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Integration in Deutschland

Die Teilzeitprinzessin hat ihr Heimweh überwunden und sich in München integriert. Oder hat sie München verändert? Ihre deutschen Freundinnen schauen schon TV-Trash in Schweizerdeutsch.

Von Meret Steiger

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Drei Monate, tausend Eindrücke: Es ist Halbzeit in meinem München-Abenteuer. Ich lebe nun seit drei Monaten alleine und in einer fremden Stadt. In dieser Zeit war nicht immer alles so wunderbar, wie es jetzt gerade wieder ist. Man fängt im Laufe der Zeit an, die unterschiedlichsten – und zugegeben manchmal absurdesten – Dinge zu vermissen.

In der ersten Woche war noch alles gut. In der ersten Woche war ich ja auch dermassen nervös, dass ich kaum verarbeiten konnte, was so alles passiert. Ich habe da sehr schnell Freunde gefunden, bei der Arbeit war alles aufregend und neu und in meiner eigenen Wohnung feierte ich die Unabhängigkeit (bzw., die Tatsache, dass ich mein Tüechli nach dem Duschen einfach auf den Boden schmeissen kann und es niemand daran rummeckert), die die „erste“ eigene Wohnung halt so mit sich bringt. Ich fand es wunderbar, niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen und gammelte nach Herzenslust herum. Oder ging shoppen, ohne das nagende schlechte Gewissen, dass sich normalerweise in Form von Mamas Stimme («Kind, das kannst du dir noch gar nicht alles leisten.») äussert.

Danach wurde es für einige Wochen schwieriger. Auch wenn mir viele Aufgaben bei der Arbeit Spass gemacht haben, so fühlte ich mich zu Beginn wie damals in der Lehre. Dieses ständige Fragen nach neuen Arbeiten oder das Korrigieren lassen derselbigen – ich hatte schlicht vergessen, wie das ist, wenn man nicht einfach selbstständig seine Aufgaben erledigen kann. Das Dilemma kennt jeder Stift oder jeder, der vor neuen Herausforderungen steht: Man will alles möglichst richtig machen, will aber den anderen auch nicht ständig mit irgendwelchen Fragen auf den Sack gehen. Wen wundert’s, dass ich plötzlich schreckliche Angst hatte, einen Fehler gemacht zu haben: Ich hatte immerhin eine Festanstellung für ein Praktikum aufgegeben.

Dazu kam dann auch noch wirklich furchtbares Heimweh. Ich war noch nie länger als ein bis zwei Wochen von meiner Familie getrennt, und auch wenn ich – ungelogen – jeden Tag mit meinen Eltern telefoniere, fehlt mir der Austausch mit ihnen ganz furchtbar. An schlechten Tagen hilft es nun mal mehr, wenn Mama einem umarmt, als wenn sie «Allet wird guuuud» am Telefon sagt. Oder als ich mein Auto kaputt gefahren habe (bzw. irgend ein Penner mein Auto kaputtgefahren hat) und ich dringend die Hilfe von Papa gebraucht hätte. Nennt mich Kleinkind, aber mir fehlen die Familienumarmungen und das Gefühl, dass jemand zuhause ist, dem ich mich im zweifelsfall heulend in die Arme werfen könnte.

Auch die vermeintliche Unabhängigkeit in der Wohnung äusserte sich nach rund drei bis vier Wochen nur noch in Chaos und Mangelernährung – was gäbe ich nicht für eine warme (und geniessbare!) Mahlzeit. Ich kann nämlich nicht kochen und schaffe es sogar, ein Tiefkühl-Knoblibrot zu ruinieren. Von meinen Aufräum-Gewohnheiten will ich eigentlich gar nicht erst anfangen, nur so viel: Das Tüechli, dass ich auf den Boden geschmissen habe, wird wohl demnächst selbstständig die Flucht ergreifen.

Inzwischen hat sich die Situation beruhigt und ich bin sowas Ähnliches wie angekommen. Ich weiss mittlerweile, wann Bayern dahoam spielt und ich nicht mal versuchen muss, mit der U-Bahn nach Hause zu kommen. Ich weiss, wo ich schnell ein Taxi bekomme und in welcher Bar der beste Drink der Stadt gemixt wird. Ich habe ein deutsches Konto, eine deutsche Krankenkasse und ausserdem rausgefunden, warum mein Staubsauger nicht saugt und was es mit den Waschmarken auf sich hat, die man nur dienstags zwischen 17.30 Uhr und 18.30 Uhr kaufen kann. Kochen kann ich zwar immer noch nicht, aber ich habe jetzt kochende Freunde.

Ich kann auch schon wesentlich selbstständiger arbeiten, und auch wenn PR nicht meine Lieblings-Schreibart ist, so ist es doch eine Textsorte, und ich lerne sie hier – was mir schreibtechnisch gesehen auf jeden Fall etwas bringt. Ich werde auch in anderen Bereichen selbstständiger (Ich bin ganz alleine zum Flughafen gefahren UND GEFLOGEN!) und schaffe es mittlerweile auch, dass meine Wohnung nicht mehr aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich wollte mir sogar einen eigenen Adventskranz basteln, bis ich merkte, dass es im Englischen Garten nur Laubbäume hat – jetzt hat mich der Kranz 13.99 Euro gekostet, aber ich fühle mich als neue Dekoqueen.

Ich habe mich tatsächlich eingelebt und vermisse inzwischen ganz andere Dinge. Als allererstes: Die Sprache. Mir fehlen unsere wunderbaren Dialekte, sogar die der Ostschweizer! Nach drei Monaten Hochdeutsch empfinde ich selbst Züridütsch als ausgesprochen lieblich. Als nächstes: Die Alpen. Ich vermisse es so sehr, auf dem Weg ins Büro auf der gegenüberliegenden Seeseite Vrenelis Gärtli zu suchen. Mag sein, dass sich viele Menschen von Bergmassiven erdrückt fühlen – ich fühle mich davon beschützt. Nicht zuletzt finde ich es schade, dass ich das Public Vujowing zum Bachelor verpasse. Aber zum Glück habe ich Annette und Vicky, meine deutschen Freundinnen: Die geben sich den Schrott auf Schwiizerdütsch nämlich mit mir im Mini-Public-Viewing.

Meret Steiger, 22, Autorin, ist sowohl Mädchen als auch neugieriger Mensch und arbeitet zur Zeit in einer Praktikumsstelle bei Pro7/Sat1 in München. Wenn sie nicht gerade in der Badewanne sitzt, ihre Schuhe zählt oder George Clooney anhimmelt, richtet sie ihren scharfen Blick und ihren Sinn für Humor auf die kleinen Alltäglichkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss.

Teilzeitprinzessin


Kommentare

  • Reto B.

    Irgendwie ist es ja tragisch, wie viele Leute mit 18 überhaupt nicht fähig sind, auf eigenen Beinen zu stehen. Haushalt, Finanzen, Politik und so weiter nicht im mindesten im Griff, Hauptlebensinhalt sind Shopping, Party und Vujo?

  • Meret

    Lieber Reto: Ich bezahle seit meiner Lehre (mittlerweile mehr als 6 Jahre) meine Rechnungen, Steuern und so weiter selbst. Finanzen wären damit abgehakt. Ich gehe IMMER abstimmen und interessiere mich für Politik, seit ich aber journalistisch unterwegs bin äussere ich mich nur noch selten öffentlich zu meinem politischen Standpunkt.

    Den Haushalt lässt man als junger Mensch gerne Mal schleifen, besonders wenn man zum ersten Mal alleine dafür verantwortlich ist. Ich finde ein Mü Verständnis wäre da durchaus angebracht. Wenn man den Text fertig liest merkt man ja auch, dass ich es dann doch in den Griff bekommen habe.

    Party ist abgesehen davon nicht so mein Ding, aber hey, das kannst du ja nicht wissen. Hauptsache man hat mal hübsch pauschalisiert.

    Vujo und alle anderen Trash-Formate liebe ich, besonders nachdem ich mich den ganzen Tag mit Fakten herumgeschlagen habe. Nennen wir es meinetwegen Sozialstudie, gepaart mit kollektivem Fremdschämen. Und mir liegt es völlig fern, mich für meine Trash-Leidenschaft zu schämen.

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