schutzbedürftigen Schreibabys. Ich fühlte mich egoistisch und selbstverliebt. Denn was ich jahrelang verdrängt hatte, war eingetroffen. Ich befand mich in dem Alter, in dem andere Erwachsene Kinder bekommen. Mein neuester Witz wurde daher, dass ich «eben Bücher statt Babys bekomme». Niemand lachte, nicht mal ich.

Doch nun, vor vier Wochen, passierte es. Freundin T. schickte per Sms, dass es jetzt kein großes Ding mehr sei, aber sie eben zum zweiten Mal Mama werden würde. Ich schluckte kurz. Dann schrieb ich alle Namen meiner liierten Freundinnen auf und stellte fest, dass alle Kinder hatten, aktuell aktiv probierten oder bald welche wollten. Danach schrieb ich alle Single-Freunde und Freundinnen auf und notierte, wer von denen ganz sicher kein Kind wollte. Die Anzahl der ledigen Menschen in meinem Freundeskreis, die alle zwischen 26 und 46 Jahren sind, betrug exakt: 1 Person.

Mich.

Lebensmodell Supertante

Eine Woche später saß ich auf dem Sofa meiner Schwester. Sie ist lange liiert und glücklich verliebt und als das Thema auf Kinder kam ratterte ich runter, wer alles Nachwuchs bekommt, da jüngst noch drei Freundinnen ihre Frühlingsbabys angekündigt hatten. Meine Schwester grinste. Und ich schämte mich wieder. Dafür, dass ic
h mich einerseits für sie freute, aber andererseits schlagartig realisierte, dass mich nun wirklich alle überholt hatten. Sogar meine jüngere Schwester. Trotz der bestehenden Handvoll anbetungswürdiger Singles in meinem Freundeskreis fühlte ich mich als Außenseiterin in einem Spiel, wo ich zwar die Regeln in- und auswendig kenne, aber weder mitspielen darf noch die notwendige Ausrüstung besitze. Keinen Partner und nicht mal einen Kinderwunsch.

Doch nach ein paar Tagen der Ernüchterung kam mir ein rettender Artikel in die lackierten Finger. Er handelte von der neuen Bewegung der PANKS, der coolen «Professional Aunt No Kids»-Frauen, die sich wie Cameron Diaz oder Jennifer Aniston absolut kinderlos happy durchs perfekte Tantenleben lächeln. Sie überschütten ihre Patenkinder mit Geschenken, unternehmen amüsante Ausflüge, stehen für jegliche Erziehungsfragen parat, die Ledige eben besser verstehen als Liierte und führen der neue Generation lässig vor Augen, dass es neben Patchwork und Familie eben auch das frei gewählte Lebensmodell der Singles gibt. Was kein Manko ist, weil es auch mit Leih-Kids ein bereichender Spaß sein kann.

Pank – endlich hab ich eine Rolle gefunden, die ich mir zutraue! Letzte Woche riß ich mich deswegen darum, mit einem schicken Kinderwagen durch den Prenzlauer Berg zu schieben. Seitdem zeige ich noch stolzer Babyfotos herum und seit ich verkünden darf, Tante zu werden, ahne ich das erste Mal, wie sich meine Freundinnen gefühlt haben, als sie es mir eröffneten. Nachwuchs naht!

Als ich vorgestern in der Drogerie Stilltee und einen Beißring kaufte, beschlich mich das erste Mal nicht mehr das Gefühl, in einer völlig fremden Welt zu sein. Es war mir, trotz des attraktiven Mannes hinter mir, keinesfalls unangenehm. Erstens, weil es auch hätte für mich sein können und zweitens, weil ich ja gerade erst anfange, für meine Nichten und Neffen einzukaufen! Dass ich Männer mit Kindern aus früheren Beziehungen anziehend finde, hat sich übrigens weiterhin nicht geändert. Ansonsten suche ich mir einen PUNK. Einen «Professional  Unkle No Kids“. Ich hätte ein gutes Duzend Kinder zum Ausleihen zwischen Frischgeboren und zehn Jahren für uns in Petto.

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Kommentare

  • Clara

    Nee, im Text steht ja, dass ich eine schwangere Schwester habe. Und mit dem Baby mit 31 Jahren meinte ich eher, dass ich bewusst damit konfrontiert wurde und es mich vorher kaum interessiert hat. Aber mit einem Punkt haben Sie leider recht: meine Eltern sind geschieden. Allerdings erst seit ich erwachsen bin smile

  • Clara

    Eine sehr, sehr gute Frage. Ich werde demnächst auch darüber schreiben, nur so viel vorab: weil ich jahrelang jeglichen beziehungswilligen Männern geschickt aus dem Weg gegangen bin….logisch ist das nicht, nein, eher Single-Selbstschutz.

  • Clara

    Reta & Reda, ich liebe euch! smile

  • Clara

    Reto, mein ich! (wieso kann man hier eigentlich nix löschen, Reda?)

  • Bianca

    Liebe Clara, das ist alles nicht so tragisch. Nicht jede Frau muss einen Kinderwunsch entwickeln und schon gar nicht ohne die entsprechenden Rahmenbedingung, sprich eine ernstzunehmende Beziehung, die auch ein Kind auszuhalten vermag – besser werden Beziehungen durch kleine Kinder gerade in der ersten Zeit sicher nicht grin
    Völlig normal, setz dich nicht so unter Druck, du bist erst 34! Und wenn du dich oder dein Leben sich dann doch mal umentscheidet wähnst du dich auf einmal in Gesellschaft klassischer Großstadt-Spätgebärender, die mit kurz vor 40 dann doch noch Mama werden und feststellen, dass sowohl körperliche Konstitution als auch Kondition mal wesentlich standfester waren… Und ich weiß, wovon ich rede. Bis dahin genieß die Freuden und Sorgen der großen und kleinen Menschen um dich rum, sei leidenschaftlich Tante – schön zu hören, dass deine kleine Schwester Mama wird – und freu dich drauf, die kleinen Quietschis abends oder nach einem Wochenende abgeben zu dürfen. Hat auch seinen Charme. Aber vor allem genieße die Freiheit und das komplett selbstbestimmte Leben. Sobald du bereit bist, das für eine Weile aufzugeben, ergibt sich alles schon allein. Sei gedrückt, liebe Grüße nach Berlin!

  • Pat

    Spannend. Weshalb schafft es eine gutaussehende und nicht auf den Kopf gefallene Frau nicht, eine Partnerschaft einzugehen (die sie scheinbar will), die mehr ist als eine Affaire?

  • Reda El Arbi

    Hm, vielleicht weiss ihre Libido bei der Männerwahl nicht, dass die Psyche eigentlich einen partnerschaftsfähigen Mann sucht. 😀

  • Fremde Besucher

    Mit 31 jahren das erste mal ein Baby gehalten? Was für eine Leistung!
    Sie sprechen nur von Freunden? Keine Familie oder wie?
    Ich wette Sie sind Einzelkind und Ihre Eltern sind geschieden? Stimmts???

  • daniela p.

    oh das ist super, dass sich kinderlose erwachsene um kinder kümmern! für alle.
    vielleicht eine blöde frage: warum professional?
    aber bessere tipps für erziehungsfragen als liierte: muss man denn immer gleich den ersten platz haben? kommt mir vor wie der psychisch kranke iv rentner, der mir letzte woche weismachen wollte, dass er als nicht erwerbstätiger sich wahnsinnig weiterentwickeln konnte, während ich als erwerbstätige eigentlich nur funktioniere wie ein roboter, was ja ein jämmerliches dasein sei. und das ist mir nicht zum ersten mal passiert. ja isch guet. oder diejenigen, die sich als sportlich bezeichnen weil sie eine stunde spörteln gehen wöchentlich, während ich eine stunde elektrovelo strample pro tag, was aber müde belächelt wird wink. ja, ihr seid alle viel viel cooler als ich jemals sein werde

  • mira

    Ich habe zwei Frauen in meinem näheren Umfeld, die deutlich über 30ig sind, und keine Kinder haben. Beide finden die Situation schwierig, wohl hauptsächlich weil ein konkreter Kinderwunsch fehlt, das Ticken der Uhr aber trotzdem da ist. Hinzu kommt, dass sich der Freundeskreis in eine andere Richtung entwickelt, als man selber und die gemeinsamen Interessen abnehmen. Ich beneide diese Frauen nicht um ihre Situation und daher freut es mich, wenn Sie einen Weg gefunden haben, wie sie sich positiv definieren können.

  • Reto B.

    Hey Pat, wenn sie so den Durchblick haben, wie man sich den richtigen Partner angelt, schreiben sie ein Buch… ich schicke ihnen sonst auch noch gerne ein paar Kollegen mit Kids vorbei, die gerade in Scheidung sind – denen dürfen sie gerne auch noch die volle Dröhnung “Was du falsch machst” geben. Nachher senden sie sie bitte weiter zu “Fremde Besucher” oben, für den zweiten Teil der Trilogie “Du machst nicht nur Dinge falsch, es liegt auch an deiner Person selbst”. Der letzte Teil: “Scheiss drauf – ich leb mein Leben trotzdem”, das schöne abrundende Ende liest sich dann in etwa so, wie Claras Text oben.

  • Lichtblau

    Clara Ott, ich lese Ihre sehr authentischen Beiträge ausgesprochen gerne (und werde mir Ihr neues Buch sicher kaufen).

    Zum Thema: Auch ich hatte lange keinen expliziten Kinderwunsch, hörte dann die Uhr aber doch ticken (vielleicht, weil ich mich an meine ausgesprochen glückliche Kindheit erinnerte?). Mit 39 bin ich nach problemloser Schwangerschaft und Geburt Mutter geworden. Den idealen Zeugungstermin ermittelten wir übrigens anhand eines im Antiquariat entdeckten Ratgebers namens “Empfängnisverhütung im Zeichen des Mondes” oder so, der den Nikolausabend empfahl. Hat sofort geklappt. Und das ganz ohne Hang zur Esoterik …

  • Clara

    Liebe Lichtblau, ich lese das leider jetzt erst, aber ich freue mich sehr. Was eine tolle Geschichte mit Ihrem Kind, alles Liebe für Sie!

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