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Mobile Mütter setzen auf Mails statt Musse

Moderne Technologien bedeuten den Abschied von der Präsenzkultur. Das macht das Arbeitsleben berufstätiger Eltern einfacher und anstrengender zugleich. Den Männern gefällt das, die Frauen stresst es.

Von Seraina Mohr

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Stellt man sich eine typische Mutter aus den 50-er Jahren vor, dann denkt man an Frauen wie Doris Day oder unsere Mütter und Grossmütter. Sie warteten darauf, dass die Männer nach Hause kamen und standen für die Kinder mit den unregelmässigen Schulzeiten im Pikettdienst. Sie lebten für die Familie und vom Einkommen ihres Mannes. Dann kam die Emanzipation, die gute Ausbildung und der Wunsch, trotz Mutterschaft berufstätig zu bleiben. Das taten sie denn auch, meist mit Teilzeit-Pensen, und schlechtem Gewissen, immer wieder angefeindet, und nur selten schafften sie es tatsächlich die Phalanx in den Chefetagen zu durchdringen.

Tolle Zeiten für berufstätige Mütter
Dann kamen die Blockzeiten, die verständnisvollen Männer und vor allem die neuen Technologien und mit ihnen auch die Befreiung vom Joch der Präsenzkultur. Den Aufstiegskampf gewann nicht mehr zwingend, wer am längsten im Büro ausharrte und damit aufdringlich Präsenz markierte. Nein, nun hatten auch die eine Chance, die am schnellsten ihre E-Mails beantworteten, die neuen Medien für die Selbstdarstellung nutzten und im Minutentakt auf eingehende Mails reagierten. Tolle Zeiten für berufstätige Mütter, wie Victoria Panchon kürzlich befand. Noch nie sei der Alltag von CEOs und Müttern vergleichbarer gewesen, stellt sie in ihrem Blogbeitrag auf forbes.com fest.  

CEOs haben nur einen Job
Mit dem kleinen aber durchaus markanten Unterschied, dass CEOs in der Regel nur einen Job haben und nicht zwei, wie das andernorts der Fall ist. Die Forscherin Eileen Trauth meint: «In der Theorie bieten die Wissensindustrie und die neuen Technologien mehr Möglichkeiten für Frauen. Unglücklicherweise haben in vielen Familie die Frauen das Problem, dass sie zwei Vollzeitjobs haben – einen am Arbeitsplatz und einen unbezahlten zu Hause».

Die Präsenzkultur ist der Erreichbarkeit gewichen
Die Frage stellt sich nun, sind die neuen Technologien tatsächlich eine Wunderwaffe für berufstätige Eltern? Viele Männer und Frauen sahen mit dem Rütteln an den Festen der Präsenzkultur und der Möglichkeit fernab vom Büro ständig präsent zu sein ihre Chance, auch mit einem Teilzeitjob eine spannende Arbeit zu machen. An Einsatz und Willen hatte es nie gefehlt, eher an den Gelegenheiten, der Kultur und den Erwartungshaltungen.  Das hat sich geändert: Von zu Hause aus arbeiten ist heute vielerorts anerkannt und auch erwünscht. Aus Studien weiss man, dass die Produktivität und auch die Arbeitszufriedenheit steigen, man weiss aber auch, dass der Traum von der Arbeit zu Hause schnell zum Alptraum wird.

Statt Home Office Verlängerung der Arbeitszeiten
Tatsache ist jedoch, viele Männer reduzieren nicht ihr Pensum, sondern schalten einen Home-Office-Day ein. Das macht sie produktiver und zufriedener und wird deshalb auch zunehmend von Firmen unterstützt. Viele Frauen dagegen arbeiten mit einem reduzierten Pensum und sind die Tage, die sie bezahlt sind, im Büro präsent und haben in der übrigen Zeit ganz inoffiziell ihr Office-at-home oder auf dem Spielplatz. Viele arbeiten nicht zu Hause anstatt im Büro, sondern sind für das gleiche Geld einfach viel besser erreichbar. Statt in Ruhe bei einem Kaffee zu warten bis der Kuchen fertig gebacken ist, ist das heute der Zeitpunkt, um Mails zu checken und ein paar Termine zu vereinbaren. Eine typische Teilzeitfalle. Das Fazit: die Männer machen mehr, die Frauen werden gestresster. Zu dem Resultat kommt eine Studie, die in der American Sociological Review veröffentlicht wurde und für die 500 doppelverdienende Paare befragt wurden.

Das Hohelied der Technologie wird leiser
Die Euphorie über die Errungenschaften der Technik ist deshalb vielerorts skeptischeren Tönen gewichen. Das räumt auch Ursula von der Leyen, deutsche Ministerin und Mutter von 7 Kindern in einem Interview mit der Zeitschrift «Spiegel Wissen» ein: «Anfangs habe ich das Hohelied auf Laptop und Handy gesungen, weil es mir die Freiheit gab, ganz viel von zu Hause oder woanders zu machen und so Beruf und Familie zu vereinbaren. Heute singe ich es leiser».

Mails statt Musse 
In Befragungen räumten Frauen ein, dass sie heute auch an einem Tag zu Hause eher mal kurz die Mails checken, als dass sie sich mit einer Tasse Kaffee hinsetzen und die Zeitung studieren. Die neuen Technologien brachten also nicht mehr Freizeit, sondern mehr Arbeitszeit. Das hat auch Ursula von Leyen gemerkt und ihre eigenen Strategien entwickelt. Am Wochenende hält sie sich von den Medien so gut wie wie möglich fern. «Sonst bekomme ich den Kopf nicht frei, auch meinen Kindern gegenüber“.

Die Kids schlagen zurück – schlechte Noten kommen per SMS
Die Kinder sind die, die am schnellsten gemerkt haben, dass die Eltern ihre technischen Spielzeuge nicht im Griff haben und nutzen das für ihre Zwecke. Sie begannen die Smartphones als liebste Spielzeuge zu okkupieren und schnell ein eigenes zu fordern. Sie haben aber auch etwas anderes gemerkt – die Eltern waren nun ebenfalls ständig erreichbar. Schlechte Noten werden per SMS mitgeteilt, kleine Dramen per Telefon zwischen zwei Sitzungen abgewickelt.

Sie haben also Strategien im Umgang mit den Technologien entwickelt und genau dies rät auch die Forscherin Eileen Trauth, die zum Schluss kommt, dass Technologien für gar nichts die Verantwortung tragen. «Menschen kontrollieren den Einfluss des Internets auf das Leben, Mütter inklusive. Wenn wir damit nicht zufrieden sind, sollten wir nicht der Technologie die Schuld geben, sondern der Arbeitskultur und den Gepflogenheiten des Managements“. Oder uns selber und einfach mal den Off-Knopf betätigen. Damit die Ikone des nächstes Jahrzehnts nicht mehr die gestresste Mutter mit Laptop ist, sondern die zufriedene und erfolgreiche. Das wär mal was wirklich Neues.

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Seraina Mohr

Seraina Mohr ist Leiterin des Competence Center Onlinekommunikation am Institut für Kommunikation an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich und arbeitete anschliessend mehr als 10 Jahre in verschiedenen Funktionen in der Medienbranche.


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