Clack

Kinder im Eisschrank

«Social Egg Freezing» ist kein neues Facebookspiel, sondern Familienplanung mit Trockeneis, wie unsere Autorin Daniela Dambach herausfinden musste – das eigene genetische Material wird wie Tiefkühlpizza für später eingefroren.

Von Daniela Dambach

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«Hey, kennst du schon Social Egg Freezing?», fragt mich eine Kollegin in der 9.05-Uhr-Kaffeepause. «Ehm, du meinst das neue Game auf Facebook?», antworte ich beiläufig. Ihr eisiger Blick trifft meine harte Schale. Später finde ich heraus, warum: 2 790 000 Ergebnisse knallt mir die Suchmaschine in 30 Sekunden vor die neugierige Nase. Die oberste (bezahlte) Anzeige «Eizellenkonservierung» bring mich auf die Spur. Social Egg Freezing ist eine Methode zur Einfrierung von Eizellen, um sie Jahre später aufzutauen und zu befruchten. Schockgefroren kannte ich bisher nur von der Gemüsemischung à la Provence aus dem Tiefkühlregal. Die Eizellvorsorge ist zwar nicht ganz neu, wird aber immer beliebter.

Ursprünglich wurde das Vitrifikationsverfahren für Frauen entwickelt, die an Krebs erkrankt sind. Es ermöglicht ihnen, nach einer allfälligen Genesung gesunde Kinder zur Welt zu bringen.

Klinken in den USA bieten das Verfahren seit Anfang 2000 auch gesunden Frauen zur Eizellenvorsorge an. Die allermeisten Eizellen lagern heute aber aus Lifestyle-Gründen in den Laboratorien reagenzvernarrter Privatkliniken. Je älter eine Frau, desto schlechter ihre Fruchtbarkeit, das ist ein Naturgesetz. Social Egg Freezing schaltet die biologische Uhr scheinbar aus.

«Freeze your Eggs, free your Career», steht in warnend roten Lettern auf dem neusten Cover von Bloomberg Businessweek. «Kind UND Karriere» oder «Lieber spät als nie» sind die Slogans der Konservierungskünstler, die das lukrative Geschäft mit der Torschusspanik anfeuern.

Sie zielen auf die Karrierefrau im Nadelstreifenanzug ab. Um sich ein Kind aus dem Gefrierfach zu leisten, muss frau schliesslich schuften: Ein Social-Egg-Freezing-Baby kostet schnell bis zu 10 000 Franken. Die Eizellvorsorge? Kostet! Die Lagerung pro Jahr? Kostet! Das Auftauen und Befruchten? Kostet extra! Das ist einer der knorrigsten Knackpunkte: Nur Vermögende können sich einen späten Kinderwunsch erfüllen.

Wer weiss, ob denn in fünf Jährchen plötzlich der Traumprinz im weissen Audi-Cabrio anbraust? Und was für ein Gesicht macht wohl der neue Partner, wenn die Frau mit Eizellengefrierfach ihn mit ihrem Kinderwunsch konfrontiert: Nicht lakenwälzend im Bett werde das Kindlein gezeugt, sondern von fremder Hand im Labor. Nicht umsonst lagert doch der Arzt des Vertrauens die Zellen teuer, nicht umsonst hat Madame doch auf das eine oder andere Paar Manolos verzichtet. Einmal abspritzen, bitte – ins Reagenzglas!

Konservierte Eizellen sind kein Garantieschein. Selbst wenn die Eizellen frisch wie bei einer 21-Jährigen sind: Vor den Risiken während der Schwangerschaft und bei der Geburt ist eine gestandene 40-Jährige nicht gefeit. Die Sunday Times berichtete kürzlich, dass Frauen, die in England für rund 6000 Pfund ihre Eizellen einfrieren liessen, nur eine acht-prozentige Chance auf ein Baby haben. Zwischen 1991 und 2012 wurden aus 253 befruchteten Proben nur 21 Babys geboren. Im selben Zeitraum liessen 2262 Frauen 20 465 Eier einfrieren.

Warum Eizellen auf Vorrat aus Lifestyle-Gründen? Erwachsene Frauen sollten geimpft sei gegen «Aufschieberlitis» und «Ja-Nein-Vielleichtitis» und einfach die Eier haben, im richtigen Moment eine Entscheidung zu treffen. Ich miete ja auch nicht eine Garage, in der Hoffnung, ich gewinne eine Karre im Preisausschreiben oder horte 300 Flaschen Blöterliwaser für den Fall der Fälle.

Kann man statt Eizellen konservative Kräfte einfrosten? Damit die gesellschaftlichen Rahmenbedingung für berufstätige Mütter auftauen. Damit Teilzeitstellen in Kaderpositionen keine Ausnahme mehr sind – und sogar Papi «Mutterschaftsurlaub» kriegt.

Und viel Vergnügen, wenn dereinst ein Knirps seine eigentlich bejahrte Mutter, die dank Botox-Abo aber eisig-glatte Gesichtszüge vorweist, beim Einkaufen im Supermarkt auf einmal fragt «Mamaaa, woher komme ich eigentlich?» – und dabei eine Wassereis-Rakete aus der Tiefkühlbox fischt …

PS: Es gibt Sprösslinge in der Nachbarschaft, da wünschte ich mir, man könnte sie nachträglich einfrieren – und wieder auftauen, wenn ich alt und schwerhörig bin.

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Sie liebt Lifestyle und wird für Clack die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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