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Der Chic auf zwei Rädern

Frauen fahren auf dem Velo den Männern davon. Und verwandeln dabei den Fahrradstreifen in einen aufregenden Catwalk.

Von Marie Dové

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Der Mann mag das Rad erfunden haben, das Fahrrad sowieso (Karl Freiherr von Drais) – deshalb aber zu glauben, Velofahren sei in erster Linie Männersache, dies wär ein grosser Irrtum. Das Umgekehrte ist der Fall: Es sind die Frauen, die mittlerweile dem anderen Geschlecht um die Ohren fahren. Unter der Woche, so Zahlen von Velo-Suisse, legen Frauen auf dem Zweirad die doppelte Distanz der Männer zurück. Und in einem Jahr überwinden rund 300’000 Schweizerinnen zusammengezählt um die 600 Millionen Kilometer – eine ganz erstaunliche Distanz.

Ob in der Stadt, in der Agglo oder auf dem Land: Frauen benützen das Velo im Alltag öfters als Männer. Einer der Gründe: Viel mehr Frauen als Männer splitten ihren Alltag in Teilzeitarbeit und Haushaltführung und legen mehrmals pro Tag Kurzstrecken für Arbeitsweg oder Einkauf per Velo zurück. Man muss nicht so weit gehen wie das österreichische Magazin «anschläge», das in einer Sondernummer behauptet, Fahrradfahren sei an sich schon feministisch. Aber wenn es heute so etwas wie ein weibliches Verkehrsmittel gibt: dann das Fahrrad. Übrigens: 52 Prozent aller neuer Velos werden von Frauen gekauft.

Frau und Velo – eine  Liebesgeschichte

Doch man darf sich die Beziehung der Frau zum Fahrrad keinesfalls als bloss nüchtern zweckgerichtet vorstellen. Im Gegenteil: Velofahren wird für immer mehr Frauen zum Statement des eigenen Stils, zum Ausdruck des persönlichen Geschmacks. Das Verhältnis der Frau zum Zweirad ist heute oftmals so leidenschaftlich wie dasjenige zur Mode.

Der deutsche Fotograf Horst Friedrichs bringt diese hoch emotionale und in der Regel hoch ästhetische Verbindung in seinem Fotoband «Cycle Style» bildstark auf den Punkt: Das lange als biederes Ökogefährt verpönte Rad gilt heute vor allem jungen Frauen als eigentliches Modeaccessoire, das mit gleichviel Sorgfalt und Gestaltungswillen gewählt, kombiniert und vorgeführt wird wie die It-Bag von Fendi.

Im ultra kurzen Blümchenkleid auf der Überholspur

In den europäischen Trendstädten London, Berlin, Amsterdam, aber auch Zürich verwandelt sich die Velospur durchaus zu einer Art Laufsteg. Friedrichs zeigt in «Cycle Style» wie in London Kostümträgerinnen in High Heels vor der Fahrradampel geduldig auf Grün warten oder Rennradfahrerinnen im ultrakurzen Blümchenkleid auf die Überholspur wechseln. (Lesen Sie auch: «Die Mini-Rock-Lüge».) Weibliches Velofahren im urbanen Raum wird hier zum Paradieren, wofür die Frauen Technik und Garderobe gleichermassen akkurat wählen.

Der Trend wird derzeit unter dem Schlagwort «Cycle Chic» auf den Punkt gebracht und im Web durch unzählige Blogs dokumentiert. Der dänische Fotograf Mikael Colville-Andersen war mit seinem Blog «Copenhagen Cyclechic» einer der ersten, der den modischen Auftritt städtischer Velofahrerinnen richtig zu würdigen wusste. Sein Blog gilt als einer der 10 besten Modeblogs überhaupt und Colville-Andersen selbst wird «The Sartolialist on two Heels» («The Guardian») genannt; die besten seiner Bilder sind nun in einem diesen Mai erschienenen Fotoband vereint. Auf «Copenhagen Cyclechic» sind nicht nur sehr stylishe Frauen auf ihren High-Tech-, Classic- oder One-Speed-Bikes zu sehen. Vielmehr erhalten modebegeisterte Cyclistinnen auch vielerlei Tipps, etwa welche Röcke auf welchen Fahrradmodellen sich ganz besonders gut machen.

Die Fixie-Girls aus Taiwan

Dass die Beziehung der Frau zum muskelbetrieben Zweirad zur eigentlichen Liebesgeschichte geworden ist, in der das Velo nicht nur eine Person, sondern auch deren Stil, Haltung und Weltsicht transportiert, zeigt auf unzähligen weiteren Blogs – nachfolgend nur eine Auswahl der spannendsten.

  • Bike Fancy: Fotografin Martha Williams aus Chicago zeigt coole Frauen und ihre Fahrräder – und lässt sie in Interviews auch zu Wort kommen. Suchanfragen auf der Seite lassen sich sogar nach Fahrradtypen sortieren.
  • Vienna Cyclechic: Streetstyle Blog mit den bestgekleideten Wiener Velofahrerinnen.
  • Fixed Gear Girl Taiwan: Coole Mädchen aus Taiwan, die der ganzen Welt zeigen, wie toll sie Fixies finden.
  • Fixiegirls.com: Ihre Schwestern im Geisten und Pedalen aus den USA.

Es gab einmal diesen etwas sonderbaren Spruch «Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad», der mit dem Vorurteil aufräumen sollte, eine Frau ohne Mann sei nur ein halber Mensch. Heute müsste es wohl anders heissen: Eine Frau ohne Fahrrad ist wie ein Fisch ohne Wasser. Und Männer brauchts zum Velofahren ohnehin nicht.

Buchtipps
  • Horst A. Friedrichs: «Cicle Style». Prestel, 2012.
  • Mikael Colville-Andersen: «Cicle Chic». Prestel, 2012.
  • David Byrne: «Bicycle Diaries. Ein Fahrrad, neun Metropolen». S. Fischer Verlag, 2011.
Mode Trend Velo


Kommentare

  • Sandra Berner

    Toller Artikel! Bringt die Sache auf den Punkt. Was man auch erwähnen könnte: Mittlerweile greifen die Frauen ja auch zum Schraubenschlüssel. Es gibt ja auch in der Schweiz eine echte Fixie-Szene, in der die Frauen nicht nur rumstehen und zugucken, sondern das Gerät selber in die Hand nehmen.

  • Susanne

    Ich fuhr Jahre lang nicht mehr Rad. Bis ich vom Seeland in die Stadt Zürich zog. Hier entdeckte ich das Pedalen wieder. Velofahren ist eine Art der Wirklichkeitszuwendung, insofern mehr als ein modisches Statement. Aber: Velofahren ist natürlich auch etwas Erotisches, jetzt im Sommer. Auch darüber könnte man schreiben…

  • Paul

    Vielen Dank für die Verlinkung!

    Grüsse aus Wien

  • Francesco F.

    Das ist keine Zigaette (inder Badewanne)…. grin

  • Max

    Es ist ein Skandal! Jetzt fahren sie schon Fahrrad! Was kommt wohl als nächstes? …merkt ihr eigentlich, was für eine sexistisches Frauenbild ihr da zementiert?

  • Moritz

    Als nächstes stehen die Frauen doch tatsächlich noch in der Küche!

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