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Mamma mia, vertragt euch!

Mutter und Tochter führen die komplizierteste Beziehung, die es gibt. Trotzdem ist sie wichtig. Denn wer im Kampf mit seiner Herkunft liegt, kämpft gegen sich selbst.

Von Seraina Kobler

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Am meisten gehasst habe ich die Treffer zwischen die Augen. Eigentlich hätte ich gerne einen Teamsport gemacht – zum Beispiel Volleyball. Weil es aber meiner Mutter wichtig war, habe ich mich dreimal pro Woche in den weissen Anzug gezwängt und die schulfreien Nachmittage damit zugebracht, mich in der Gittermaske schwitzend, zu duellieren. Ich wollte, dass sie stolz auf mich ist. Sie ermöglichte mir, was ihr früher verwehrt geblieben war.

Nicht die beste Freundin

Fehler und Missverständnisse ziehen sich durch unzählige Biografien. Die deutsche Psychologin und Autorin Claudia Haarmann unterscheidet zwei Grundkonflikte in der Beziehung: zu nah und zu fern.

Teri Shields, die Mutter von Brooke Shields plante die Karriere ihrer Tochter seit deren Geburt. Vom ersten Auftritt in einer Seifenwerbung als Baby über Nacktfotos mit zehn Jahren bis zur Rolle der Emmeline im Erotik-Drama «Die Blaue Lagune». Die Mutter machte Shields zur Lolita und zum Superstar. In ihren Zwanzigern hatte Shields genug und trennte sich von ihrer Mutter als Managerin und gründete eine eigene Familie. Vor wenigen Wochen ist Teri Shields verstorben.

Psychologin Haarmann sagt: «Die Mutter klammert sich an die Tochter, diese fühlt sich erdrückt.» Die Mutter, die nicht loslassen könne, möchte Aufmerksamkeit. Sie stille ihre eigenen Sehnsüchte durch die Tochter und mische sich in deren Leben ein. Viele wollten die beste Freundin der Tochter sein, sagt Haarmann, diese brauche aber jemanden der hinter ihr stehe.

Kürzlich hat sich Nancy Dow, die Mutter von Jennifer Aniston die Schulter gebrochen. Während der darauf folgenden Operation erleidet sie einen Schlaganfall. Von Aniston kommt keine Reaktion. Die beiden haben kaum Kontakt seit die Mutter vor dreizehn Jahren ein autobiografisches Buch über die Beziehung zu ihrer Tochter veröffentlicht hat.

«Mutter und Tochter sind nicht in der Lage über ihre Gefühle zu sprechen», sagt Haarmann. «Ich geh allein», beschliesst die Tochter für sich. Der Alleingang kann gravierende Folgen für das weitere Leben der Tochter haben. Fehle das Urvertrauen im Erwachsenenalter, wirke sich dies auf alle späteren Beziehungen aus. Es werde erwartet, dass der Partner die Leere füllt, welche die Mutter hinterlassen hat.

Im Fall von Aniston stimmt das. Seit der Scheidung von Brad Pitt reiht sich eine Kurzbeziehung an die nächste.

Angst so zu werden wie die Mutter

Mädchen verehren ihre Mütter. Sie wollen aussehen wie sie, spielen Modeschau mit ihren Kleidern und experimentieren mit ihrer Schminke. Die Mutter lehrt in den ersten Lebensjahren wie «Frau-Sein» geht und wie der Umgang zum anderen Geschlecht funktioniert. François Höpflinger, Generationenforscher am Soziologischen Institut der Universität Zürich, sagt: «Später entwickeln sich unterschiedliche Vorstellungen von Weiblichkeit.» Suchen die jungen Frauen ihre eigene Identität rebellieren sie gegen das Vorbild. Sie wollen nicht so werden wie ihre Mutter. Diese Angst hat den Namen Matrophobie.

Mit der Geburt der eigenen Kinder steigt die Toleranz der Töchter – trotz unterschiedlicher Vorstellungen – in der Regel wieder. Nicht zuletzt, weil sie auf die Hilfe der Mütter angewiesen sind. «Umgekehrt brauchen die Mütter die Töchter, wenn sie ins pflegebedürftige Alter kommen», sagt Höpflinger. Wichtig sei eine Aussöhnung vor allem auch, wenn es an das Sterben der älteren Generation gehe. Es erleichtere die Trauer, wenn keine Schuldgefühle da seien.

Gründe sich auszusöhnen

Heute kämpfe ich nicht mehr mit dem Degen um meine Mutter. Aber noch immer ist sie der einzige Mensch, der mich mit einer Bemerkung in eine Furie verwandeln kann. Doch sie darf das. Einerseits gibt nichts gibt mehr Sicherheit, als bei ihr Sorgen loszuwerden. Andererseits verliert sich selbst, wer mit seiner Herkunft im Kampf liegt. Will heissen: wer seine Mutter lieben kann, hat auch bessere Chancen sich selbst zu lieben. Fehlt die Mutter, führt das zu einem lebenslangen Bruch der weiblichen Rolle. Dafür kann man auch mal fünfe gerade sein lassen.

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Kommentare

  • Hans-Peter

    Liebe Frau Kobler, besten Dank für diesen ausgezeichneten Artikel, der spannende Experten zu Wort kommen lässt. Diese generationenübergreifenden Themen werden viel zu wenig bearbeitet, dabei sind sie wichtig und prägend für uns alle. Als Mann warte ich natürlich auf die Vorsetzung: Söhne und Väter, versöhnt euch!

  • marie

    in der tat seit geraumer zeit einer der besten artikel hier auf clack. er ist zwar kurz gehalten, bringt aber anhand von beispielen, schwierige beziehungen zwischen müttern und töchtern durchaus auf den punkt und regt einem zum nachdenken an. sehr sogar.

  • sonja

    ja liebe Seraina, das kommt mir einiges bekannt vor .-).

  • Gré Stocker-Boon

    Kinder brauchen nebst die Mutter,Väter,die Eltern,Blutsverwandten,auch andere…Tanten,Onkel,nahestehende Erwachsene,Kinder, für ein gutes heranwachsen. Wenn die Bezugspersonen fehlen,oder wenige sind und die Mutter geht (muss) arbeiten,ist die Fremdbetreuung die nächste Instanz, denn wohin sonst mit den Kinder? Mütter wollen auch ernst genommen sein in unsere Gesellschaft und nicht als Drehscheibe hin-und her geschoben werden.Nachdenken können wir über das matriarchale und patriarchale System. Was wollen wir?

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