Clack

«Wo spiele ich? Wo bin ich echt?»

Fragt man jemanden nach Stefan Kurt, kommt häufig ein Achselzucken. Zeigt man ein Bild des Schauspielers, so folgt stets ein: Ja klar! Der Berner Wahlberliner spricht über Auftritte in New York, die Zusammenarbeit mit deutschen Stars und produzierte Gefühle.

Von Christian Nill

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In der Reihe «Ein Drink an der Bar mit…» treffen ein Journalist und ein Fotograf regelmässig auf sogenannte VIPs, trinken mit ihnen etwas an einer Bar und plaudern ungezwungen über Gott, die Welt und andere persönliche Dinge. Die Gespräche – samt stimmungsvollen Fotos – sowie weitere spannende Storys werden wöchentlich auf Bar-Storys.ch veröffentlicht.


Herr Kurt, weshalb treffen wir uns gerade hier?

Aus Zufall. Ich erhielt eben den Schweizer Filmpreis. Deshalb sind wir in Luzern geblieben.

Wir?

Meine Agentin Beate Wolgast begleitete mich zur Filmpreisverleihung. Wir schlenderten etwas der wunderbaren Luzerner Seepromenade entlang und blieben hier hängen.

Also im Fünfsternehotel «National» in Luzern.

Genau. Ich mag die alten Hotels gerne, und hier gibt es ja einige davon. Hotelbars mag ich am liebsten.

Wieso?

In einer Hotelbar weiss man, dass es da Leute gibt, die da praktisch leben.

Sie selber leben schon seit langem in Berlin. Wo trifft man Sie dort im Ausgang?

Es fällt mir gerade keine Bar ein. Im Alltag bin ich nicht so der Bargänger.

Sondern Sie bleiben zuhause?

Ja, oder ich koche mit Freunden.

Im Moment trinken Sie einen Capuccino. Das ist ok, es ist ja noch früh. Was trinken Sie an einer Bar, wenn Sie was Richtiges trinken?

Ich trinke wahnsinnig gern Gin Tonic. Oder einen guten Whisky.

Werden Sie…

Ha! Jetzt fällt mir eine Bar ein: Die Lützowbar in Berlin. Ihr Markenzeichen ist der 30 Meter lange Tresen.

Dann können Sie dort noch richtig auf Ihre neuste Auszeichnung anstossen. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Preis als bester Nebendarsteller im Film «Der Verdingbub». Eigentlich eine Frechheit: Stefan Kurt ist doch kein Nebendarsteller!

Das hat mich nicht gestört. Es ist immer schwierig zu sagen, was ist eine Hauptrolle und was eine Nebenrolle.

Bedeuten Ihnen solche Auszeichnungen wie der Schweizer Filmpreis denn etwas?

Ich freue mich, ja. Man darf es aber nicht überbewerten. Natürlich gibt einem so ein Preis Selbstvertrauen. Man denkt, wahrscheinlich wird das goutiert, was man macht. Aber es gibt heutzutage einfach sehr viele Events, wo Preise für fast alles verliehen werden.

Sie gewannen schon eine ganze Reihe Preise. Welcher war der bedeutendste? Der Boy-Gobert-Preis zu Beginn Ihrer Karriere? Den vor Ihnen auch schon Schauspielstars wie Susanne Lothar oder Ulrich Tukur erhielten.

Ja, das war der erste, 1987. Der war natürlich schon…

… ein Treiber Ihrer Karriere?

Ja. Ich weiss noch, wie ich damals im Thalia Theater in Hamburg begann. Zuerst durfte ich nur kleine Rollen spielen und konnte noch gar nicht zeigen, was ich wirklich kann. Nämlich meine ganz eigene Art von Komik. Das kam dann mit der Produktion «Diener zweier Herren».

Unter der Regie des grossen Jürgen Flimm.

Dort konnte ich richtig loslegen. Das war auch Zeit! Und ich habe mich sehr über den Preis gefreut. Natürlich freute ich mich auch sehr über den Grimme-Preis.

Ein sehr renommierter Preis.

Ja, das ist wirklich ein renommierter Preis. Ich erhielt ihn für meine Rolle in «Der Schattenmann». Da freute ich mich ebenfalls sehr.

Sie haben damals, 1996 wars, sogar Stars wie Heiner Lauterbach ausgestochen und die Hauptrolle erhalten.

Ja, ich glaube, das geistert herum.

War es denn nicht so?

Ich weiss nicht, das kann schon sein.

Es hat ja dann nicht nur für schöne Töne gesorgt, dass Sie, damals ein unbekannter Nobody, der deutschen Filmstar-Gilde diese begehrte Hauptrolle weggeschnappt haben.

Ja, das hatte ich schon bemerkt, dass die erst einmal komisch schauten und sich fragten, hallo, welcher Nobody spielt denn jetzt da die Hauptrolle?! Wollen wir doch mal sehen, was der drauf hat.

Bekamen Sie diese Haltung auf dem Set zu spüren?

So direkt nicht. Aber zu Beginn gabs schon eine Zurückhaltung, wo ich gemerkt habe, dass die mich beobachten.

Wurden Sie geschnitten?

Nein, das nicht. Und Heinz Hoenig, der mein Filmpartner war im »Schattenmann«, machte zwar erst ein paar Sprüche, danach wars aber gegessen. Aber ich spürte die skeptischen Blicke, von einem Mario Adorf, auch von Regisseur Dieter Wedel. Niemand wusste, ob es funktioniert…

... mit einem unbekannten Theaterschauspieler die Hauptrolle für diesen fünfteiligen TV-Thriller zu besetzen.

Ja. Ich wurde zwar mehrmals gecastet, auch von Wedel selbst. Dennoch, es war ein Wagnis. Immerhin hatten wir 110 Drehtage – eine lange Strecke. Da ist es normal, dass sich die Leute fragen, hält der das durch oder klappt er nach einer Woche zusammen.

Sie gaben kürzlich mit der Dreigroschenoper ein Gastspiel in New York. Wie war das?

Es war das dritte oder vierte Mal, dass ich in New York Theater gespielt habe. Immer mit Wilson-Produktionen, immer in der Brooklyn Academy of Music. Ein wunderbares Theater. Das ist jedes Mal ein Höhepunkt, in dieser Stadt Theater zu spielen. Sehr eindrücklich!

Spielen Sie da auf Deutsch?

Ja, mit englischen Übertiteln.

Wie haben die New Yorker reagiert?

They loved it! It was talk of the town. Die Tickets waren ganz schnell ausverkauft. Es gab eine riesige Kritik in der «New York Times».

Mit Ihnen gross im Bild.

Ja, dizzying. Der New Yorker Oberkritiker schrieb in seiner Hymne, er wisse nun, wie es im Berlin der 1920er-Jahre getönt habe: Eben nicht so schön wie all die Musical-Sänger singen, die man in New York zur Genüge kenne, sondern es habe gekrächzt, die Stimmen seien nicht schön gewesen, sondern grob, wild und archaisch.

Und das war als Kompliment gemeint? Das tut dem Ego auf jeden Fall gut, oder?

Klar, auf jeden Fall. Also so abgeklärt bin ich nicht. In so einem Moment mach ich mir auch ein wenig in die Hosen. Das ist schon ein anderes Gefühl, als im Mutterhaus zu spielen. Auch bei Gastspielen in Paris oder anderen grossen Städten. Man merkt, dass dort ein sehr kulturinteressiertes Publikum ist. Und auch ein sehr kritisches.

Haben Sie etwas an der Produktion geändert für New York?

Nein, es war die Aufführung, wie wir sie auch in Berlin spielen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass wir übertitelt sind. Aber das merken wir ja nicht beim Spielen.

Theater in Zeiten der Virtualität – ist das mehr als ein anachronistischer Zeitvertreib für die immer gleichen Kulturschaffenden? Wo sehen Sie die Berechtigung von Theater?

Ich möchte nicht von Berechtigung sprechen, sondern lieber davon, was mich interessiert. Das habe ich auch bei der  Verleihung des Schweizer Filmpreises wieder gemerkt. In unserer digitalisierten Welt ist es etwas anderes, wenn 40 Musiker auf der Bühne sitzen und Musik machen, als wenn die Musik ab Band kommt. Man spürt die Energie. Das macht den Reiz des Theaters aus. Dieses Live-Moment kann nicht technisch hergestellt werden. Weder durch Twitter oder Facebook noch durch ein Livestreaming. Es ist etwas Besonderes, einen Menschen auf der Bühne zu beobachten. Das hat etwas von einem Ritual. Als ob man zur Kirche ginge. Man geht bewusst aus dem Haus und besucht eine künstlerische Darbietung. Man erlebt etwas gemeinsam mit anderen Menschen, nicht allein. Vielleicht ist es naiv oder kindlich. Aber ich finde, es gehört zum Menschsein dazu. Gegen Computer und diese Dinge habe ich nichts. Das sind wunderbare Entwicklungen und Möglichkeiten. Den Faktor Mensch können sie aber nicht ersetzen.

Nutzen Sie denn die digitalen Möglichkeiten auch?

Auf jeden Fall! Ich kreiere Bilder, digitale Bilder. Ich nenne diese Bilder Fotographik: Ich fotografiere verschiedene Sujets, mische sie im Computer zusammen und gestalte sie neu (zu den Fotografik-Bilder von Stefan Kurt samt persönlichem Kommentar).

Sie haben bei einem Projekt mitgemacht, bei dem Schauspieler in ein MRI gesteckt wurden. Während Sie darin Texte zitiert haben, wurde eine Gehirntomographie gemacht, um die von den Schauspielern produzierten Gefühle aufzuzeichnen.

Es ging um einen Test, den Hennric Jokeit und Thomas Grunwald vom Schweizerischen Epilepsie-Zentrum entwickelt haben. Es wurden Schauspieler gewählt, weil wir, so sagt man, auf Kommando Gefühle herstellen können. Die Wissenschaftler wollten sehen, wo diese Gefühle lokalisiert sind. Das hat mich fasziniert. Ich wollte unbedingt einen Querschnitt von meinem Gehirn.

Sie lagen als in dieser Röhre und haben Texte rezitiert?

Ja, es war anstrengend. Es war sehr laut in der Röhre, man durfte sich nicht bewegen und dann musste man jeweils 20 Sekunden lang einen Text in Gedanken durchgehen. Einmal mussten wir ihn «spielen», einmal ohne Emotionen aufsagen und einmal nur Zahlen aufzählen. Immer wieder von vorne. Man könnte Platzangst kriegen in dieser Röhre. Aber es war lustig.

Die Messung ergab schliesslich, dass Schauspieler tatsächlich in der Lage sind, im Gehirn visuell erkennbare Emotionen zu produzieren.

Herr Jokeit war begeistert! Wir trafen uns kürzlich, und er gab mir die Aufnahmen meines Gehirns. Interessant ist, wie die Sichtbarkeit überhaupt entsteht: Das MRI zeichnet auf, welche Regionen im Hirn während einer gewissen Zeitspanne besonders stark durchblutet sind. Und weil Blut Eisen enthält, entstehen gewissermassen Magnetfelder, die das MRI aufzeichnen kann. Hennric Jokeit konnte mir anhand meiner Aufzeichnungen sagen, dass ich gut antizipieren und Leute imitieren könne, weil diese Regionen besonders aktiv waren. Oder wo meine Text-Festplatte sitzt in meinem Kopf. Oder dass ich sehr beweglich bin, fast tänzerische Fähigkeiten habe.

Was ja zutrifft. Was macht Professor Jokeit mit den Daten?

Die Daten sollen in der Epilepsieforschung eingesetzt werden, um epileptische Erkrankungen präziser lokalisieren zu können.

Hat Ihre Fähigkeit, Emotionen produzieren zu können, einen Einfluss auf Ihr Leben?

Nein. Natürlich gibt es 1000 Theorien darüber. Ich bin ein Schauspieler, der von aussen nach innen arbeitet.

Also über eine aufgesetzte äussere Form ein inneres, «echtes» Gefühl entwickelt.

Ja. Zum Beispiel, wenn ich weinen soll: Da beginne ich damit, es zuerst technisch und äusserlich herzustellen, schluchze und jammere, bis es echt wird. Es gibt Tagesformen, wo es sich zu einem echten Gefühl entwickeln kann. Und es kann Tage geben, wo es nicht gelingt. Wenn man dann dummerweise am Filmen ist, versucht man zu kaschieren, dass es nicht gelingt und man die Emotion rein äusserlich behauptet.

Es gibt Menschen, die sagen, einem Schauspieler könne man nicht trauen, vor allem nicht in Liebesangelegenheiten. Was antworten Sie?

Um jemandem etwas vorzuspielen, muss man kein Schauspieler sein. Bestimmt hat schon jeder einmal in seinem Leben eine Rolle gespielt. Da muss man sich selbst an der Nase nehmen und sich immer wieder fragen: Wo spiele ich und wo bin ich echt?

Stefan Kurt, geboren am 22. 10. 1959 in Bern. Ausbildung am Konservatorium für Musik und Theater, Bern. Erstes grosses Engagement am Thalia Theater Hamburg unter Jürgen Flimm. Es folgen zahlreiche Theaterengagements an den grossen Häusern (Berliner Ensemble, Staatsoper Berlin, Volksbühne Berlin, Schauspielhaus Zürich u.a.), darunter diverse Projekte mit dem amerikanischen Starregisseur Robert Wilson.

Sein TV-Debüt gab Kurt 1993. Neben der Schauspielerei ist er auch musikalisch tätig, sammelt Geräusche und kreiert digitale Bilderkunst mit eigenen Fotografien.

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Christian Nill

Initiant von Bar-Storys.ch, Journalist und Inhaber der Agentur Storyline – Die Content-Redaktion. Er zeichnet für den gesamten Content auf Bar-Storys.ch verantwortlich, schreibt, redigiert und organisiert.