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«Ich bringe mich um» –  «Gratuliere!»

Felix will sich umbringen und alle sind begeistert, so der Plot des Stückes. Daniela Dambach stürmt die Bühne des Berner Matte Theaters, um den Lebensmüden wachzurütteln …

Von Daniela Dambach

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Ich kräusele die Nase, um sicherzugehen, dass ich mir den Mief nur einbilde, so authentisch antiquiert ist das Bühnenbild gestaltet. Die schweren, milbendurchdrungenen Perserteppiche sind wohl das Lebendigste in der Beziehung von Felix und Lisi, den Protagonisten des süss-sauren Mundartstückes «Am Sonntag ist Schluss» von Autor Matto Kämpf.

Felix‘ grau verschleiertes Top und die ausgebeulte Trainerhose haben sich über die Jahre seiner Geisteshaltung angepasst: Durchhängend. Als popelndes Phlegma fletscht er die die Zähne vor einer Welt, die ihm ums Verrecken nichts bietet, während seine Seele als rote Flagge in einer Windstillen Atmosphäre hängt. «Fordere mich, Welt!», keift der Gefangene seiner eigenen Lethargie mit (ab)schäumendem Mund seine Frau an.

Eifrig, als möchte sie mit den spitzen Nadeln ihre Spiessigkeit – oder gar ihren Gatten – erstrechen, strickt diese weiter. Wie bei vielen langjährigen Paaren verbindet Lisi und Felix vor allem eines: Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Während sie die Stricknadeln wetzt, kultiviert er seinen Stumpfsinn mit Dünger, gebraut aus Malz und Gerste. Im Zischen steht er der sich öffnenden Bierdose in nichts nach.

Vor lauter tödlicher Langeweile möchte er sein Leben verkürzen: Er will sich umbringen – am Sonntag. Selbstmord als würzige Protestaktion gegen das fade Dasein? Nun: Seine Frau ist begeistert, berauscht vom tot geglaubten Tatendrang ihres Gatten. Doch nicht nur sie, das ganze Dorf erquickt in Euphorie über das bevorstehende Ereignis: Sie begrüssen Felix‘ Suizid als ersehnte Abwechslung und Spielwiese für ihre Selbstsucht.

Jeder Einzelne versucht, einen Vorteil aus dem angekündigten Selbstmord zu ziehen. Sei es Lisi, die in Gedanken die Witwenrente für schicke Möbel verpulvert, oder der Pfarrer, der darin ein Exempel für die gottlose Welt statuiert sieht. Ein HD-Spiegel der pomadigen Gesellschaft, die wartet bis sich die Erde bewegt, ohne selbst den lauen Sessel zu verlassen. 

Sind wir nicht alle ein bisschen Felix? Ich kenne jedenfalls so einige. Einer wohnt zeitweise in mir. Das merke ich gerade sonntags, wenn meine Trägheit mich nicht weiter als bis über den Bettrand blicken lässt. «Ich würde ja in den sauren Apfel beissen und etwas ändern, aber der Apfel muss schon zu mir kommen», feixt dann dieser innere Schweinehund, nennen wir ihn doch Felix.

Für das Verhalten, Dinge immer wieder zu vertagen, statt sie in Angriff zu nehmen, gibt es ein modisches Wort: Prokrastination. Das klingt doch wertiger als Faulheit. In Wahrheit ist es wie bei Managertiteln: Die klingen wichtig, vor allem weil keiner versteht, was CEO, CCO oder HUHUHU eigentlich bedeutet. 

Gegen die «Aufschieberitis» ist kein Kraut gewachsen, aber ein Geschäftszweig. Eine US-Firma will ab April 2015 Antriebslosen mit einem Elektroschock-Armband auf die Sprünge helfen. Mit 340 Volt erinnert es Felixe und andere Faultiere an deren Versäumnisse. Wäsche liegen lassen? Peng! Steuererklärung aufgeschoben? Peng! Nicht mit Stromschlägen, dafür mit Bussen bestraft das Start-up «Go Fucking Do It» die Aufschieberei. Wer sein Vorhaben bis zum definierten Zeitpunkt nicht umsetzt, zahlt – Betrag nach oben offen. Felix aus dem Theaterstück hätte dort wohl eingetragen «Leben jetzt!». 

Es braucht weder ein elektrisierendes Armband und noch einen Geldeinsatz: Vielmehr gilt es, den inneren Schweinehund zu metzgen, um dem Leben ein neues Gesicht zu verleihen (und damit ist nicht jene Weise gemeint, die Frau Renée Z. gewählt hat).

Die Geschichte «Am Sonntag ist Schluss» sendet ein Signal, wattiert in zuckriger Satire: Nutzen wir die Zeit, die wir haben, um mehr Leidenschaftliches zu tun. Zum Beispiel am Sonntag.

«Worauf wartest du? Du wolltest doch schon lange Tagebuch schreiben, Achterbahn fahren, mit einem Pferd am Strand entlang galoppieren!» kreische ich, während ich die Bühne stürme und meine Hände um Felix’ Hals lege …

… in Gedanken. Ich stelle mir vor, wie ich Felix endlich abmurkse, meinen inneren Schweinehund.

PS: Statt mal aktiv zu werden und sich umzubringen hat Protagonist Felix es vorgezogen,  abzuwarten und Bier zu trinken. Eher wachsen seinem versifften Sofa Flügel als ihm.

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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Kommentare

  • Lichtblau

    Witzig geschrieben – und wahr. Meinen inneren Felix lebe ich zwar nur im Privatleben aus (im Job gelte ich als sehr effizient), dann aber richtig. Wussten Sie, dass zur Prokrastination auch die sogenannte “Briefwegbringschwäche” gehört? Da liegt der Umschlag, aber der seit 100 Jahren vor der Haustür etablierte Briefkasten wurde wegrationalisiert. Allerdings schon vor Monaten. Und die Postfiliale hat kundenfeindliche Öffnungszeiten.
    “Go fucking do it” als dezentes Tattoo auf dem Unterarm: Gute Idee für den Wunschzettel zu Weihnachten.

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