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«Ich wollte nicht den Helden spielen»

Am liebsten malt er Frauen. Seit er im Libanon lebt, haben seine Sujets grössere Brüste und dickere Lippen. Tarek Butayhi ist ein syrischer Künstler. Und ein leiser Zeuge.

Von Lucienne Vaudan

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Mehr als 2,6 Millionen Menschen hat der syrische Bürgerkrieg, der seit zweieinhalb Jahren wütet, aus dem Land vertrieben. Schätzungsweise fast eine Million von ihnen sind in das kleine Nachbarsland Libanon geflüchtet, das selbst nur vier Millionen Einwohner zählt. Zahlen die gross klingen, uns aber wenig sagen. Eine anonyme Menschenmasse. Es sind Familien, die ein paar Kleider in einige Koffer stopften und im alten Mercedes über die Grenze fuhren, es sind Verletzte, die in libanesischen Spitälern zusammengeflickt werden, es sind Studenten, Frisörinnen, Bankangestellte, Krebsforscher. In Beirut hat jeder einzelne ein Gesicht. Und eine Geschichte. Eine davon ist diejenige des Kunstmalers Tarek Butayhi.

Tarek malt Frauen. Ausschliesslich. Sie faszinieren ihn einfach. Er hält sie in ihrer Alltäglichkeit fest. Er malt sie in Unterhosen, wie sie ein Buch lesen, auf dem Bett sitzen. Dazu sucht er sich Modelle aus, die er mit seinem schüchternen Blick genauestens studiert. Er beobachtet die Bewegungen einer Frau, wie sie sich anzieht, wie sich ihre Augen zusammenkneifen wenn sie lacht. Aus den Bleistiftskizzen entstehen später mit grosszügigen Pinselstrichen abstrakte Bildnisse. Seine Kunstwerke verkaufen sich gut an seinen Ausstellungen in Beirut oder Kuweit. Auch in Syrien hingen seine Bilder früher in Kunstgalerien.

 

«Ich wollte nicht den Helden spielen»

Im Leben des 31-jährigen Künstlers aus Damaskus war kein Platz für Tragik. Auch nicht für Politik. Als die Syrer begannen zu demonstrieren machte er trotzdem mit. «Anteilnahme am politischen Geschehen, eine Auseinandersetzung mit den Mächtigen – das gab es in Syrien gar nicht. Wir haben gearbeitet, studiert und gelebt nach den Regeln, die andere für uns gemacht haben.» Das schien ihm nicht richtig. «Ich wollte aber nicht den Helden spielen, der ich nicht bin. Als die Auseinandersetzungen gewalttätig wurden, ging ich nicht mehr auf die Strasse.»

Tarek wollte Damaskus trotzdem nicht verlassen. «Wenn wir alle weggehen, wer ist dann da, um zu bezeugen, was vor sich geht?» Noch mehr als die bewaffneten Rebellen fürchte das Regime die Zivilisten, ist er überzeugt.

Als sein Elternhaus und sein Atelier bei einem Angriff ausbrannten, fiel auch die Bescheinigung, die ihn vom Militärdienst in Bashar al-Assads Armee freistellte, den Flammen zum Opfer. «Die nehmen jeden, den sie kriegen können. Ohne diese Papiere hätte ich einrücken müssen. Und entweder du machst mit oder du bist ihr Feind.» Also musste er doch flüchten.

 

Mehr Schönheits-OPs im Libanon

Seit Tarek in Beirut lebt, haben die Frauen in seinen Bildern grössere Brüste und dickere Lippen bekommen. Das kommt nicht von Ungefähr: Libanesinnen haben einen ausgesprochenen Hang zur ästhetischen Chirurgie. «Es sind schöne Frauen, Frauen die sich gerne präsentieren, die ihren Körper lieben, ihn aber gleichzeitig mit chirurgischen Eingriffen vergewaltigen. Ich möchte das nicht werten, ich stelle es einfach fest.»

Tarek ist kein Mann der grossen Worte. Und der lauten schon gar nicht. Der Krieg in Syrien hat aber auch Tareks Bilder erreicht, sie sind gewalttätiger geworden. Die Bilder zeigen Köpfe, aus denen Blut fliesst, Mütter mit verstümmelten Kindern in ihrem Armen, junge Frauen in engen Jeans mit Soldatenhelm. Auf einem Bild ist eine verschleierte Frau zu sehen, die vom Bauchnabel abwärts entblösst ist. Es entstand, nachdem eine Vergewaltigungsserie in einem Dorf bekannt wurde. «Ich sehe es als meine Pflicht, das was in meinem Land passiert, festzuhalten. Ich möchte den Krieg dokumentieren. Gleichzeitig möchte ich niemandem meinen Blickwinkel aufzwingen. Auch nicht, wenn ich Szenen aus dem Krieg male. Der expressionistische Stil hilft mir dabei. Er erlaubt jedem Betrachter einen eigenen Zugang.»

Angesprochen darauf wie es in Syrien eines Tages sein wird, sagt er: «In den westlichen Medien spricht man immer von den Jihadisten die in Syrien die Überhand nehmen. Aber die Syrer sind keine Fundamentalisten. Es sind sanftmütige Menschen. Wir werden ihnen nicht unser Land überlassen.»


Lucienne Vaudan

Lucienne kümmert sich um Texte, Konzepte und Medienstrategien – da ist sie auch gut vernetzt: Nach ihrem Studium der Kommunikations- und Literaturwissenschaften hat sie als Journalistin gearbeitet: Online, Zeitung, TV, Radio, alles kein Neuland. Sie ist genauso Newsroom- wie Felderprobt. Nach einem längeren Aufenthalt im nahen Osten hat sie einen weiteren Bachelor in International Affairs an der HSG in Angriff genommen. Für die UZH ist sie nebenberuflich in der Startup-Förderung tätig.