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«Ich bin nicht jemand, der bezirzen will»

Nadja Schildknecht hat 2005 mit Geschäftspartner Karl Spoerri das Zurich Film Festival gegründet. Sieben Jahre später ist das Festival ein Erfolg – mit internationaler Ausstrahlung. Ein Gespräch über Oberflächen, Hintergründe und Charme.

Von Christian Nill

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In der Reihe «Ein Drink an der Bar mit…» treffen Christian Nill und der Fotograf Mischa Scherrer regelmässig auf VIPs oder interessante Persönlichkeiten, trinken mit ihnen etwas an einer Bar und plaudern ungezwungen über Gott, die Welt und andere persönliche Dinge. Die Gespräche – samt stimmungsvollen Fotos – sowie weitere spannende Storys werden regelmässig auf Bar-Storys.ch veröffentlicht.


 

Frau Schildknecht, weshalb treffen wir uns hier in der Goethe-Bar?

Sie liegt im Herzen von Zürich, direkt neben dem Sechseläutenplatz, wo auch das Zentrum des Zurich Film Festival (ZFF) ist. Die Goethe-Bar gehört zu den vielen Lokalen, mit denen wir eine Kooperation haben. Ausserdem mag ich diese Bar.

Wird die Bar während des Festivals abgesperrt?

(lacht) Nein, das ZFF ist generell für alle offen und wir freuen uns über jeden Besucher. Da wird nichts abgesperrt. Ausser, wenn sehr prominente Persönlichkeiten zu Gast sind, braucht es mal einen separaten Bereich.

Was trinken Sie?

Einen Orangensaft. Es ist ja noch früh.

Und wenn es schon später wäre?

Dann trinke ich gerne ein Glas Rotwein.

Sie haben zwölf Jahre lang als Topmodel die Welt bereist. Dann waren Sie einige Jahre lang Moderatorin…

Nein, das ist nicht korrekt.

Sagen wir, Sie haben als Moderatorin gearbeitet…

Nicht korrekt.

Dann halt als TV-Präsentatorin verschiedener Sendungen…

Auch nicht korrekt.

In dem Fall dürfen Sie übernehmen.

(lacht) Also. Es stimmt, ich war zwölf Jahre in der Modebranche tätig. Moderatorin war jedoch nicht eine Leidenschaft von mir, auch keine Berufung. Denn eigentlich stehe ich gar nicht gerne auf einer Bühne.

Es ging ja nur um die Tätigkeit. Sie waren regelmässig im Fernsehen zu sehen.

Ich habe lediglich auf 3+ (ein TV-Sender; Red.) eine Sendung… (überlegt)

Ja?

Präsentiert. Respektive geleitet. Das war die Sendung «Supermodels».

Ausserdem haben Sie auf MTV Prominente interviewt.

Das war eine kleine Geschichte, das fasste ich nie als Moderation auf.

Auf alle Fälle kam nach Ihrer undefinierbaren Tätigkeit im Fernsehen Ihr Wechsel ins Unternehmerische, als Geschäftsführerin des ZFF.

Ich war schon lange eine Unternehmerin. Selbst als Model war ich auf mich selbst gestellt und für mich verantwortlich. Nun habe ich einige Mitarbeiter und der Druck ist bedeutend grösser, aber ich mag Herausforderungen.

Welches ist denn Ihre Lieblingsrolle von den genannten Tätigkeiten Model, TV-Dings und Unternehmerin?

In meiner jetzigen Rolle als Geschäftsführerin bin ich seit sieben Jahren zuhause. Hier habe ich etwas aufgebaut. Aber es ist nicht meine Lieblingsrolle – es gibt schlicht keine anderen Rollen mehr zurzeit. Mir gefällt die Verantwortung, die ich trage. Und es macht Spass, die Fäden in der Hand zu haben.

Wie schaffen Sie es, unternehmerischen Optimismus zu verbreiten in einer Zeit, in der die Schweiz international schwer unter Druck ist?

In dem ich mehr als 100 Prozent überzeugt bin von dem, was ich tue. Dann kann ich auch unsere Partner anstecken. Nicht nur mit meiner Begeisterung, sondern auch mit klaren Fakten, warum sie ins ZFF investieren sollen. Wichtig ist, dass die Partner merken, dass wir nicht nur reden, sondern auch einhalten, was wir versprechen. Das löst eine positive Dynamik aus. Wenn man nur im Büro sitzen würde und dauernd denkt, oh Gott, diese Wirtschaftskrise! Das würde nicht funktionieren. Man muss daran glauben. Mit Überzeugung geht es immer.

Oder mit Charme? Ihr Lächeln kann ja sehr charmant sein.

Ich denke, wenn es um viel Geld geht, dann geht es nicht mehr um Charme, sondern um die Strategie einer Firma, die entweder investiert oder nicht.

Sie sind aber sicher eine tolle Verkäuferin.

Verkäuferin nicht. Aber wenn ich überzeugt bin von etwas, kann ich es sicher gut rüberbringen.

Haben Sie noch nie Ihren Charme eingesetzt, um jemanden auf Ihre Seite zu holen?

Schwierig zu beantworten. Ich gehe eigentlich nie an eine Verhandlung und plane, mit Charme zu überzeugen. Die Überzeugung muss echt sein.

Wäre es denn so schlimm, auch seinen Charme einzusetzen?

Ich bin eigentlich sehr nüchtern. Nicht, dass ich es mit einem Partner nicht auch lustig haben könnte. Aber ich will, dass er weiss, dass ich versuche, seine Wünsche zu erfüllen. Ich will mit liefern punkten, nicht mit lafern oder Charme. Wenn es aber noch mit Charme verbunden werden kann, dann ist es sicher nicht falsch. Aber Charme hat man, oder hat man nicht. Man kann ihn nicht einsetzen.

Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Charme kann ebenfalls ein Argument sein.

Ich bin nicht jemand, der bezirzen will. Ich kann die Leute begeistern und mitziehen. Kurz vor dem Festival merkt man jeweils, wie sehr sich die Partner darauf freuen. Das bauen wir während eines Jahres mit dem ganzen Team auf. Meine Aufgabe ist es, die Leute mit Begeisterung zu motivieren, nicht mit Charme.

Weshalb wurde das Zurich Film Festival in nur sieben Jahren so erfolgreich – mit internationaler Ausstrahlung?

Wir haben nie aufgegeben und uns immer überlegt, wie wir uns verbessern können. Wir wurden zu Beginn teilweise sehr hart kritisiert. Also habe ich mir die Kritik genau angeschaut und gesehen, dass ich von ihr auch profitieren kann. Ausserdem ist im Bezug auf die Persönlichkeiten, die inzwischen unser Festival besuchen, meine Vergangenheit als Model nicht unerheblich. Ich bin so oft gereist, war alleine unterwegs, oft auch einsam – ich weiss, wie wichtig es ist, dass man sich wohl fühlt, wo man ist.

Und diese Erfahrung nutzen Sie nun in Ihrer Gästebetreuung.

Ja, darauf legen wir grossen Wert. Gäste, die sich die Zeit nehmen und unser Festival, bei dem sie nichts verdienen, besuchen, sollen auch entsprechende Wertschätzung erfahren. Wir kümmern uns wirklich um unsere Gäste.

Ist das nicht selbstverständlich?

Ich spreche nicht nur von den Stars, sondern auch von jungen Regisseuren, Cast, Produzenten und so fort, also von rund 250 Personen. Alle haben eine Betreuungsperson. Und das ist nicht selbstverständlich. Für meinen Geschäftspartner Karl Spoerri und mich ist es sehr wichtig, dass die Gäste nach Hause gehen und positive Erinnerungen vom ZFF mitnehmen. Wir sind beide sehr ambitioniert und arbeiten jedes Jahr hart dafür, dass das Festival zustande kommt. Das ist ja nicht per se gegeben. Wir sind ja immer noch ein junges Festival, kein etabliertes.

Erzählen Sie uns abschliessend eine Anekdote mit einem Hollywood-Star?

Eine, die ich erzählen kann, spielte sich mit Oliver Stone ab.

Unter anderem Regisseur von Platoon, Wallstreet, Natural Born Killer und anderen.

Genau. Stone war 2008 erstmals unser Gast – und die erste grosse Persönlichkeit, die unser Festival besuchte. Damals kannte man uns in Übersee noch gar nicht. Wenn wir anriefen, hiess es, who are you? Which festival? Wir flogen extra nach L.A., um mit Oliver Stone ein Gespräch zu führen. Mein Hintergedanke: Wenn man miteinander gesprochen hat, ist es nicht mehr so einfach, abzusagen.

Clever. Nähe kompromittiert.

Es hat funktioniert, er kam. Ich holte Mr Stone am Flughafen ab. Als er ankam war er bleich und wirkte gestresst. Seine Stimmung war: What the fuck am I doing here?! Aber die Award-Zeremonie wurde ein schöner Erfolg, er war begeistert. Am nächsten Tag gab er eine Masterclass für die aufstrebenden Regisseure, danach unternahmen wir eine Schiffsrundfahrt auf dem Zürichsee: Mr und Mrs. Stone, Karl Spoerri und ich.

Bei der Halbinsel Au stiegen wir aus zum Picknicken. Es gab Sandwichs und Wein aus Plastikbechern. (lacht) Es war toll! Oliver Stone hüpfte auf der Wiese herum und sagte ständig, I love it here. Er fand es so friedlich, dass er auf der Wiese wirklich einschlief. Bei seiner Abreise betonte er, dass er es nicht bereue, ans ZFF gekommen zu sein. Vor zwei Jahren besuchte er uns mit seinem Film Wallstreet 2 erneut. Gut möglich, dass er auch in Zukunft wieder kommt.

Sagen Sie uns zum Schluss noch, welches denn Ihr Lieblingsfilm ist?

Das werde ich oft gefragt.

Dann kennen Sie sicher schon die Antwort.

Schwierig. Es gibt Traffic, Pulp Fiction… Filme, die mich seit Jahren begleiten. Die ganzen Klassiker eben, aber ich kann mich nie für einen Lieblingsfilm entscheiden.

Vielleicht einfach ein Film der letzten Jahre, der hängen geblieben ist?

Sehr gut gefiel mir letztes Jahr The Help.

Und welches ist der Lieblingsfilm Ihres Sohnes?

Das ist im Moment noch das Sandmännchen. (lacht)

Nadja Schildknecht wurde 1973 geboren und verbrachte ihre Kindheit in Langnau am Albis. Sie arbeitete während 12 Jahren als Topmodel für Brands wie Armani, Laura Biagotti. Zwischen 2002 und 2005 war sie auf 3+ in der Sendung «Supermodels» zu sehen sowie auf MTV in der Sendung «Ahead», in der sie Prominente interviewte. 2005 gründete sie mit Karl Spoerri die Spoundation Motion Picture GmbH, welche das Zurich Film Festival veranstaltet. Sie ist die Geschäftsführung und hauptverantwortlich für die Bereiche Finanzen, Sponsoring, Marketing und den ganzen Event. Nadja Schildknecht ist mit Credit-Suisse-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner liiert. Sie haben einen 4-jährigen Sohn.

Weitere wissenswerte Dinge und Links finden Sie auf Bar-Storys.ch.

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Christian Nill

Initiant von Bar-Storys.ch, Journalist und Inhaber der Agentur Storyline – Die Content-Redaktion. Er zeichnet für den gesamten Content auf Bar-Storys.ch verantwortlich, schreibt, redigiert und organisiert.