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Jubel, Lesben, Tore

In Deutschland beschwört man während der Frauenfussball-WM wieder die Sommermärchen-Atmosphäre. Schön, aber ein paar Anmerkungen hätten wir da noch.

Von Annett Altvater

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Mit der umfassenden Berichterstattung in den deutschen Medien über die Frauenfussball-WM will man offenbar unbedingt beweisen, dass es sich beim Frauenkicken eben nicht um eine Randsportart handelt. Das macht Schweizer Leserinnen und Leser natürlich skeptisch, da die WM den Blattmachern hierzulande gerade einmal ein paar Randnotizen auf den Sportseiten wert ist. Stattdessen: Schwingen, Tennis, Baseball (Baseball?) und Tennis. Was auch daran liegen könnte, dass der Schweizer Frauenfussball lange äusserst stiefmütterlich behandelt wurde. Langsam dämmert es dem Verband, dass 20’000 vereinsmässig fussballspielende Mädchen und Frauen durchaus ein Potenzial darstellen.

Man mag also behaupten, der Hype um den Frauenfussball sei herbeigeschrieben. Schliesslich wenden sich Männer, die sonst gefesselt anderen Männern beim Sport zuschauen, nicht automatisch Sportarten zu, in denen Frauen die Protagonistinnen sind. Ausser, es handelt sich um Beach-Volleyball. Bei einem Besuch in Deutschland in der vergangenen Woche stellte sich aber heraus, dass die befragten Männer tatsächlich nicht nur Interesse simulieren, sondern regelmässig, freiwillig und begeistert zuschauen, wenn die Frauen gegen den Ball treten. Auch die Stadien wurden nicht in der Bluebox mit Zuschauern gefüllt, sondern sind tatsächlich nicht schlecht besucht. Die Sommermärchen-Atmosphäre feiert ein Revival. Doch das Interesse endet an den Landesgrenzen. Grenzenlos ist nur der Spott, der die Spielerinnen trifft.

Die Leistungslücke

Ein oft gehörter Vorwurf: Frauenfussball ist nicht so attraktiv wie Männerfussball. Fehlpässe, mangelhafte Technik, Nervosität und taktische Fehler machen Spiele der Frauen nicht zu ästhetischen Leckerbissen. Das stimmt alles, und doch ist es falsch, so zu denken. Lassen sich denn die Bedingungen der Spielerinnen mit denen ihrer männlichen Kollegen vergleichen? Keineswegs! Gerade einmal Deutschland leistet sich den Luxus eines Torwärterinnen-Trainers. Die meisten Teams kommen ohne aus, weil sie müssen. Die finanziellen Mittel kommen nach wie vor nicht an die der Männermannschaften heran.

Das schlägt sich auch im Training nieder: Männliche Bundesligaspieler sind Profis, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, zu trainieren, gesund zu essen und sich fit zu halten. Die deutsche Nationaltrainerin Silvia Neid sagt über die Trainingsbedingungen ihrer Spielerinnen in der «Zeit»: «Die Nationalspielerinnen sind die Besten, aber sie können in der Liga nicht auf dem gleichen Niveau trainieren wie bei mir. Bei den Männern spielen in der Bundesliga nur Vollprofis. Aber viele, die mit meinen Spielerinnen in den Vereinen auf dem Platz stehen, arbeiten acht Stunden am Tag und gehen vielleicht drei- oder viermal die Woche nach Feierabend zum Training. Dass dadurch eine große Leistungslücke entsteht, ist doch klar.»

So haftet selbst den weiblichen Profis etwas Amateurhaftes an. Diesen Unterschied zu einem Qualitätsmerkmal zu stilisieren und immer wieder die Frauen mit den Männern zu vergleichen, ist dennoch spiessig und unangebracht: In der Leichtathletik und im Tennis wird schliesslich auch akzeptiert, dass Frauen langsamer rennen, weniger hoch springen und mit weniger Wumms auf den Ball schlagen. Belächelt werden die Athletinnen deswegen trotzdem nicht. Dass selbst im Handball nicht mehr Frauen mit Männern verglichen werden, zeigt, dass es weniger um den Sport an sich als vielmehr um dessen Bedeutung für die nationale Identität geht. Fussball wird als traditionell männlich angesehen; diese Auffassung wegzuspielen, ist keine Frage der Spielerinnen, sondern der Generationen.

Künstlich aufgebläht oder einfach nur wie die Männer?

Wenngleich die Qualität in den letzten Jahren zweifelsohne gestiegen ist und einigermassen ebenbürtige Gegnerinnen auf dem Platz stehen, was sich auch in ausgeglichenen Torverhältnissen widerspiegelt, und obwohl die mediale Abdeckung suggeriert, dass Frauenfussball in der Masse angekommen ist – was für den weiblichen Breitensport mit Sicherheit auch gilt – so haftet dem Sport weiterhin der Nimbus eines Randphänomens an. In die seriöse Spielanalyse mischen sich Fragestellungen, die im Männersport keine Rolle spielen:

Da wird gemeckert, das Spiel sei härter geworden. Logisch, die Spielerinnen sind ja auch kräftiger, athletischer und professioneller als noch vor zehn Jahren. Dass Frauen einst vorsichtiger spielten, geht auch auf die Geschichte des Frauenfussballs zurück: In Deutschland war der Sport von 1955 bis 1970 verboten, dann spielten sie nach Regeln, die suggerierten, dass sie besonders schutzbedürftig seien. Dass die Frauen diese Phase mit einem aggressiveren Spiel überwinden, zeigt nur, dass die Frauen den Männern ähnlicher werden.

Da werden die Fehlentscheide der Schiedsrichterinnen aufgekocht, als gäbe es daneben keine erwähnenswerten Ereignisse. Dass eine Schiedsrichterin es übersieht, wenn eine Spielerin den Ball mit beiden Händen fängt und eine andere nicht pfeift, wenn die Spielerin ihre Gegnerin zu Boden stösst, ist skandalös, kommt aber auch bei den Herren vor. Also kein Grund, nur diese Eindrücke von der WM mitzunehmen.

Da wird kritisiert, die WM sei künstlich aufgebläht worden. Wenn «künstlich aufgebläht» bedeutet, dass man versucht, mit den Männern gleichzuziehen, ist das ein Grund zum Jubeln.

Natürlich ist es im Frauenfussball auch der Rede wert, dass die US-Kapitänin Christie Rampone zwei Kinder in die Welt gesetzt hat. Hey, David Beckham bringt es sogar auf drei Söhne plus demnächst ein Babygirl – na und?

«Nicht schlecht für Frauen»

Viele Zuschauer bemängeln, dass die Spielerinnen zu wenig weiblich seien (wahrscheinlich denken sie an stöhnende Tennis-Asse), Lesben womöglich. Lesbische Spielerinnen werden sogar von ihren eigenen Trainerinnen angegriffen, wie das Beispiel der nigerianischen Nationaltrainerin Eucharia Uche zeigt. In den Medien lösten ihre homophoben Äusserungen Entrüstung aus, die Fifa hielt sich vornehm zurück und verzichtete auf eine öffentliche Zurechtweisung. Ja, es stimmt, im Frauenfussball ist die Lesbendichte hoch, wie die ehemalige englische Profispielerin Permi Jhooti bestätigt. Immerhin wird trotz der Probleme nicht so getan, als gäbe es keine Homosexualität, wie es die Männer handhaben. Der offenere Umgang der Frauen mit sexuellen Neigungen ist also durchaus kein Makel, sondern sollte auch den Herren klarmachen, dass sie ihren Männlichkeits- und Heterosexualitätswahn langsam einmotten können.

Ein Fall für Verwunderung ist auch die Jubelkultur der Frauen: Beim Abklatschen der Amerikanerinnen nach einem Goal spielte die Torschützin keine Rolle, und generell jubeln Frauen im Schnitt etwa 30 Sekunden, während die Männer sich 55 Sekunden feiern. Statt die Evolution zu bemühen, schliessen wir uns der These des Sportwissenschaftlers Martin Lames von der TU München an: Er vermutet, dass die Jubeldauer vor allem mit der Fernsehpräsenz zu tun hat. Die Männer feiern sich für die Kamera, die Frauen für sich selbst.

Anlass zu Diskussionen geben zudem die Nacktfotos mancher Spielerinnen für den «Playboy». Das zeigt, dass die Kommerzialisierung auf Stereotypen beruht, die sich gut verkaufen lassen. Die Chauvinisten feixen, die Feministinnen ärger sich. Für die Spielerinnen wird zwar nichts dabei sein, ihren durchtrainierten Körper für die Ewigkeit festhalten zu lassen und dabei gegen das Klischee des Mannweibs anzulächeln. Es ist trotzdem unsinnig, dass sportliche Frauen noch beweisen müssen, attraktiv zu sein, wie Brigitte Sobiech sagt, die an der Pädagogischen Hochschule Freiburg über Körper- und Geschlechterkonstruktionen im Frauenfussball forscht. Und Henryk M. Broder hat leider Recht, wenn er schreibt: «Früher nannte man so etwas Sexismus, heute ist es Marketing.»

Egal, was über Frauenfussball gesagt wird: Die Spielerinnen sind nicht in erster Linie Feministinnen, sondern Sportlerinnen. Und wie für jede andere Athletin ist es eine Errungenschaft, wenn ihre Spiele zur populären Sendezeit im Fernsehen übertragen werden. Von uns aus darf weiter über Qualität und Spielweise gemotzt werden, die Popularität wird das nicht bremsen, jedenfalls nicht im Breitensport.

Nach einem guten Spiel möchte ich nur einen Satz ganz bestimmt nicht mehr hören, den ich in einem Kommentar zum Artikel «Randsportart für immer» (nun ja, freie Meinungsäusserung oder vielleicht hellseherische Fähigkeiten) im Steilpass-Blog fand: «Nicht schlecht für Frauen.»

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