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Kein Sex ist auch keine Lösung

Ohne Sex geht es ja auch nicht. Doch wie betreibt man als Single Affären und schafft es trotzdem mal wieder, sich zu verlieben? Unsere Autorin hat sich an einen alten Rat erinnert.

Von Clara Ott

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Vor Jahren gab mir die Sex-Expertin Paula Lambert folgenden Ratschlag mit auf meinen Weg: «Du musst dir aus der Affäre heraus einen Mann zum Verlieben suchen.» Für Paula war klar, dass zu einem ausgeglichenen Single-Leben – ja, auch als Frau – durchaus regelmäßiger Sex gehört. Als ich ihr von meinen One-Night-Stands und Booty Calls erzählte, in die ich mich aber doch meistens irgendwie emotional verguckte, lachte sie mich aus. Weil ich Sex und Liebe deswegen nicht trennen konnte, weil ich nur innerhalb dieses Affärenradius’ nach Herzensangelegenheiten Ausschau hielt. Und mich so ständig selber verzettelte.

Stattdessen hätte ich von Beginn an meinen Radius erweitern sollen, beziehungsweise in zwei Halbkreise teilen sollen. Einen, in dem ich gezielt nach Sexobjekten gucke und einen, in dem die potentiellen Partner herumlungern. Und dass ich den einen Halbkreis erst verlassen darf, wenn ich wirklich mit mehr als einem Fuß in dem anderen stünde. (Klingt kompliziert, wird aber gleich noch genauer erklärt.)

Was bedeutet «glücklicher Single»?

Ich weiß nicht, wieso ich ausgerechnet gestern wieder daran denken musste, denn unser Gespräch ist über drei Jahre her. Womöglich, weil mir in den vergangenen Jahren zusehend nicht gelungen ist, ein ausgeglichenes Singleleben zu führen. So eins, in dem man wirklich «glücklicher Single» ist. Darunter stelle ich mir vor, dass man hier und da tollen Sex hat, tagsüber emotional frei und unbeschwert lebt und sich nach Feierabend und am Wochenende eben nicht mit Konflikten und Kompromissdiskussionen plagen muss. Tja, Pustekuchen! Stattdessen habe auch ich Sms analysiert, vergeblich auf Anrufe gewartet und mehr gehofft und erwartet, als ich zurückbekommen habe. Und als mir Paula einfiel, wusste ich auch wieder, wieso mir das immer wieder passiert.

Und nicht nur mir, denn die meisten meiner Singlefreundinnen und auch Solo-Freunde haben ähnliche Sorgen. Sie vögeln, knutschen und flirten hier und da herum und suchen doch alle unbewusst immer nach Liebe, nach Gefühlen und nach emotionalen Ankerpunkten. Und verheddern sich immer wieder zwischen oberflächlichen Sexgeschichten und tiefen Sehnsüchten.

Casual Sex oder Casual Problems?

Klar, in Zeiten simpler Hilfsmittelchen wie Tinder fällt es wirklich niemandem mehr schwer, spontanen Casual-Sex anzuleiern. Niemand muss sich mehr stundenlang herausputzen, von Zuhause aufraffen und an einer Theke lehnen und stundenlang lächeln. Es reicht, wenn wir ungeschminkt beim Essen vor dem Fernseher nebenbei im Internet stöbern und einen Tag später oder am gleichen Abend unverfänglich unsere hormonellen Triebe abbauen können. Denn ja, die haben nicht nur Männer, sondern auch Frauen wissen, wie positiv sich ein aktives Sexualleben auf Psyche, Gesundheit und Körperbewusstsein auswirken.

Doch es ist dann doch nicht so leicht, wie es sein könnte mit dem bisschen spaßigen Single-Sex. Zwar gucken wir – ganz gleich, ob Tinder oder Theke – rein oberflächlich nach einer attraktiven Frau oder einem scharfen Typen für die leidenschaftliche Nacht, aber komplett freimachen von unserem Beuteschema und den Auslösern für das, was wir als Attraktivität empfinden, das geht eben nicht. Ob jemand wuscheliges Haupthaar hat, guten Bartwuchs, ein schönes Kinn, gute Zähne, die Frau Taille, Hintern, Kulleraugen oder zarte Hände hat – wir reagieren auf das, was wir seit Kindheitstagen anziehend finden. Was uns an unsere Eltern erinnert, an unsere große Liebe, an uns selbst. Nicht ohne Grund heißt es ja, dass sich Paare oft ein wenig ähnlich sehen, weil wir eben unser Spiegelbild suchen. Wir selstverliebten Egoisten.

Sex mit dem einen, Liebe mit dem anderen

Genau. Glückliche Singles sind oft selbstverliebt, brauchen also gar keine Liebe oder einen Partner, der einen vervollständigt. Zumindest nicht so unbedingt, wie die Menschen, die ständig von einer in die nächste Beziehung hüpfen. Doch was sich Singles als dringende Lehre abschauen sollten, ist das: Sex ist furchtbar leicht zu bekommen. Die hohe Kunst ist, klare Grenzen bei den Kriterien zu ziehen.

Und jetzt kommt endlich wieder Paula Lambert ins Spiel. Wer sich bewusst Menschen für sporadischen Sex sucht, die so vollkommen gar nicht ins Emotionale Beuteschema passen, der ist gefühlsmäßig auch auf der richtigen Seite. Man wäre total frei von «Wieso meldet er sich nicht?» und «Frühstücken wir noch?», weil man gar keinen Alltag mit solchen Sexbekanntschaften teilen will. Es wäre das, was sich alle immer einreden, wenn sie über One-Night-Stands und Booty Calls reden: just Sex.

Man befände sich emotional in einem unbeschwerten Zustand, wäre körperlich voll befriedigt und sexuell gesättigt. Ohne diesen Druck auszugehen, zu arbeiten, auszugehen, wäre quasi die wichtige Basis, um wirklich jemanden kennenzulernen, mit dem man ernste Absichten hegen kann. Weil, und das ist eben der springende Punkt, nicht sofort am ersten Abend mit dem potentiellen neuen Mann abstürzt. Weil man eben nicht den sexuellen Drang verspürt, die interessante Frau sofort zu küssen und ausziehen zu wollen. Weil man eben zwar psychisch und physisch total hingerissen ist, aber sich zurückhalten kann. Weil es in dieser Übergangsphase erlaubt sei, während des Dating-Prozesses weiter seine Sexaffäre zu treffen, um zu kompensieren, bis man entweder keine Lust auf Sex mit anderen Menschen als dem neuen Flirt hat, oder aber mit dieser Person nach der klassischen Kennenlernphase auf Tuchfühlung gehen kann.

Die Kunst, sich parallel zu befriedigen

Kurzum: es würde ein paar Tage oder Wochen parallel was laufen. Natürlich ohne, dass der neue, potentielle Partner wüsste, dass man seine Affäre für Sex trifft. Aber da jeder weiß, wie sehr Sex heute alles kompliziert, käme es auf einen Versuch an. Jemand Neues zu treffen, ihn oder sie kennenzulernen, ohne gleich die sexuelle Schiene zu fahren. Aber, seien wir ehrlich, nur weil es Singles gibt, die Lust auf One-Night-Stands haben, halten das noch lange nicht alle so. Viele meiner Freundinnen hatten noch nie Sex mit einem Mann, in den sie nicht ansatzweise verschossen waren. Geschweigedenn Sex mit einem Fremden! Für diese Frauen wäre es also kein Ratschlag, sich wochen- oder monatelang mit einem Mann für unverfänglichen Sex zu treffen, der sie darüber hinaus Null interessiert, nur um sich parallel mit Mr. Right zum Kaffee zu verabreden. Ja, das klingt vielleicht wirr und verkorkst.

Doch Paula hat mir den Tipp gegeben, weil ich genau das alles nicht hinbekomme. Weil ich immer wieder mit Männern im Bett ende, einmal oder zweimal oder öfter, die ich mag. Männer, die ich durchaus mehr als attraktiv und interessant finde und Männer, deren Nummern ich habe, die ich bei Facebook als Freunde habe und an deren Leben ich teilhabe. Und teilhaben will. Ich kann nicht mit komplett Fremden knutschen und der Gedanke, einen Mann zu küssen, den ich sexy finde, aber nicht leiden kann, ist mir zuwider. So sexuell frustriert könnte ich gar nicht sein.

Die Krux der Interessenkonflikte

Aber womit ich Paula zustimmen muss, ist folgender Gedanke: was, wenn ich wirklich nur Sex mit Männern habe, die zwar charmant sind, aber überhaupt keine Gefühle bei mir auslösen? Platonische Freunde, nette Bekannte, sympathische Flirts? Oder eben attraktive Arschlöcher, die ich gern treffe. Was ich jetzt nur noch in den Griff bekommen müsste, wäre mein Beuteschema. Denn ich hoffe viel zu oft, dass ich desinteressierte Männer umbiegen kann. Stimmt, jetzt fällt es mir auf. Genau diese Typen halten es wie Paula! Sie gehen mit netten, aber emotional ungefährlichen Frauen ins Bett. Mit mir. Und parallel treffen sie dann Frauen im Restaurant oder Theater, die sie wirklich interessieren. Den schnellen, stress- und Druck abbauenden Sex bekommen sie bei mir, die tiefgehenden Gefühle und zukunftsweisenden Gespräche bei ihr.

Das muss aufhören. Und ich weiß auch schon, wie. Als erste Amtshandlung lösche ich alle diese Männer im Handy und bei Facebook. Danach schreibe ich alle Männer an, mit denen ich noch keinen Sex hatte, weil sie mir darüber hinaus zu wenig reizvoll schienen. Und dann mache ich mich auf in die Welt und suche mir einen Mann zum Verlieben.

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Kommentare

  • Jorge

    Ist das jetzt Pro oder Kontra zweigleisig fahren?

    Ich mein, wer würde das nicht eklig finden, wenn sein/e Angehimmelt/er zwischen den Dates ein anderes Geschlechtsteil im Mund hatte?

    Egal welche Geschlechtsfraktion das tut, beide Male ist das reiner Egoismus a la “Ich will grad nicht warten, weil ich ja sonst was verpassen könnte”

    Solche Leute gehören höchstens gebumst und dann nicht mehr zurückgerufen.

  • marie

    als langjährige sehr zufriedene single (mit katastrophalen unterbrüchen) wünsche ich ihnen viel glück. aus erfahrung kann ich ihnen aber sagen, dass es mittlerweile extrem viel angenehmer ist, mit sich selbst sex zu haben, als schlechten mit einem “gschleipf”. aber ich drücke die daumen, dass sie halbwegs anständigen abkriegen.
    liebe grüsse
    marie
    ps: männer zum verlieben trifft man oft, aber ob genau die sich dann in uns verlieben… ist eine andere geschichte, aber das ein andermal wink

  • Sportpapi

    “Sex ist furchtbar leicht zu bekommen.” Ob das der gewöhnliche Single-Mann wohl auch so sieht? Ansonsten verstehe ich die vielen Windungen nicht. Weshalb nicht einfach mit attraktiven Männern Sex haben. Und dann mal schauen, was daraus wird, ohne allzu grosse Erwartungen? Sex verkompliziert die Dinge meiner Meinung nach nicht, kein Sex ist kompliziert. Die Idee, mit “dem richtigen” müsse es zuerst ein paar Dates und tiefe Gespräche lang dauern, halte ich für ziemlich – naja, einfach unnötig.

  • Irene

    Dearest Clara, ihre zwei letzten Sätze sind ein bisschen widersprüchlich, oder? Das Muster brechen super, aber Suchen gehen?? Clara, lassen sie sich finden….smile übersetzt? Seien sie präsent, offen aber mit klaren Linien, das klappt 100 pro!!!! Happy Landing!!!

  • Irene

    Marie, sie müssen meine Schwester sein….smile selbst ist die Frau….חחחחחחח

  • Ronja

    Tja, ich eigentlich auch. Nur leider macht man als Frau immer wieder die Erfahrung, dass eben die Männer das nicht so sehen. Die einen direkt in die Sex-aber-niemals-was-Ernstes Schublade stecken, wenn man ein Mensch ist, der gerne auf seine Instinkte hört und keine Lust hat, Spielchen zu spielen. Warum warten, wenn man zusammen den Moment geniessen könnte? Das bedeutet noch lange nicht, mit jedem ins Bett zu gehen, sondern sich dann gehen lassen können, wenn grade alles passt. Ich glaube, da braucht es ein Umdenken bei beiden Geschlechtern, und ein ehrlicher, offener Umgang mit sexuellem Verlangen, das meiner Meinung nach fälschlicherweise dem emotionalen Verlangen untergeordnet wird. Es ist beides fundamental.

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