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MISSstände auf dem Bundesplatz

Daniela Dambach zieht der «Miss Schweiz Wahl» den aus Charity gewobenen Deckmantel aus: Ihre nackte Meinung über Glamour, Glaspaläste, und Gutes-tun-Alibis.

Von Daniela Dambach

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Während ich im «Theater an der Effingerstrasse» gebannt darauf wartete, dass sich in «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» weitere gesellschaftliche Abgründe auftun,
mimen unweit hunderte Leute die «Schönsten und Wichtigsten». Wobei: die Oberflächlichkeit ist wahrscheinlich nicht gespielt.   

Die Requisiten für das Stück «Eine Prinzessin, welche die Schweiz nicht braucht»: Man nehme 12 Kandidatinnen, die sich aufs brünette Haar gleichen und sich gern den hübschen Mund verbieten lassen, ein protziger Plastiktempel vor dem Bundeshaus, 900 rot- und sogar blaublütige Gäste und zwei Missen-Mamis verkleidet als «good cop, bad cop». Man verfeinere das Ganze mit einer Prise Gutmensch-Glutamat und mische es mit Germanys-Next-Topmodel-Gedöns. Zum Schluss mit Glitzer aus der Tube garnieren – und die fertige «Princess of Schwitzerland» auf einem Silbertablett für die Medien- und Sponsorenmeute anrichten.

Die geladenen Gäste schlemmten zwei Stunden für den guten Zweck unter der «Glasglocke», geschützt vor den neugierigen «Schmeissfliegen», die gnädigerweise hinter den Absperrgittern im Puplic-Viewing-Bereich einen Blick erhaschen durften. Ein öffentlicher Platz, reserviert für einen geschlossenen Kreis von Prominenten und Adeligen. Wer kennt ihn nicht, den «Prinz von und zu Parmigiano di Cantucci»?! Und wer das Berner Bondgirl vor lauter Mike-Shiva-Stirnband nicht erkannt hat, soll sich nichts daraus machen, sie sieht halt ein bisschen «andress» aus als damals.

Die Organisatoren hatten die Wahl der Miss Schweiz dieses Jahr zu einem Wohltätigkeitsanlass «umgemogelt», Pardon – umgemodelt. Sonst wären die pinken Scheinwerfer auf dem Bundeshaus ausgeblieben: Das Nutzungskonzept untersagt nämlich Events, die einen wirtschaftlichen Gewinn anstreben. Der Schönheitswettbewerb ist also keine kommerzielle Show? Da wiehert ja das Kutschenpferd, das die frischgekrönte Prinzessin nach der Wahl von dannen zog.

Aber diese Gratwanderung – die an den Walk der Kandidatinnen in Stöckelschuhen erinnert – nimmt die Stadt gerne auf sich. Schliesslich bringt die medienwirksame Misswahl ach so viel Glamour ins gemütliche Bern und gegen einen Anlass, dessen Alibi ein guter Zweck ist, gibt es schliesslich nichts einzuwenden. Das legitimiert wohl die kostenintensive Kuppel, die extra als Wirkungskreis für die Inhaltslosigkeit installiert wurde. Das 500-000-Franken-Zelt, das LKWs aus Portugal in Einzelteilen herankarrten, ist nicht einfach ein Zelt: Es ist der «Swiss Dome». Klingt «very important»!

Wenn es darum geht, sich selbst im Scheinwerferlicht zu präsentieren, drückt man ein Auge zu – möglichst behutsam, damit keine Kunstwimper abfällt. Für solch einen energiefressenden Event überpudert sich manch eine Politikerin ihre sonst grüne Nase allzu gern. Und rechte Politiker, die sich aktuell mit ekelhaften Aussagen zur geplanten Asylunterkunft in Schafhausen in den dankbaren Medien bierbauchbreitmachen, jubeln halbnackten Frauen mit kosovarischen Wurzeln zu. Hier greift wohl genau das, was Pedro Lenz mit einem seiner Texte ausdrückt: «Es si nume di Angere gmeint».

Solange es Mädchen gibt, die freiwillig ihre Persönlichkeit gegen ein inszeniertes «Prinzessinnendasein» eintauschen, weil es ihnen nach Bewunderung und Berühmtheit gelüstet, gehören Misswahlen leider nicht der Vergangenheit an. Mädchen, die bereit sind, sich auf ihr Äusseres reduzieren zu lassen und damit ein antiquiertes Frauenbild von «jung, kinderlos, schlank» zementieren, das nach dem Sexismus-Stempel schreit. Der verkrampfte Versuch, zu unterstreichen, dass es bei einer Misswahl auch um Intelligenz gehe, misslingt – trotz Hobbies wie Philosophie, Akademie statt Camp und Bildern, die beweisen, dass die helle Kandidatin sogar einen PC bedienen kann.

Am Willen, Gutes zu tun, hapert es sicher nicht – dass die Stupsnase monatlich mit 10 000 Franken vergoldet wird, motiviert bestimmt. Dabei stellt die Prinzessin gleich in einem der ersten Interviews klar, dass sie ihre «Himmelfahrtsnase» gar nicht mag. Herzerwärmend, dass die «Miss mit Herz» ihre Verwandten mit einem Armeehelikopter besuchen würde, wenn sie für einen Tag Bundespräsidentin wäre. Zum Glück ist sie nur Prinzessin.  

Nach der Wahl lässt es sich im weichen Queen-Size-Bed im Hotel Schweizerhof bestimmt gut träumen – vom harten Alltag der Strassenkinder in Kambodscha. Passend zum Charity-Gedanken findet das erste Fotoshooting mit der neuen Miss Schweiz im Wellnessbereich des Hotels statt. Inklusive eifrig dokumentiertem Champagner-Frühstück. Zuerst das Lachsfressen, dann die Wohltätigkeit.

Charity ist wichtig – aber bitte unMISSverständlich und ohne Prinzessin mit Diamantendiadem.

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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Kommentare

  • David

    Tomas / Daniel: Unangenehme Wahrheiten hört niemand gern – erst recht nicht die Schönen und Reichen dieser Welt. Und am allerwenigsten die Untertanen, welche die Schönen und Reichen bewundern…

  • heribert

    Die einen polieren ihr Selbstwertgefühl mit einem MIssentitel auf, andere mit 5000 digitalen Freunden…

  • Sybil Leupp-Herzig

    Spitz und tastenfindig auf den Punkt gebracht.

  • Tomas

    Ich kenne nur eine der Kandidatinnen persönlich, und intelligenzmässig würde ich sie in etwa gleich taxieren wie sie, Daniela. Von der Frau die “gewonnen hat” habe ich in einer Überschrift erfahren, dass sie Medizin studiert, was für Dummköpfe nicht ganz der leichteste Studiengang ist – das weiss ich von meiner Mama die es absolvierte ziemlich genau.

    Was ich aber sagen wollte war etwas anderes: ich habe die Misswahl nicht verfolgt, weil ich es wie auch alle anderen Sendungen dieser Art per se für unzumutbar dumm halte. Im Unterschied zu Ihnen gewähre ich aber der Welt die Freiheit sich daran zu erfreuen. Oder anders gesagt: peinlicher als solche Sendungen zu schauen ist nur noch in einem Artikel über sie herzuziehen. Ihre wohlformulierten “Argumente”  haben bei mir heftiges Fremdschämen ausgelöst – weil sie alle mit dem Fakt dass weibliche Schönheit seit eh und je gar keine Rechtfertigung braucht um für uns faszinierend zu sein nicht klarkommen. Ich dachte, jemand so intelligent wie sie spürt sowas instinktiv.

  • Reda El Arbi

    Nun ja, wenn sich soviele an dieser schwachsinnigen Fleischschau freuen dürfen, dann dürfen sich auch einige darüber lustig machen.

    Das eigentlich peinliche daran: Wenn man ein Medizinstudium anstrebt (noch nicht hinter sich hat), und dann trotzdem diesen Castingmist braucht, um seinen Selbstwert zu definieren.

    Nichts gegen Geltungsdrang, aber er sollte sich auf ein wenig mehr als auf eine Glitzerbühne beziehen.

    Dass du dich für Schönheit einsetzt, ist super. Dass du dafür den Anlass der Miss Schweiz Wahlen nimmst, zeigt mehr über dein Schönheitsverständnis, als über den Anlass.

  • Tomas

    Ich weiss nicht wie du daran kommst, dass ich mich in meinem Beitrag für irgendetwas einsetze, Reda.
    Wenn ich das aber täte, dann dafür, dass man genau das machen soll, wonach einem ist, auch wenn es die Redas oder Danielas dieser Welt nicht verstehen.

  • Patricia

    Super, der einzige Artikel, der das Missen-Brimborium perfekt beschreibt. Charity versteckt unter dem Deckmantel der Steuerverschwrndung und inszenierung falscher Schönheit….

  • Reto B.

    China – Sack Reis und so…

    Ignorieren und “das Problem” wird sich von selbst lösen.

  • Daniel

    Danke, Tomas, meine Worte!
    Reda, Daniela, schön, dass ihr so gut wisst, was in den Köpfen anderer Leute vorgeht, und aus welcher Motivation sie an Misswahlen teilnehmen; selber denken können diese Leute – so scheint mir nach der Lektüre eurer Tiraden – schliesslich nicht. Gut, dass das dann engstirnige Gestalten wie ihr übernehmt.

  • marie

    david, hat was und ich pflichte ihnen bei. was mir aber immer wieder auffällt, dass diese missen und viele geladene gäste ihren auftritt in unglaublich hässlichen kleidern aus billigem polyester zelebrieren. spätestens da wird es lachhaft. …und das ganze vor dem bundeshaus wink

  • Adrian Bühlmann

    Wie man lesen konnte, schämt sich die neue Miss ja namens der Schweiz wenigestens für die Annahme der Massenwanderung, ähm nein, deren Ablehnung. Wie auch immer. Sie will Kinderärztin werden und hat einen Medizinstudienplatz, hört man. Wegen ihrer Wahl zur Miss müssen wir wohl oder übel nun also ein Jahr länger auf eine dringend benötigte Fachkraft warten (Kinderärzte sind ja wahrlich knapp). Da scheint sie wenigstens konsequent zu sein: Es muss wohl eine andere einwandern, um die Lücke zu füllen. Ob auch der Studienplatz vergeben wird? Wohl nicht.

  • Irene

    Die MISSWAHLEN sind geldmacherei und leichte Unterhaltung, heimliches aufgeilen und für unsichere Frauen ein Spiegel vergleich. So wie ich das siegerbild betrachtete hatte ich sehr das Gefühl das, sie völlig schockiert von ihrem GEWINN war…:) heißt dies nun etwas vertreten womit sie nicht wirklich gerechnet hat und ihr wahres leben, jä nue, eine ungewollte Pause einschlagen muss. Ist zu hoffen das wenigstens das finanzielle sie ein wenig tröstet….Zynismus out….

  • Sportpapi

    Mädchen, die bereit sind, sich auf ihr Äusseres reduzieren zu lassen… Wie Fussballer auf ihre Füsse, Speerwerfer auf die Arme, Arbeiter auf ihren Fleiss, Mathematiker auf ihre Intelligenz, Journalisten auf ihre geistreiche Schreibe…
    Und weshalb schon wieder war es doch völlig ok, als eine Ex-Miss in der Arena auftrat?

  • Jorge

    Mh… Promi-Charity ja gerne, aber bitte ohne Blingbling… du darfst kein King Size Bett benutzen, weil es arme Kinder auf Kambodschas Strassen gibt… die 10’000 Franken darfst du nicht annehmen, sonst zählen deine guten Taten nicht als solche… Frauen die gerne bewundert werden sind mediengeile Prinzessinen… ein Sexismus-Stempel für Frauen, die gern jung, kinderlos und schlank sein wollen… und dann erst die Kritik an Äusserlichkeiten von jemandem, der nicht müde wird zu betonen wir rot die eigenen Haare doch sind… grosses Kino!

  • anneena

    “Und rechte Politiker, die sich aktuell mit ekelhaften Aussagen zur geplanten Asylunterkunft in Schafhausen in den dankbaren Medien bierbauchbreitmachen, jubeln halbnackten Frauen mit kosovarischen Wurzeln zu. Hier greift wohl genau das, was Pedro Lenz mit einem seiner Texte ausdrückt: «Es si nume di Angere gmeint».” 
    Bei so viel Sprachwitz gepaart mit (wohlgemerkt äusserst berechtigter) Polit-Kritik hüpft mein Herzchen glatt! smile Super Text Daniela!

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