Clack

«Kinder? Niemals! – Vorerst.»

Unsere Autorin befragt ihr Umfeld zum Thema «Kinderwunsch». Bei den meisten herrscht eine klare Vorstellung davon, wann, wie und warum man Kinder haben sollte.

Von Audrey Djouadi

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2012 wurden in der Schweiz 82’164 Lebendgeburten verzeichnet und mehr als ein Drittel von diesen wurden von Frauen unter 30 Jahren geboren. Im Vergleich dazu: 1970 trugen Frauen in ihren Zwanzigern zu mehr als 2/3 (mit 64’827 von insgesamt 99’216 neuen Menschen) zum Bevölkerungswachstum in der Schweiz bei. Männer trugen offensichtlich gleich viel dazu bei, nur gibt das Bundesamt für Statistik keinen Aufschluss über das Alter der Väter. Wie dem auch sei, als ich neulich frühmorgens mit einem Bekannten (34 Jahre alt, erfolgloser Architekt) im Café sass und ein Zürimami ihren hochmodernen, mit einem auf Holz kauenden Kleinkind gefüllten Kinderwagen an uns vorbeischob, schaute er mich fragend an. «Wirst du auch so geil, wenn du an Nachwuchs denkst?» (Lesen Sie auch: «Kinder machen nicht glücklich»)

Ich verschluckte mich am Espresso und dachte daran, den Kinderschutz zu informieren, als er fortfuhr: «Die Frauen in meinem Alter sind alle verrückt. Nach Babys. Sie schlafen nur um der potentiellen Befruchtung willen mit mir.» Ein wenig angewidert aber durchaus interessiert öffnete sich mir nun eine Tür, die üblicherweise nur im Kreuzverhör an Familienfesten geöffnet wird – die Frage nach der Familienplanung. Zwischen der Standardantwort, dem idealistischen «Ich setz doch keine Kinder in diese traurige Welt!» das auch schon meine Mutter in die Gesichter der verdutzten Verwandtschaft feierlich verkündete, und einem erwachseneren «Ich will mir für mein Leben so lang wie möglich so viele Optionen wie möglich offen halten» kam ich nicht umhin mich zu Fragen: Wie sehen das eigentlich meine Altersgenossen?

«Ich finde Kinder scheisse, – zumindest im Moment. Wenn mir ein Säugling bis und mit Kleinkind begegnet find ich das 5 Sekunden total herzig, danach aber wieder spektakulär uninteressant» erwidert meine Freundin Amanda, 23, unbeeindruckt auf die Frage, ob sie Kinder will. Sie ist dem Brimborium um des Kindes Niedlichkeit überdrüssig – wer kann’s ihr verübeln, wird man auf sozialen Netzwerken doch über jeden Pups, der Klein-Kevin macht informiert und mit Schnappschüssen von der kleinen Mia beim Apfelmus essen bombardiert. Amanda, die im Moment Single ist, fügt leise hinzu «Aber ich weiss, dass ich mal Kinder haben werde.» Dessen ist sie sich sicher, weil ihr immer wieder gesagt werde, dass sie so eine mütterliche Art habe. Allgemein sind die meisten Frauen in den frühen Zwanzigern irgendwie davon überzeugt, dass sie in ferner Zukunft mal Mütter werden, machen sich im Moment aber eher Sorgen um verspätete Perioden als um verpasste Eisprünge. So auch Anna, 25, ebenfalls Single – mit dem Unterschied, dass sie schon weiss, wann die ferne Zukunft zur Gegenwart wird: mit 37 Jahren. (Lesen Sie auch: «Sex aus Verzweiflung»)

Mit 37 will Anna ihren Sohn, der Santiago heissen wird, gebären. Sie hat viel vor in ihrem Leben, möchte als Fotografin in Kriegsgebiete fahren und dabei die Welt entdecken. Dinge, die sie mit Kind nicht verwirklichen zu können glaubt. Mit 37 wolle sie diesen Lebensstil allerdings nicht aufgeben, sie hofft auf einen flexiblen Partner, der mit dem Sohn zuhause bleibt während sie mit Tigern durch Indien trekkt oder ihr Leben bei Extremsportarten riskiert.

Warum aber 37? Auch wenn unsereins momentan noch das Gefühl beschleicht, dass wir in einer heissen Sommernacht schon von einem Lenny Kravitz Song geschwängert werden könnten – die weibliche Fruchtbarkeit hält nicht ewig an. Und woher kommt die Überzeugung, dass die Spätgeburten der Generation Y in einer magischen Zukunft ihren Kram beisammen hat und in diesem gewissen Alter bereit für Kinder sind? Für Anna ist dieses gewisse Alter 37, für deren jüngere Schwester Janine 28, denn sie will «jung Mutter werden». Für Xenia, 24, die im Aussendienst arbeitet und gerade mit ihrem Freund in das erste gemeinsame Heim gezogen ist dieses Alter «keinesfalls vor 30, auch wenn Alex am liebsten sofort Kinder hätte.»

Alex wird gegenwärtig noch von Xenia überstimmt, da ihm das Argument, dass nicht seine Hüftknochen um 7 cm verschieben werden, den Wind aus den Segeln nimmt. Aber Kinder sind ebenso auf der männlichen U30-Agenda ein Thema – ob nun in Form von haben oder nicht haben. (Lesen Sie auch: «Falsche Torschlusspanik?»)

Mein Freund Valentin, der gerade seinen Master abgeschlossen hat will auf jeden Fall Kinder, aber keinesfalls vor 30. «Kinder bereichern das Leben und geben der zweiten Lebenshälfte mehr Sinn.» Mal abgesehen, dass das bedeuten würde, dass Valentin mit 60 vor dem Exitus stünde – wenn doch Kinder eine Bereicherung sind, warum will man sich diese bis zu einem späteren Zeitpunkt aufheben? «In der ersten Hälfte will man sich ausleben, sich ausbilden und sich betrinken. Man will die Welt bereisen und egoistisch sein. Wenn man dabei gleichzeitig ein Kind aufzuziehen muss, wird das schwierig.» Valentin ist 25 und Single.

Sein guter Freund Aleksander, 27, will ebenfalls Kinder. Es sei doch was Schönes, wenn man etwas weitergeben kann und einen Menschen durchs Leben zu begleiten…. in ein paar Jahren halt. Wäre seine Freundin, mit der er seit 9 Jahren zusammen ist, nicht älter als er, würde er gar kein spezifisches Alter festlegen. «Wenn es passt, dann passt es», da seine Freundin dieses Jahr aber 30 wird, glaubt er, dass der Storch spätestens in 3 Jahren gelandet sein muss.

Audrey Djouadi, 21, studiert Soziologie im Hauptfach, Nebenfächer Philosophie und Ethnologie, lebt in Zürich und ist der neueste Zugang bei unseren Clack-AutorInnen. Sie schrieb unter anderem für «Kinki» und «Das Magazin».

Kinder Sexualität


Kommentare

  • Eremit

    Ein guter Artikel.
    Wenn man sich von 20 bis 35 auslebt, betrinkt und egoistisch ist, wie sehr gibt es dann noch Platz für Kinder im Leben? Und stören diese dann nicht das eigene Ego, an das man sich doch so lange so schön gewöhnen konnte?

  • mira

    “Ich will mir für mein Leben so lang wie möglich so viele Optionen wie möglich offen halten” ist ziemlich unreif. Wenn man etwas (gut und erfolgreich) tun will, dann muss man sich festlegen, muss Entscheidungen mit Konsequenzen treffen. Erfolglose Menschen zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie sich eben zu lange nicht entscheiden konnten.
    Das beste Alter, Kinder zu haben liegt meiner Meinung nach zwischen 25 und 30 Jahren. Wobei ich die Option Kinder während Studium/Diss sehr bevorzuge, da man da noch super flexibel ist. Sollte man an Karriere interessiert sein, so kann man auch gleich den zukünftigen Arbeitgebern “beweisen”, dass man beides unter einen Hut kriegt und läuft nicht in die “Ü30-Kinderlos-die-stellen-wir-sowieso-nicht-an”-Falle.  Aber natürlich gibt es auch viele andere “richtige” Wege, schlussendlich muss das jeder selber entscheiden.

  • Reda El Arbi

    Naja, das hört sich super an. Nur, meiner Erfahrungg nach, kümmert sich das Leben einen feuchten Dreck um Entscheidungen und Pläne. Da gibts X Familien, die sich für Kinder entschieden haben, und keine bekommen. Und umgekehrt, Leute nie nie Kinder haben wollten stehen plötzlich mit Zwillingen da. Auch sonst kenn ich kaum einen erfolgreichen Menschen, der geplant hat erfolgreich zu werden. Nur solche, die geplant haben Karriere zu machen. Und das ist ein Unterschied.

  • Reto B.

    Ich hab beim besten Willen keinen Plan wie man das von Zeit und Finanzen her während des Studiums auf die Reihe bringen soll… moment eine Idee hab ich. Man studiert etwas mit wenig Anwesenheitspflicht und die Knete bringt der Alte heim.

    Wie machen sie es? Oder wie würden sie?

  • alam

    “Das Beste ist”… in unserem Fall – und das hätte ich früher vehement bestritten, Ammenmärchen sei Dank – wenn die Mutter über 40 ist. Natürlich war das nicht so geplant, im Gegenteil, wir hatten nach mehreren FG bereits aufgegeben. Aber 40-jährige sind ja keine Greisinnen und uns ist es doch so was von egal, uns zum Clown zu machen, wenn es unser und das Leben unserer Kinder angenehmer macht. Ich wüsste jetzt auch nicht, was genau ich mit 25 besser, schneller, höher gemacht hätte als heute. Wenn die Kinder 15 sind, ist die Mutter 55, auch dann ist sie noch keine Greisin und kann “tolle Dinge mit ihnen tun kann, egal ob segeln, reisen oder gemeinsam Bücher lesen. Und daneben habe ich mein Leben, viel Zeit für mich, da die inzwischen recht Selbständig sind, geniesse das Leben, gehe aus, reise, verbringe Zeit mit Freunden.” Was daran hart sein sollte, erschliesst sich mir nicht. Wer ums verroden ein Damoklesschwert über sich hängen will, soll das tun…

  • mira

    @Reda El Arbi
    Pläne sind keine Garantie für Erfolg, aber eine gute Grundlage. Planlose Menschen haben selten Erfolg, wenn doch, dann eher zufällig und nicht die Regel. Wobei natürlich die Definition von Erfolg nochmals eine eigene Fragestellung ist wink
    @Reto B.
    Ich hatte niemals soviel Freizeit wie während dem Studium (Naturwissenschaften). Und die finanziellen Ansprüche sind in dem Alter noch nicht so hoch und einem Baby ist es sowieso herzlich egal, ob es in einem Einfamilien-Häuschen oder einer Studi-Bude lebt.
    Ich hatte mein erstes Kind während der Diss. Geld war zwar nicht soviel da (nein, ich habe keinen Geldesel geheiratet, schaffe die Kohle selbst an), aber dafür hatte ich Zeit und war flexibel.
    Klar, ist es anstrengend. Aber später mit Vollzeit – Job ist es noch anstrengender. Und mit 35 hat man (leider) nicht mehr soviel Energie wie mit 25 (durchwachte Nächte etc)…

  • Reda El Arbi

    Ein Ziel kann zum Erfolg führen. Ein Plan zeigt nur, dass man niemals da ankommt, wo man das Kreuzchen gemacht hat. Ein Ziel sorgt für Motivation, ein Plan sorgt für Unflexibilität. Die Menschen, die in meinem umfeld Erfolg hatten, sind die, die immer im Augenblick reagieren konnten, und ganz auf Pläne verzichtet haben. Ziele werden vielleicht nicht erreicht, aber sie geben vor in welche Richtung man sich bewegt. Pläne geben den Weg vor, von dem man nicht abweichen soll.

  • Daniel Zurbuchen

    Das Beste ist, wenn man das Thema Kinder mit 35 schon hinter sich hat. Ich habe mit 21 angefangen, heute 3 Kinder, die Älteste 15. Die sind nun in einem Alter, in dem man tolle Dinge mit ihnen tun kann, egal ob segeln, reisen oder gemeinsam Bücher lesen. Und daneben habe ich mein Leben, viel Zeit für mich, da die inzwischen recht Selbständig sind, geniesse das Leben, gehe aus, reise, verbringe Zeit mit Freunden. Wenn ich sehe, wie hart diejenigen dran sind, die ihre Kinder erst in meinem Alter haben, dann bin ich sehr froh, dass ich früh angefangen habe.

  • mira

    Pläne sind dazu da, dass man ihnen später nicht folgt smile. Ne ernsthaft: Bei einem Plan geht es doch meist nicht um dessen 1 zu 1 Umsetzung, sondern darum, dass man sich Gedanken über das Ziel und mögliche Wege zu dessen Erreichung macht. Was Du mit Ziel und Richtung beschreibst ist ja nichts anderes als ein Bestandteil eines Plans. Und um das Ziel zu erreichen muss man einen Weg einschlagen, und dieser ist ein weiterer Bestandteil des Plans. Dass es unterwegs Planänderungen gibt ist die Norm und nichts speziell Erwähnenswertes…

  • Jorge

    Die armen Männer… keine Menschen oder gar Partner, sondern nur Mittel zum Zweck eines egoistischen Planes – ich, die Frau, kann mich verwirklichen!

    Eigentlich normal, aber der Valentinstag lässt themenbezogen einen leichten Brechreiz aufsteigen.

    PS @ die Autorin: Hat ihr erfolgloser Architektur-Freund kein Problem damit, erfolglos genannt zu werden? In Zürich gilt man damit ja gerne einmal schnell als Loser. Tipp: Nächstes Mal einfach freischaffend verwenden.

  • Christina

    @Daniel Zurbuchen.
    Natürlich hätte ich mir auch gewünscht vor 30 Mutter zu werden. Da nützt auch nichts wenn man einen Plan hat. Aber manchmal geht es einfach nicht, da einfach kein geeigneter Partner da ist. Was macht man dann? Ich möchte auch nicht irgend einem Mann ein Kind unterjubeln, das finde ich ziemlich unreif und bescheuert. Hab ich auch schon gehört…

  • fabian

    das wirft die frage auf, wann man eigentlich eine frau als ‘erfolglos’ bezeichnen kann? wenn sie mit 35 kinder machen muss, damits noch irgendwo im leben vorwärts geht? wenn sie sonst nichts auf die reihe gekriegt hat?

  • Jorge

    Gute Frage, aber ich könnte Dir eine als erfolgreich geltende Frau nennen: Heidi Klum

    Die hat sich von einem reichen Typen Kinder machen lassen (dann noch so schön modische), dann die Scheidung, um ein bischen Spass nachzuholen und jetzt, wo sie merkt (oder es vorher gewusst hat), dass sie genug hat, wieder beim reichen Typen anbandelt (der sie ja zurück will, weil sie gemeinsame Kinder haben)

    Ok, evtl. etwas verschwörerisch, aber immerhin eine Möglichkeit.

    PS: Eigentlich gibt es keine erfolglosen Frauen. Nur Frauen, denen ihr Erfolg von den Männern verwehrt wurde ^^

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