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Puppen und Schlampen

Die zehnjährige Thylane Blondeau wird zum neuen Supermodel gehypt. Nun macht Lolita Karriere. Und mit ihr eine neue Form von Sexismus.

Von Nicole Althaus

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Sie hat den unschuldigen Sexappeal einer Brigitte Bardot,  die verruchte Coolness einer Kate Moss und den nonchalanten Style von Lou Doillon. Glaubt man den einschlägigen Modeblogs, die sich in Superlativen über die junge Französin ergehen, ist Thylane Blondeau der neue Star am Modehimmel.

Die Tochter von Fernsehmoderatorin und Desigerin Véronika Loubry und Ex-Fussballer Patrick Blondeau hat zweifellos eine grosse Karriere vor sich. Seit sie laufen kann, steht sie vor der Kamera, erstmals lief sie als Vierjährige für Gaultier, war Gesicht mehrer Kinderlabel-Kampagnen und brachte es bis zum Covergirl der «Vogue Enfant». Seit sie Anfangs Jahr in der Gastausgabe von Tom Fords Pariser «Vogue» – die für erwachsene Männer und Frauen – posierte, ist sie ein Dauerbrenner in der Fashionszene.

In perfekter Verführungspose präsentierte sie sich in den Shoots auf einem Tigerfell, die Beine nonchalant angewinkelt, die Füsse in Highheels, die Lippen geschürzt. Eine Pose, die zur Ikonographie der Verführung zählt, nicht der Rede wert, wäre Thylane Blondeau nicht zehn Jahre alt.

Was hat  Sexyness in der Kindheit verloren?

Dass eine Zehnjährige modelt, ist nichts Neues. Dass eine Zehnjährigen aber, die gerade aus ihrem kindlichen Körper herauswächst, in der Pariser Modebibel ihren Kinderkörper zur Schau stellt, schon. Tom Ford, der Hansdampf in allen Gassen der Modeszene, habe mit diesem Shooting Kritik geübt an der Obsession der Mode an jungen Mädchen, wurde er in der Szene verteidigt. Mag sein. Das Resultat bleibt das gleiche: Gaben bis vor kurzem noch Teenager wie die anfangs 17-jährige Julia Saner den Ton in der Modelbranche an, so sind es heute Kinder.

Kaum war die «Vogue» erschienen, bekam Thylane Blondeau einen Fanclub auf Facebook und neue Aufträge. Die Industrie hat Lolita entdeckt.

Thylane am Strand, die Jeans knapp über dem Po, die knospenden Brüste bloss von ein paar Haarsträhnen verdeckt. Thylane gegen einen Autobus gelehnt, die Daumen lässig in der Jeans, fehlt nur die Zigarette zur Dieselwerbung.

Sind diese Bilder zu sexy? Das war die meistgestellte Frage der letzten Tage. Die Frage ist zwar berechtigt, aber ebenso bedenklich. Das Adjektiv «sexy» hat in der Welt der Kinder eigentlich nichts verloren. Doch so sehr haben wir uns schon an die modische Zwangserotisierung der Kleinen gewohnt, dass wir heute bereit sind, darüber zu diskutieren, wie verführerisch sich Minderjährige zeigen dürfen, und den Kinderkörper erotisch zu taxieren. 

Die Lage ist vertrackt: Auf der einen Seite wird die Kindheit in unserer Gesellschaft als kuscheliges Teletubby-Land und Disney-Paradies sentimentalisiert, umzäumt und jede Ecke oder Kante darin entschärft. Auf der anderen Seite aber lassen erwachsene Menschen, Mütter und Väter, die eigenen  Kinder an der Grenze zur Pubertät zu neuen Sexbomben stylen, die Mode verkaufen. Der Kampf gegen pädophile Lehrer und pornographische Bilder Minderjähriger gilt als selbstverständlich, doch in der Modeszene macht Lolita Karriere.

Auf der Strasse demonstrieren halbnackte Frauen an sogenannten Slutwalks gegen Vergewaltigung und Übergriffe. Und in den Studios loten professionelle Fotografen und Stylistinnen die Grenze zum Übergriff aus.

Puppen anziehen und ausziehen

Das ist – mit Verlaub – doch ziemlich fucked-up, oder nicht?  Der weibliche Körper ist zum Instrument verkommen, das heute für jeden Zweck gebraucht, um nicht zu sagen missbraucht, wird: Als Waffe im feministischen Kampf gegen Vergewaltigung. Als kindliches Instrument der Verführung.

Damit ist eine neue Form des Sexismus aufgetaucht, an der Frauen fleissig mitarbeiten. Als Natasha Walters, britische Bestsellerautorin, Anfang des neuen Jahrtausend ihre optimistische Bestandesaufnahme «The New Feminism» veröffentlichte, applaudierte sie den jungen Frauen, die sich selbstbewusst gegen jegliche Form der Bevormundung stemmten, die hohen Hacken ebenso geil fanden wie hohe Literatur, die nicht nur zeigten, was sie konnten, sondern auch was sie hatten.  Und die sich einen Deut darum scherten, ob die Generation Schwarzer eben dies verdammte.

In ihrem jüngsten Buch schrieb sie, dass sie sich wohl täuschte – dass die Fetischisierung des weiblichen Körpers eine Eigendynamik angenommen habe: «Wir leben in einer Zeit, in der sich die Puppen aus den Spielwarenregalen selbständig gemacht und das Leben von Frauen und Mädchen erobert haben.»

«Living Dolls» heisst der Titel ihres Buches. Die Bilder von Thylane Blondeau sind die traurige visuelle Bestätigung ihrer These.

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Kinder Models Sexualisierung


Kommentare

  • Gianin May

    Irgendwie und irgendwer muss ja Bedürfnisse kreieren, denn diese kommen nicht von alleine und der Mensch muss immer mehr haben, immer extremer, was gibt es da einfacheres als die “Unschuldigen” zu missbrauchen (um dann andere als die Bösen abzustempeln)

  • Conti

    Enzetzlich das arme arme Kind, sowas sollte wirklich total verboten sein! Völlige Ausnützung perverser Erwachsener, eschweige Eltern

  • ElfeEleven

    Dass es jetzt sogar öffentlich geduldete, ja umjubelte Präsentationen von Kindern in anzüglichen Posen gibt, zeigt mir einmal mehr auf, dass es nichts mehr gibt, dass es nicht gibt. Wir bewegen uns in eine fatale Richtung. Die Pädophilen brauchen sich nicht mehr in dunklen Kammern zu verkriechen, ihnen wird der Rote Teppich ausgelegt.

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