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Mehr zur «Tiger Mom»

Zerstört Leistungsdruck das Glück der Kinder? Amy Chuas Buch über rigorose Erziehung sorgt weiter für neue Thesen.

Von Nina Toepfer

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«Tiger Mom» ist noch lange nicht ausgestanden. Wie jedes Kind mittlerweile weiss, hat Autorin Amy Chua, US-chinesische Yale-Professorin, Mutter zweier Mädchen und Verfechterin eines rigorosen Erziehungsstils, eben diesen in ihrem Band «Die Mutter des Erfolgs» in alles Farben geschildert und über die Kontinente eine Diskussion «an der Grenze zur Obsession» («Slate.com») enftacht.

Als gut beschäftigte berufstätige Mutter fragt man sich, wie Amy Chua das alles packt – ihren anspruchsvollen Job und den Drill der Mädchen: stundenlanges Musizieren und Bestnoten einfordern, was bekanntlich nicht mit einem Satz getan ist. Was dabei mit dem Glück passiert – dem der Mom und dem der Kinder –, ist die grosse Frage. Und ob es denn für Bestnoten und schönes Geigenspiel geopfert werden kann, darf, soll.

Amy Chua scheint keinen Zwiespalt zu kennen – derweil wir Energie verschwenden im ständigen Abwägen, wie zwischen Leistungsdruck, der auf die Kinder zukommt, und kreativem Spielraum, der ihre Entfaltung erst ermöglicht, zu wählen sei.

«Spiegel online» fragt nun in einem Interview mit Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich, woher die unsere Aufregung über Amy Chuas Thesen denn kommt. Und sehr unaufgeregt gib die Forscherin Antwort und hat einiges Verständnis für Chua. Man muss eben üben, um zu lernen, antwortet sie und erkennt auch Glücksmomente bei den Chuas, vor allem in der Musik. Ausserdem sieht sie, dass uns auch unser Bestreben, bei den Kindern immer beliebt zu sein, viel Energie koste. Sie nennt es einen «Eiertanz», und bringt einen sensiblen Punkt zur Sprache, ohne den das Leben tatsächlich sehr viel einfacher, weil offen kompetitiver wäre: «Obschon wir alle mit unseren Kindern durchaus ehrgeizig sind, verstecken wir das.»

Weitere bedenkenswerte Einsicht: Eine ehrgeizige und erfolgreiche Mutter kann einen guten Einfluss auf die Kinder haben: «Kinder können enormen Druck eher akzeptieren, wenn sie sehen, dass es sich die Erwachsenen auch nicht bequem machen.» Von Kindern Dinge verlangen, treibe sie auch an. Wer es nun richtig mache, Ego-stärkende westliche Eltern oder leistungsorientiere chinesisiche Mütter und Väter? Dazu hat Elschenbroich trotz aufgeregter Debatte die kühle, bedenkenswerte Antwort: «Das hängt vom Kind ab.»

Mehr um die Nationalökonomie besorgt, aber ausgehend vom selben Thema, kreist das amerikanische Online-Magazin «Slate.com» um Bill Gates’ und Mark Zuckerbergs Moms, die – definitiv keine Tiger Moms – zuliessen, dass ihre Söhne Harvard schmissen, um ihre unternehmerischen Träume zu verwirklichen (statt Zahnarzt oder Anwalt zu werden).

Für den wirtschaftlichen Wettbewerb wäre es wohl weiser, sagt der Autor, weiterhin Kreativität und freies Denken zu kultivieren statt pures Auswendigwissen. Sollen China und seine Bestabsolventen Autos und Computerchips mit fehlerfreier Präzision herstellen – «wir konzentrieren uns darauf, ein paar revolutionäre Ideen zu haben, um sicher zu stellen, dass das nächste iPhone oder Facebook in Amerika erfunden und gestaltet wird.»

Amerika, so der Schluss der etwas drastisch formulierten Überlegungen, ist vielleicht wirklich besser dran, wenn nächstens wieder ein Bill Gates kommt. Dank ein paar «easygoing moms»… 

Der Anstoss zu all den Gedanken kam, das wissen wir ja längst, von einer ganz anderen.

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