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«Mir wäre es lieber, mehr Frauen würden Zigarren rauchen»

Feinmassschneiderin Eva Bräutigam hat eine für Frauen immer noch etwas aussergewöhnliche Leidenschaft. Die 30-jährige Ostschweizerin über Tabakgenuss, Boxen und den perfekten Herrenanzug.

Von Christian Nill

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In der Reihe «Ein Drink an der Bar mit…» treffen Christian Nill und der Fotograf Mischa Scherrer regelmässig auf VIPs oder interessante Persönlichkeiten, trinken mit ihnen etwas an einer Bar und plaudern ungezwungen über Gott, die Welt und andere persönliche Dinge. Die Gespräche – samt stimmungsvollen Fotos – sowie weitere spannende Storys werden regelmässig auf Bar-Storys.ch veröffentlicht. Wir treffen Eva Bräutigam mitten an einem Samstagnachmittag in der Zürcher Altstadt, in der Tina-Bar.


ChristianNill: Frau Bräutigam, bevor wir loslegen die wichtigste aller Fragen in einer Bar: Was trinken Sie?

Eva Bräutigam: Wasser! (lacht) Abends gerne ein Glas Rotwein. Oder einen Rum. Dazu eine Zigarre – perfekt.

Nill: Was für einen Rum empfehlen Sie?

Bräutigam: Einen Rum Nation Panama. Das ist ein sehr feiner.

Nill: Weshalb haben Sie sich gerade die altehrwürdige Tina-Bar für unser Treffen ausgesucht?

Bräutigam: Die Tina-Bar ist noch einer der wenigen Orte in Zürich, wo man drinnen noch rauchen darf. Und ich finde es sehr schön und gemütlich hier.

Nill: Trifft man Sie oft hier?

Bräutigam: Ab und zu, im Sommer weniger, weil man dann die Zigarre draussen rauchen kann.

Nill: Auch ein Entscheidungskriterium.

Bräutigam: (lacht) Ja, es ist von der Zigarre abhängig.

Nill: Auch von der Länge der Zigarre?

Bräutigam: Eine Zigarre dauert zwischen 40 und 60 Minuten. Man nimmt sich Zeit dafür. Ich gehe nicht schnell, schnell in die Tina-Bar, um eine Zigarre zu rauchen.

Nill: Es ist nach wie vor ein ungewohntes Bild: Eine Frau mit Zigarre. Solche Frauen stechen immer sofort aus der Masse.

Bräutigam: Das ist so. Es gibt nur wenige Frauen, die Zigarren rauchen. Mir wäre es lieber, mehr Frauen würden Zigarren rauchen. Dann würde ich nicht mehr so auffallen… Das kann auch unangenehm sein. Schliesslich möchte ich meine Zigarre in Ruhe geniessen.

Nill: Sie waren als Teenager in einem Austauschjahr in Honduras. Haben Sie dort das Zigarrenrauchen entdeckt?

Bräutigam: Nein, das war schon früher.

Nill: Ach ja? Wie denn?

Bräutigam: Durch einen Bekannten. Der ging regelmässig nach Kuba und brachte immer die guten Zigarren zurück in die Schweiz. Ich fands wahnsinnig toll. (lacht) Dafür habe ich nie Zigaretten geraucht.

Nill: Geben Sie viel Geld aus für dieses Hobby?

Bräutigam: Es ist sicher eher ein teures Hobby. Wenn ich eine Zigarre rauche, dann soll es schon eine gute sein.

Nill: Das heisst?

Bräutigam: 15 bis 25 Franken sind es schnell pro Zigarre.

Nill: Wie erleben Sie denn den aktuellen Zeitgeist mit seinem Hang, alles immer stärker zu regulieren oder gar zu verbieten. Wie zum Beispiel das herrschende Rauchverbot in öffentlichen Räumen.

Bräutigam: Ich finde es schade. Zigarren rauchen schafft wunderbaren Genuss, also schöne Momente. Ich glaube nicht, dass es positive Auswirkungen hat, wenn man erwachsenen Menschen den Genuss verbietet.

Nill: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, dass man heutzutage so schnell nach der Verbotskeule greift?

Bräutigam: (überlegt) Das kann ich nicht beantworten. Ich finde es einfach schade.

Nill: Engagieren Sie sich politisch?

Bräutigam: Also ich bin natürlich an die Urne gegangen, als über das Rauchverbot und die Verschärfung abgestimmt wurde. Eine Zigarre kann ich allerdings immer irgendwo rauchen, wenns sein muss. Engagiert bin ich daher in anderen Bereichen, die für mich grössere Dringlichkeit haben.

Nill: Sie sprechen von Ihrem sozialen Engagement in einer brasilianischen Favela?

Bräutigam: Ja. Ich habe in Salvador de Bahia im Rahmen von Cuisine sans Frontière bei einem Projekt mitgearbeitet. Dort half ich vormittags in einer Art Suppenküche beim Kochen und nachmittags unterrichtete ich die Frauen aus der Favela im Schneidern.

Nill: Warum haben Sie das gemacht?

Bräutigam: Wir leben hier doch in einem ziemlich grossen Luxus. Da kann man auch ein Stückchen abgeben und denen helfen, die viel, viel weniger haben. Ausserdem finde ich es schön, Bildung weitergeben zu können. Dieses Engagement ist mir dann schon wichtiger, als gegen das Rauchverbot zu kämpfen.

Nill: Das eine hat mir dem andern nichts zu tun. Im fernen Brasilien unterstützen Sie Menschen, denen es nicht so gut geht. Ein Akt der Solidarität. Hier sind Sie selber betroffen, es geht um Ihre Heimat.

Bräutigam: Ja, aber mir fehlt die Zeit dafür.

Nill: Sie sind zu viel in Ihrem Schneideratelier.

Bräutigam: Genau. Wenn Sie einen Laden kennen, wo man Zeit kaufen kann, bin ich froh um einen Tipp. (lacht)

Nill: Sind Sie ein angepasster Mensch?

Bräutigam: Nicht nur.

Nill: Wo nicht?

Bräutigam: Schwierige Frage. Ich falle durchaus auf. Zum Beispiel wenn irgendwo südamerikanische Musik läuft, bin ich die erste, die zu tanzen anfängt.

Nill: Was tanzen Sie?

Bräutigam: Salsa, Samba – einfach das ganze südamerikanische Programm.

Nill: Haben Sie das auch bei Ihrem Austauschjahr in Honduras gelernt?

Bräutigam: Nein, schon früher, hier in der Schweiz. Da war ich 14. Ich bin schon sehr früh in die Latino-Szene eingetaucht. Dort habe ich es gelernt.

Nill: Bei einem waschechten Latino-Macho.

Bräutigam: Am liebsten gleich bei mehreren.

Nill: Ach ja?

Bräutigam: (lacht) Nein, ich meine, wenn man einen ganzen Abend tanzt, dann tanzt man natürlich mit verschiedenen Tanzpartnern und lernt von allen etwas.

Nill: Lassen Sie sich dann einen Abend lang einladen, oder bezahlen Sie selber?

Bräutigam: Nein, ich bin sehr eigenständig. Ich warte nicht, bis man mich einlädt. Ich bezahle selber.

Nill: Tanzen Sie in High Heels oder flachen Schuhen?

Bräutigam: High Heels!

Nill: Autsch.

Bräutigam: Das geht wunderbar. Die spürt man gar nicht mehr während des Tanzens.

Nill: Eigentlich wollte ich über Männermode mit Ihnen sprechen.

Bräutigam: Sie führen. (lacht)

Nill: Was machen Sie eigentlich genau?

Bräutigam: Als Damen- und Herrenschneiderin decke ich so ziemlich das ganze Gebiet ab, das mit Feinmassbekleidung zu tun hat: Bei den Damen sind das Blusen, Anzüge, Hochzeitskleider. Nur die Unterwäsche beziehe ich bei Zimmerli. Der Beruf Herrenschneider ist heute selten geworden, den gibt es fast nicht mehr. In diesem Bereich arbeite ich nach altem, traditionellem Handwerk. Ähnlich wie bei Rahmengenähten Schuhen, die man sich auf Mass machen lässt, arbeite auch ich mit den verschiedensten Einlagen. Diese sind alle von Hand pikiert.

Nill: Einlagen für Herrenanzüge?

Bräutigam: Das sind eine Art Unterstoffe, die dem Anzug Stärke geben. Bei einem Konfektionsanzug sind sie lediglich lose geklebt. (Sie greift nach dem Veston, in dem der Fragende steckt.) Ich arbeite jedes Einzelteil von Hand ein. Die Einlagen bestehen aus Kamel- oder Rosshaar.

Nill: Zur Begriffsklärung: Was ist denn Masskonfektion, also dieses Zwischending zwischen Konfektion und einem Feinmassanzug?

Bräutigam: Da nehme ich zwar die Masse des Mannes auf, der Anzug wird dann aber in einer Fabrik produziert. Beim Feinmass mache ich alles selbe, den Schnitt zeichne ich nach den Kundenmassen. Bis ein Anzug fertig ist, braucht es rund drei bis vier Anproben.

Nill: Und dann sitzt der Anzug perfekt.

Bräutigam: Genau.

Nill: Klingt nach einer Menge Arbeit. Können Sie gut davon leben?

Bräutigam: Ich lebe davon. Ich arbeite viel, das ist klar. Es ist ein echter Handwerkerberuf. Aber ich arbeite gern. Es ist mein Traumberuf.

Nill: Auf Ihrer Homepage heisst es, dass man bei einem Herrenfeinmassanzug ab 5500 Franken im Geschäft ist. Da müssen Sie ja mindestens zwei Anzüge pro Monat produzieren, das sich das rechnet.

Bräutigam: Es kommt auch noch drauf an, wie man lebt. (lacht) Ich lebe recht bescheiden.

Nill: Wie lange haben Sie für einen Feinmassanzug?

Bräutigam: Man rechnet schon einen guten Monat, inklusive Anproben. Daneben bleibt natürlich genügend Zeit für kleinere Aufträge wie Jupes, Blusen, Hosen und so fort.

Nill: Das Ausgangsmaterial dürfte auch nicht gerade wenig kosten.

Bräutigam: Ja, das Material ist kostbar. Ich arbeite mit englischen und italienischen Stoffen für Feinmassanzüge.

Nill: Erklären Sie uns den Unterschied?

Bräutigam: Der macht sich vor allem bei der Musterung bemerkbar. Englische Stoffe sind sehr traditionell, klassisch. Starke Stoffe, gradlinig und klare Muster.

Nill: Also viel Glencheck und Karos.

Bräutigam: Ja. Die gibt es natürlich auch bei den italienischen Stoffen. Wenn man sie jedoch miteinander vergleicht, sieht man, dass beim italienischen eine Art Hauch oder Nebel über dem Stoff liegt. Schwierig zu erklären. Der englische Stoff hingegen ist ganz klar.

Nill: Die italienischen Anzüge wirken meistens viel eleganter, filigraner, auch moderner. Wohingegen die englischen etwas Konservatives, auch Robustes ausstrahlen.

Bräutigam: Die englische Mode in diesem Bereich ist definitiv robuster.

Nill: Welches sind weitere Unterschiede zwischen der italienischen und der englischen Herrenanzugphilosophie?

Bräutigam: Das sind äusserliche Merkmale. Zum Beispiel Knöpfe. Die sind entweder küssend oder nebeneinander liegend.

Nill: Ach jetzt wirds spannend.

Bräutigam: Von küssenden Knöpfen spricht man, wenn die Knöpfe leicht übereinander zu liegen kommen. Wie bei Ihrem Veston. (Sie greift erneut nach dem Veston des Fragenden.) Bei englischen Anzügen braucht man eher die nebeneinander liegenden, bei italienischen die küssenden.

Nill: Das ist ja eigentlich keine Überraschung. Im königlichen England küsst man sich ja eigentlich auch nicht in der Öffentlichkeit.

Bräutigam: Nein. (lacht)

Nill: In Italien gibt es diesen schönen Begriff für Männer: eine bella figura machen. Das heisst, dass sich ein Mann gut anzieht, dass er gut aussieht in seinem Anzug. Die Anzüge sind auch sehr körperbetont geschnitten.

Bräutigam: Das ist so. Bei mir wird das bei Feinmassanzügen allerdings von allen Kunden gewünscht, egal ob italienische oder englische Verarbeitung. Feinmassanzüge sollen heute körperbetont und elegant sein.

Nill: Auch wenn der Monsieur, nun sagen wir: horizontal eher herausgefordert ist?

Bräutigam: Wie meinen?

Nill: Wenn er einen dicken Bauch hat.

Bräutigam: (lacht) Dann ist es zu tailliert nicht wirklich möglich. Aber wir reden von Feinmass, wo man perfekt auf den Körper schneidert. Der Anzug wird so zu einer zweiten Haut für den Herrn.

© Bar-Storys.ch, 2013 Wie man sich als Mann gut anzieht, welche Männer Eva Bräutigam gefallen und weshalb sie einen Hang zum Konservativen hat sowie diverse stimmungsvolle Bilder sehen Sie im vollständigen Bargespräch auf Bar-Storys.ch. http://www.evabraeutigam.ch/

   


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Christian Nill

Initiant von Bar-Storys.ch, Journalist und Inhaber der Agentur Storyline – Die Content-Redaktion. Er zeichnet für den gesamten Content auf Bar-Storys.ch verantwortlich, schreibt, redigiert und organisiert.