Clack

Man(n) wird älter

Der Quotenmann wird älter. Und er findet (noch) keinen Grund, übers Altern zu jammern, im Gegenteil: Er denkt, dass er früher ein unheimliches A******* war.

Von Réda Philippe El Arbi

Twittern

Diese Woche werde ich 44. Wenn ich noch einmal von Jemandem um die 30 hören muss «Ein Mann im besten Alter», hau ich ihm Eine rein. Ich persönlich nutze diese Floskel vom «besten Alter» immer mit etwas Mitleid angereichert. Und ehrlich, ich fühl mich noch nicht im Alter, in dem man mich bemitleiden müsste.

Naja, ich muss die Brille ganz vorne auf die Nasenspitze schieben, um das Kleingedruckte auf Verpackungen zu lesen. Und ich kann mir nicht mehr mehr als 7 Sachen merken, ohne mir eine schriftliche Liste zu machen. Ich leide nach einer Freinacht eine ganze Woche und drei Mal im Jahr schmerzt mich der Rücken. Aber das ist ein vernachlässigbarer Preis, im Vergleich zu den Vorteilen des Älterwerdens. (Lesen Sie auch: Mit den Wölfen heulen)

Für mich war Älterwerden schon früh positiv belegt. Als ich acht Jahre alt war, sehnte ich mich danach, 12 zu werden. Dann würde das Leben losgehen, aber sowas von! Mit Zwölf wollte ich unbedingt Vierzehn sein, weil dann, wenn ich Mofa fahren durfte, dann, aber dann ganz sicher, würds abgehen wie die Sau! Und mit Vierzehn wollte ich unbedingt Sechzehn werden, weil meine Angebetete mir erklärte, erst ab Sechzehn sei man ein Mann. Mit Sechzehn konnte ichs kaum erwarten, meinen achtzehnten Geburtstag zu feiern, weil mir danach kein Schwein mehr reinreden konnte. (Nein, ich wollte kein Auto, die Enttäuschung mit dem Mofa sass mir noch in den Knochen).

So gings eigentlich weiter. Es gab immer etwas in der Zukunft, dass ich erreichen musste, um endlich «Das Leben» zu haben. Einige werden das einen gesunden Ehrgeiz nennen, ich nenns Zeitverschwendung, eine Undankbarkeit gegenüber der Gegenwart. Und erst seit ein paar Jahren ist das vorbei. Ich kann jetzt morgens aufstehen und mich umschauen und einfach zufrieden sein. Klar gibts Sachen, die ich noch erreichen will, aber die werden dann einfach anders sein, nicht besser als jetzt. (Lesen Sie auch: Die Sucht nach Jugend)

Besser als jetzt gehts nämlich nicht. Ich bin beruflich an einem Punkt, an dem ich von dem leben kann, was ich am Meisten liebe, vom Schreiben. Ich habe eine Partnerin an meiner Seite, die ich abgöttisch liebe. Und ich fürchte mich nicht mehr dauernd, sie könnte mich verlassen, wie’s in meinen früheren Beziehungen war. Ich muss mich nicht mehr dauernd beweisen, da ich ziemlich genau weiss, was ich kann. Und natürlich weiss ich inzwischen noch viel besser, was ich überhaupt nicht kann. Und ich gräme mich nicht mehr darüber. Im Gegenteil, im Vergleich zu früher kann ich lange und ausgiebig über meine Schwächen lachen, was das Leben durchaus angenehmer macht.

Aber das Alter macht auch den Umgang mit anderen Menschen sehr viel angenehmer. Seit ich graue Stähnen und einen grauen Bart hab, muss ich viel weniger diskutieren. Jüngere Menschen gehorchen, weil sie davon ausgehen, dass der alte Sack schon weiss, was er da macht. Ich muss mir nicht in blödsinnigen Macho-Ritualen mit 30-jährigen Adoleszenten einen Platz in einer Hirarchie erkämpfen, sondern kann nur stirnrunzelnd über den Rand meiner Brille schauen, um die Positionen zu klären. Und ich freu mich jedesmal heimlich grinsend, wenns funktioniert. Ich brauche kein harter Kerl mehr zu sein, es reicht zu wissen, das ich austeilen kann, ich muss es nicht mehr tun. Das ist unheimlich entspannend und wahrscheinlich ist es auch gut fürs Karma. Wenn ichs mir recht überlege, war ich wohl ein ziemliches Arschloch, als ich jünger war. Aber das scheint sich mehr und mehr herauszuwachsen. (Lesen Sie auch: Das Bad-Boy-Syndrom)

Auch was das andere Geschlecht angeht, ist es besser geworden: Ich kann mich in der Bewunderung jüngerer Frauen sonnen, ohne dass meine Libido mich zwingt, mich vor ihnen zum Kaspar zu machen. Das ist wohl  das Angenehmste überhaupt. Die Erfahrung, die mich innehalten lässt, bevor ich meine Energie an irgendwas Schwachsinniges verschwende, mit dem ich mich und Andere verletzen würde. Ich weiss, ich bin noch nicht ganz auf der sicheren Seite. Mich könnte auch noch die Midlife-Crisis erwischen. Obwohl ich diese geistige Pause von Männern in meinem Alter nicht wirklich nachvollziehen kann. Man hat endlich soviel erreicht, wie man eigentlich wollte und ist auch noch jung genug, um es zu geniessen. Warum, um Himmels Willen, sollte jemand nochmals Zwanzig sein wollen und den ganzen Scheiss von Neuem durchkämpfen müssen?

Naja, in sechs Jahren werde ich 50. Für mich ist dann wohl die harte Prüfung. Tief in mir drin bin ich überzeugt, dass man bis 49 älter wird. Danach wird man alt. Aber was solls. Ist ja nicht so, dass ich eine Wahl hätte. Und bis dahin geniesse ich mein «bestes Alter».

Réda Philippe El Arbi ist Co-Chefredaktor bei clack.ch, Autor, Geschichtenerzähler, Stadt-Blogger bei Züritipp/newsnet.ch, Haustiersitter und war kurze Zeit Herausgeber des Zürcher Satiremagazins «Hauptstadt». Er versucht, hier seine männliche Sicht der alltäglichen Dinge zu vermitteln.

  

(Visited 54 times, 1 visits today)
Quotenmann


Kommentare

  • blub

    I like. (….schlecht gewiss…reu…)

  • Neni

    Wunderschöner Artikel und so persönlich….danke!

  • mira

    Ok… Ich weiss jetzt grad nicht, was ich mir unter speziellem Lebenslauf vorstellen muss. Aber generell kann ich mir schon vorstellen, dass man zufriedener altert, wenn man in jungen Jahren “sein Leben gelebt hat”.

  • Rinaldo

    Amen. Ich glaube du bist abgöttisch reif um zu heiraten. Falls du dich noch nich getraut hast: http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/33107/papablog-ja-und-amen-7-gruende-eine-frau-zu-heiraten/

  • TomGisler

    Alter ist und war schon immer eine Charaktersache.
    Wenn man seine eigene Identität gefunden hat, bezw. man(n) nicht mehr Mitläufer
    ist, dann gibts auch keinen Grund sich ein Datum/Ereignis in der Zukunft herbeizuwünschen um dann enttäuscht festzustellen, dass ich nichts geändert hat, ausser
    dass man eben alter geworden ist und um eine Erfahrung (ob positive oder negative) reicher geworden ist.

  • daniela p.

    mir scheinen die heutigen 50jährigen aber auch nicht alt. nichtmal die 60jährigen. alt scheint man mir mit 70 zu sein, also wird man irgendwann nach 60 alt.

  • daniela p.

    ok es gibt auch schon auch 20/30/40jährige, die haben ja ach schon alles erlebt und kennen – gähn – alles schon, wissen alles (besser) und staunen über nichts. kurz: wer nicht mehr staunen will und kann, der ist auch schon mit wenigen jahren auf dem buckel alt

  • Aurelia

    wenn du mit 100 auch noch so schöne Augen hast wie dieser schöne alte Mann, dann kann man dir nur gratulieren! Uebrigens: nicht alt werden nur Leute, die früh sterben…

  • mira

    Sehr schöner Artikel!
    Alter ist übrigens relativ: Für meine 90ig-jährige Grossmutter sind ihre 70ig-jährigen Kinder die “Jungen”…
    Zur Midlife-Crisis: Kannst Du Dir vorstellen, dass Dir Dein momentanes Leben nach 10 Jahren langweilig geworden ist? Du Dich auf einmal fragst, ob das “alles” gewesen ist, was Du in Deinem Leben erreichen wolltest? Wenn Du Dir bewusst wirst, dass es nie mehr “nach oben” geht, sondern nur noch “nach unten”?

  • Réda Philippe El Arbi

    Also ich bin froh, wenns nicht mehr nach oben geht, sondern nur noch einigermassen egradeaus. und am Schluss langsam abwärts, so in die Zielgerade.

    Aber ich hab auch einen etwas speziellen Lebenslauf. Nach der gängigen Karmabalance dürfte ich eigentlich schon im Schaukelstuhl sitzen und meinen nichtvorhandenen Enkeln Geschichten aus meinem Leben erzählen. Nur, ich hab erst die Hälfte der Lebenszeit aufgebraucht. Also, wenns ab jetzt ruhiger bleibt, dann bin ich einfach nur dankbar smile

  • peter schlegel

    perfect, ich bin seit 11 jahren 40 alt……wink  ledig und glücklich….und so…kommentare erwünscht !

  • Pietro Bartoli

    Hallo! Sehr schöner Text! Aber: Als 30jähriger würde ich mich selber nicht als adoleszent bezeichnen, auch wenn es in meiner Generation so viele Kindsköpfe gibt. Die Kindsköpfe gibt es auch unter den 40- und 50jährigen. Ich habe mal mit einer Handvoll solchen Männern zusammengearbeitet. Die haben sich mit Erdnüssen beworfen durchs ganze Büro und haben einander Streiche gespielt wie kleine Rotznasen. Zum Beispiel das Telefonkabel so anbinden, dass man beim nächsten Anruf den ganzen Apparat übers Pult reisst… Beim Zmittag in der Mensa hielten sie sich gehäutete Salamis, geplatzte Weisswürste oder abgenagte Pouletknochen zwischen die Beine, das sah furchtbar aus! Wenn ich mich empörte, wurde ich von diesen Familienvätern einfach ausgelacht und mit Abfall beworfen. Aber wenigstens haben sie es lustig, gell. Wenn ich dann auch mal so alt bin, weiss ich noch nicht, ob ich es so lustig haben werde. Ich will viel lieber mal einen richtigen Job und eine Familie.

  • daniela p.

    happy birthday reda smile! auf weitere prall gefüllte 44 jahre, voller interessanter einsichten und momente, und einer angemessenen portion dahindümpeln

  • Mia

    Ich schätze der Mann auf dem Foto ist nicht 75, sonder 104!

  • Magdalena

    Artikel sehr menschlich, ob alles gut/schön oder auch nicht. Und DAS ist wertvoll. Ich bin zwar ALS FRAU (!…) schon offiziel 52, mamma mia… dann bin ich schon alt?… brrrrrrr

Lesen Sie auch: