Clack

Kind zu gewinnen, Würde zu verlieren

Ein kanadischer Radiosender verlost Fruchtbarkeitsbehandlungen. Das freut verhinderte Eltern natürlich.

Von Annett Altvater

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Kinder sind zwar teuer, Fruchtbarkeitsbehandlungen aber auch. Darum verlost der Radiosender Hot 89.9 FM jetzt eine Behandlung für ein Paar, das auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen kann.

Das wirft natürlich Wellen, langjährige Hörer wenden sich ab, schimpfen öffentlich auf der Facebook-Seite des Senders und hinterfragen die Werbeplakate, auf denen ein Baby sich als Preis darstellt, den es zu gewinnen gilt. Gleichzeitig macht sich der Sender unbestritten auch neue Freunde, die dankbar sind, dass sie immerhin die Möglichkeit haben, eine Fruchtbarkeitsbehandlung zu gewinnen.

Was erwartet Teilnehmer in diesem bizarren Spiel? Zunächst einmal vermutlich eine Enttäuschung. Denn es gibt einen Preis für ein Paar, fertig. Dann der zweite Dämpfer: Selbst wenn man siegt, ist das noch lange keine Garantie fürs Siegerbaby. Nach drei Fruchtbarkeitsbehandlungen innerhalb eines Jahres in einem Behandlungszentrum, das Hot 89.9 auswählt, ist Schluss. Wenn sich bis dahin kein Embryo in der Gebärmutter eingenistet hat – Pech gehabt. Den Nachwuchs kann man beim Radiosender schliesslich nicht einklagen.

Wer sich um ein Baby bewirbt, muss einen Fragebogen ausfüllen, in dem man beispielsweise gefragt wird, ob man raucht, was man bereits unterneommen hat, um ein Kind zu bekommen und wie man die Qualität seiner Beziehung auf einer Skala zwischen 1 und 10 einschätzt. 1 ist schlecht, 10 ist toll. (Probieren Sies mal selbst – lässt sich das wirklich so einfach in Zahlen ausdrücken?) Und dann muss man in maximal 100 Worten erklären, warum man ein Baby gewinnen möchte. 100 Worte! Das ist ein Drittel dieses Texts hier. Warum nicht per Twitter in 140 Zeichen?

Ach ja, und die Willenseltern müssen einen Test absolvieren, um ihre mathematischen Fähigkeiten zu überprüfen. Logisch.

Das Recht an sämtlichen Informationen und Fotos geht sodann selbstverständlich auf den Sponsor über, der damit anstellen kann, was ihm beliebt: umschreiben, in Werbung einbauen, ins Internet stellen etc. Der Sponsor wählt auch fünf Finalisten aus, die zwar um die Gunst der Zuhörerschaft buhlen und im Online-Voting Stimmen sammeln können, aber letztlich entscheidet die Klinik, welche Kandidaten am besten geeignet sind. Man stelle sich also vor, wie man öffentlich über einen geplatzten Traum redet – etwas, das sonst schon im Freundeskreis schwer fallen dürfte.

Und erst dann beginnt für das siegreiche Paar die eigentliche Prozedur. Kinder sind wunderbar und warum sollte man nicht bereit sein, vieles für sie auf sich zu nehmen? Aber Würde sollte man auch nicht unterschätzen.

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