Clack

Liebe Schweizerinnen und Schweizer …

Die Teilzeitrpinzessin hält die Mutter aller 1. August-Reden. Weil wir einfach nicht genug Parlamentarier haben, um einen in jedes Dorf zur Ansprache zu schicken. Nehmen Sie sich Merets Sicht auf die Schweiz zu Herzen.

Von Meret Steiger

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Dieser Tage werden wiedermal landauf landab 1.August-Reden über die Lage der Nation geschwungen. Keiner zu klein, zu unbegabt oder zu unwichtig, ein 1.August-Redner zu sein. Ganz nach diesem Motto hat jeder Weiler in Hinterunterpupfingen ein eigenes Fest mit einer eigenen Ansprache. Für all diese Feste werden mehr oder weniger kompetente Redner engagiert. Die kleineren Dörfer laden gerne Politiker aus dem National- und Ständerat ein, was bei rund 2726 Gemeinden und nur 246 Parlamentariern in der Schweiz doch bitzli knapp wird. Darum greift man auch gerne mal auf einen Lokalpolitiker aus dem Nachbardorf zurück. Für Gemeinden mit einem grösseren Budget eignen sich Sportler wunderbar, auch wenn deren Reden von schlechten Vergleichen nur so gespickt sind («Die Schweiz ist wie ein Rennvelo …»). Wer sich aber wirklich nicht lumpen lassen will, der mietet sich für das Fest einen Bundesrat – am besten den Ueli, denn vielleicht bringt der gleich noch ein paar eigene Raketen mit.

Dabei ist das Schreiben einer solchen Rede gar nicht so einfach, denn für für eine gelungene 1.-August-Rede müssen mindestens so viele Punkte beachtet werden wie für die zugehörige Party. Das Wichtigste also zuerst: Die Begrüssung. Die Begrüssung darf sich auf keinen Fall auf «Liebe Mitbürger» beschränken. Es müssen ALLE begrüsst werden. Natürlich auch in männlicher und weiblicher Form. Die Einleitung für die perfekte Rede beginnt also etwa so: «Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Schweizerinnen und Schweizer, liebe Besucherinnen und Besucher, liebe Asylbewerberinnen und Asylbewerber, liebe Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, liebe Veganerinnen und Veganer, liebe Einheimische, liebe Ausländische, liebe Touristinnen und Touristen, liebe Naturstrombezügerinnen und Naturstrombezüger, meine lieben Damen, Herren und Unentschlossene, liebe Mitgliederinnen und Mitglieder mit und ohne Glied…»

Nachdem alle, wirklich alle begrüsst worden sind, wird es erst richtig kompliziert. Was jetzt? Erstmal die Lage der Nation? Ja, aber, wie ist die Lage denn überhaupt? Und wer bestimmt das? Wer hat die Nation gefragt? Longchamp, König der Fehlprognosen vielleicht? Und wenn wir nicht die Lage nehmen, was nehmen wir dann? Sollen wir uns ganz à la SVP sogar an unserem Nationalfeiertag nur auf fremde Richter konzentrieren und die EU ein bisschen bashen, um selbst insgesamt besser dazustehen (nicht, dass man die EU erst bashen müsste, um besser dazustehen.)? Die billigste Art und Weise also, um sich zu profilieren? Oder sollen wir nach Art der Linken nach Solidarität für alles und jeden schreien – ausser für die Schweizer? Und uns darüber auslassen, was die Schweiz in ihrer Geschichte schon alles falsch gemacht hat und inwiefern wir diese Schuld jetzt begleichen müssen? Wobei, ginge es nach Fabian Molina von der Juso, kann man ja sowieso feiern wie man will: Hauptsache ohne Schweizer-Fahne. Halten wir uns an die Grünen, die den verregneten Sommer als willkommenen Beweis für die drohenden Klimakatastrophe verkaufen? Die FDP (gibts die eigentlich noch?), die sich über die Wirtschaftslage anstatt über die Gesamtsituation äussert? Oder halte ich mich doch an die Sportler und versuche die Schweiz mit meiner Kettlebell oder einem Springseili zu vergleichen?

Nein. Ich glaube einmal mehr, dass wir uns auf die guten Dinge konzentrieren sollten – gerade am 1. August, dem Tag, an dem sich vielleicht ein paar Leute mehr als üblich als Schweizerinnen und Schweizer identifizieren. Die Schweiz hat es verdient, dass wir sie feiern. Die wunderschöne Schweiz mit ihren Seen, Wäldern und Alpen kann nämlich nichts dafür, dass sich unter der Menschheit Arschlöcher aller Arten und Nationen tummeln. Mir fallen tausend Gründe ein, die Schweiz aus tiefstem Herzen zu lieben. Ich durfte hier meine bisherigen 23 Jahre in Sicherheit, Freiheit und Sauberkeit aufwachsen. Ich gehe ja gerne ins Ausland, ich mag andere Kulturen, Sprachen und Bräuche, aber ich bin trotzdem immer wieder überglücklich, zurückkehren zu können. Wir sprechen die wunderbarsten und wohl meisten Dialekte auf so kleiner Fläche. Wir nennen die kleinste Grossstadt der Welt unser eigen. Für einen Schweizer ist alles, was weiter als eine Stunde entfernt ist, «weit» weg: Da wir das Land in jede Richtung innert maximal vier Stunden verlassen können, sind die Distanzen innerhalb der Grenze kaum nennenswert – und so sind wir uns alle irgendwie nahe.

Und ja, Freunde, auch wenn euch die Abstimmungsergebnisse in rund der Hälfte der Fälle nicht passen: Die direkte Demokratie ist das Highlight an der ganzen Nummer mit der Eidgenossenschaft. Führt euch doch das mal zu Gemüte: Wir sind die einzigen, mit einer derart direkten Form von Demokratie. Nirgends sonst können die Bewohner eines ganzen Landes über (fast) alle mehr oder weniger wichtigen Belange abstimmen. Und das mir jetzt bloss keiner mit «Die in Bern obe mached doch eh wases wänd» kommt. Unsere Abstimmungszahlen sind gemessen an unseren Möglichkeiten schlicht zum Heulen. Stellt euch doch nur mal vor, wie anders alles aussehen würde, wenn die Menschen ihr Recht (ähem: ihre Pflicht als Bürger!) abzustimmen konsequent nutzen würden. Wie unglaublich viel differenzierter könnten Diskussionen sein, wenn sie nicht mehrheitlich von Parteigängern (die in der Regel sowieso auf einer Linie bleiben) und irgendwelchen bekloppten Extremisten geführt würden? Wie anders würden die Abstimmungen ausgehen, wenn nicht nur die wählen, die sowieso wählen gehen, sondern auch die, die vom Ergebnis betroffen wären? Die direkte Demokratie ist gopferdammi ein Geschenk – und wir sollten uns wirklich mehr Mühe geben, es wertzuschätzen.

Jedenfalls, liebe Schweiz, alles Gute. Auf viele weitere Jahre, in denen du dich bitte aus Kriegen raus hältst, für Wohlstand sorgst und uns mit deinem atemberaubenden Panoramas bezauberst.

Meret Steiger, 23, Autorin, ist sowohl Mädchen als auch neugieriger Mensch und sucht zur Zeit nach ihrer wahren Berufung. Wenn sie nicht gerade in der Badewanne sitzt, ihre Schuhe zählt oder George Clooney anhimmelt, richtet sie ihren scharfen Blick und ihren Sinn für Humor auf die kleinen Alltäglichkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss.

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Teilzeitprinzessin


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