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Heul doch!

«Solange ich weine, bin ich», stellt Autorin Daniela Dambach mit feucht-glänzenden Pupillen fest. Sie ist nah am Wasser gebaut und hat nicht vor, umzuziehen. Ein Plädoyer für Pipi in den Augen - auch bei Männern.

Von Daniela Dambach

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Die Tränen kullern, wenn ich mit der Fingerbeere über den Handyscreen mit all den himmeltraurigen Nachrichten aus aller Welt streichle, bis sie wund wird. Die Ungerechtigkeit geht mir voll auf den Bindehautsack.

Ich weine Wasser und Proteine, wenn ich an der Bushaltestelle das Plakat des vermissten «Schnurrlibutz» studiere, jener mit dem langen getigerten Fell, der jetzt von der ganzen Familie Feenstaub vermisst wird. Wenn auf der Autobahn puderrosafarbene Schweinchennasen einen der letzten Atemzüge zu unternehmen versuchen, was durch die stahlkalten LKW-Gitterstäbe nur schwerlich gelingt. Wenn ich vor lauter Hunger selbstfrittierte Frühlingsrollen sezieren muss, um an der kohlenrabenschwarzen Kruste vorbei ins schmackhafte Innere vorzudringen. Wenn Bedeutendes beginnt – oder endet.

Der Alltag drückt auf meine Tränendrüsen (die sind übrigens mandelförmig – wie schön!), es sammelt sich einiges an. Wenn ich allein bin, spüre ich dann, wie sich die Staumauer hinter meinen Augäpfeln hebt und salzige Flüssigkeit aussickert. Sie klärt nicht nur meine dicke Hornhaut, sondern mein dünnes Gemüt. Die Seelenhygiene startet. Danke schon mal für das virtuelle Taschentuch.

Wie ein warmer Regen, der sich – im Winter wie im Sommer – Sprosse für Sprosse, als reinigender Rinnsal seinen Weg über meine Wangen bahnt, um an der Kante meines Kiefers zu sterben. Tränen schmücken meine Wimpernkränze wie «Einsekunden»-Perlen. Ich lasse einen Tropfen nach dem anderen los – und damit meine Sorgen.

Ich weine gern, denn was gibt es Befreienderes, als einfach hemmungslos von innen heraus zu flennen? Das ist für mich die Antwort auf die wissenschaftlich ungeklärte Frage, warum wir emotionale Tränen vergiessen. Tränen klären die Sicht auf die Dinge. Sie sind Gefühlsventil und handwarmer Balsam für die Seele zugleich. Ich habe mal gelesen, weibliche Tränen seien ein halbes Grad wärmer als männliche. 

Männliche Tränen sind ausserdem seltener als weibliche. Das klassische Rollenbild «Männer weinen nicht» sitzt offenbar tiefer in unserer Gesellschaft als jeder Zeckenrüssel in der Epidermis. Heulen ist bei Männern nach wie vor ein Tabu. Die meisten halten weinende «Artgenossen» für peinliche Weichlinge. Dabei ist es eine Stärke, Schwäche zu zeigen, auch in Tropfenform. Es würde manche einem der «härtesten Rüden» guttun, mal ganz heulender Schlosshund zu sein. Eine Ausnahme ausser beim Zwiebelschneiden, wo das ungeschriebene Gesetz im wahrsten Sinn aufgeweicht wird, ist der Sport. Da haben Heulhänse Hochkonjunktur und müssen keine Häme befürchten.

Ich erinnere mich noch bildhaft an das einzige Mal, als ich meinen Grossvater weinen sah. Der Anblick war für mich als Sechsjährige so befremdlich, dass ich wie versteinert hinter der halbgeöffneten Tür beobachtete, wie der «grosse» Mann seine schlummernde Trauer in weichen Tränen laut machte.

Unsere Kultur lehrt uns, dass Männer nicht weinen. Zumindest nicht «offiziell»: «Männer weinen heimlich» sang wohlweislich der Typ mit der grönigen Stimme. Tut es mal einer öffentlich, landet er gleich in den Schlagzeilen. Wie oft klopft ein Vater seinem Sohn, der mit zwetschgenblauen Zeh vor sich hin greint, auf die Schulter und sagt «ein Indianer kennt keinen Schmerz», statt ihn tröstend zu umarmen? Jungs kriegen von klein auf eingetrichtert, dass sich Weinen für einen echten Mann nicht geziemt. Dieser mit Klischees verstopfte Trichter wird oft nicht geleert – was klein Leonchen nicht lernt, lernt Leonhart nimmermehr. 

Mit Beinen und Armen umrankt er mich wie Efeu den Baumstamm. Ich spüre seinen warmen Atem im Nacken, dessen Tiefe meine Locken sanft vor und zurück bammeln lässt. Dann weine ich ein letztes Mal an diesem Tag. Dieses Mal vor Glück.
Es gibt viele Menschen, denen ich ein paar Tränen nicht nur wünsche, sondern gönnen würde.

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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Kommentare

  • Reto B.

    Ich weine praktisch gar nie. Dinge, die mich zum weinen bringen: Zwiebeln, scharfes Essen, Verunreinigungen im Auge, Grippe, überbordendes Lachen, extreme “Gerührtheit” und extreme Augen-Trockenheit.

    In meinem Leben hat es mal eine Verknüpfung Trauer, Schmerz und Verletzwerden mit Weinen gegeben. Die wurde mir durch jahrelanges Mobbing und Zusammenscheissen gründlich ausgetrieben. Weinen in diesen Momenten war ein zeichen der Schwäche, zeigte Angreifern, dass sie ihr Ziel erreicht haben und spornte sie zu neuen Gemeinheiten an. Ich sage nicht, dass das gut ist, es ist einfach Fakt für einen Mann. Die emanzipierte Gesellschaft kann noch so viel sagen, dass ein Mann weinen darf. Ich weine wegen Trauer Schmerz und Verletzungen auch nicht heimlich – in meiner Wahrnehmung sind die Gefühle genauso stark da, wie sie es seit jeher waren. Einfach das Weinen habe ich abgestellt – so vollständig und radikal, dass es nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, auch wenn ich mir Weinen mittlerweile auch in diesen Fällen zugestehen würde. Diese Erziehung (der Gesellschaft, nicht meiner Eltern) war gründlich.

  • Pedro

    Ein Roger Federer, der bei Siegerehrungen weint, oder auch mal, weil er verloren hat (“it’s killing me”), dem wird absolut wohlwollend begegnet.. -auch Weinen am Sterbebett der Mutter wird akzeptiert..-das war’s dann. Ansonsten, wenn Mann bei durchschnittlichen Vorkommnissen wie gröbster Liebeskummer mal weint, wird man nicht mehr so ernst genommen. Somit verstehe ich Reto B. etwas.

  • Carolina

    Verstehe ich total! Bei meinem Mann war es genauso – als wir eine absolute Familienkatastrophe hatten, konnte er anfangs nicht weinen, sondern war wie versteinert, für lange Zeit. Aber trotzdem löste sich etwas in ihm und irgendwann brach alles heraus, sehr befreiend. Mit unserem Sohn – nach der Katastrophe geboren – übt er, ihn zu umarmen und zu knuddeln, wenn ihm etwas wehtut; den Indianerspruch wegzulassen. Er sagt aber auch, dass es ein schmaler Grat wäre – denn auch heute noch würde ein weinender Bub wahrscheinlich gehänselt und gemobbt. Aber vielleicht können wir ihm wenigstens ein Bewusstsein dafür mitgeben, dass wir alle nicht umsonst mit der Fähigkeit zu weinen auf die Welt gestellt wurden ……

  • Reto B.

    Ich bin sehr skeptisch, dass das bei mir mit Weinen jemals wieder was wird. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich davon ausgehe, dass ich es nicht “wieder lernen muss”. Ums mal so zu sagen, ich denke nicht dass ich offen trauriger, besser trauriger, intensiver oder erfolgreich trauriger wäre, wenn Tränen fliessen würden. Ich kenne Trauer, Schmerz, Verzweiflung etc. genauso, wie vorher. Ich weine einfach nicht mehr. Dass ich soweit gekommen bin, ist schade und der Prozess, das Weinen abzustellen ist etwas, was ich jedem Bub wünsche, dass er es nie durchmachen muss. Was ich an der Diskussion interessant finde, ist, dass viele Denken, wenn ich nicht weine, dann bin ich nicht so traurig wie sie oder lasse etwas nicht zu. Ich bin schon vor Jahren an den Punkt gekommen, wo es mir egal war, ob ich jetzt weinen muss oder nicht. Ein bisschen später kam der Punkt, wo ich weinen “wollte”, weil ich dachte ich müsse jetzt weinen, der Rest der Gefühle war ja auch da und es wurde von meiner Partnerin erwartet – erst wenn Tränen fliessen würden, hätte ich die volle emotionale Freiheit wieder. Mittlerweile muss ich sagen, ist doch egal ob ich jetzt weinen kann/muss, wenn ich traurig bin – es ist kein integraler Teil meiner Trauerbewältigung, dass mir salzige Flüssigkeit aus den Augen fliesst. Was ich möchte, ist, dass die Welt akzeptiert, dass ich auch traurig sein kann, ohne zu Weinen. Und dass mein Schmerz und meine Gefühle nicht weniger heftig sind, weil ich halt nicht weine. Aus deiner Antwort lese ich heraus – erst als dein Mann weinte, hat er (endlich) sich befreien, erlösen können.

  • mira

    Reto, das ist doch ok, wenn man nicht bei jeder Kleinigkeit weint! Der Artikel ist schön geschrieben, aber nah am Wasser gebaut zu sein, heisst noch lange nicht, dass man in irgend einer Weise seelisch gesünder wäre. Weinen kann befreiend wirken, muss aber nicht. Tränen können auch strategisches Mittel sein. Oder beim Suhlen im eigenen Unglück verstärkend wirken. Oder im falschen Moment einfach nur peinlich sein. Ich beneide jedenfalls niemanden, der dauernd feuchte Augen hat und würde fehlende Tränen niemals als Zeichen fehlender Trauer deuten.

  • Carolina

    Reto: Ja, im Falle meines Mannes war das so – kam eben hinzu, dass wir dann noch einen kleinen Jungen bekommen haben und da auch sehr viel hochkam. Er probiert seit dessen Geburt, mehr sichtbare Emotionen zuzulassen – einfach weil er seinem Sohn die schiere Erleichterung und das Loslassen, das Weinen beinhalten kann, nahebringen will. Ob das klappt: wer weiss.
    Du weisst ja, dass ich Sterbebegleitung mache, insofern muss ich Dir leider zustimmen: es gibt tatsächlich viele Menschen, die befremdet sind bzw der Meinung, der kann ja gar nicht ‘richtig’ trauern, wenn er nicht weint. Ist natürlich der totale Blödsinn, aber das letzte, was man (oder Mann) in einer schlimmen Situation noch braucht ist, dass man ihm seine Art der Trauer, des Unglücklichsein abspricht – daher kann das auch für den Selbstbewusstesten sehr belastend sein. Ich meine, die einzige Art und Weise, wie man ‘weitergeben’ kann, dass Trauer, Verzweiflung, Unglücklichsein und manchmal auch Glück völlig tränenlos, aber trotzdem sehr intensiv sein kann ist, in dem man es in anderen akzeptiert – in meiner Familie führte das z.B. dazu, dass ich schliesslich akzeptieren lernte, dass meine Mutter nicht eiskalt und hart ist, weil sie nicht weinte, sondern dass sie auf ihre Art trauerte.
    Ich kann einige Geschichten erzählen von Paaren, die Schicksalsschläge erlitten und deren Beziehung zusätzlich schwer belastet wurde, weil sie die unterschiedlichen Arten des Trauerns nicht akzeptieren konnten – das ist oft sehr schwierig.

  • Reto B.

    Danke für eure Worte – und alles Gute dir und deinem Mann, Carolina.

    Bei mir hat es übrigens dazu geführt, dass ich an der Beerdigung häufig zeremonielle Dinge aufgebrummt bekommen habe, weil alle froh waren, dass ich einen Text vorlesen kann, ohne absetzen zu müssen, weil ein Schluchzen oder Tränen dazwischenkommen. Was mich aber dann getroffen hat, ist, dass gewisse Leute das Gefühl bekamen, der oder die zu Grabe getragene hätte mir weniger bedeutet – weil ich eben nicht so offen sichtbar trauerte.

    Viel wichtiger als “nur” Tränen ist mir mittlerweile, dass man jedem Menschen (und auch Buben und Männern) Verzweiflung, Wut und Hilfeschreie zugesteht. Dass ein Mensch manchmal stark und manchmal schwach sein kann.

  • Irene

    Gefühle zeigen…sei es lachen welches gesellschaftlich akzeptiert ist oder weinen welches als Schwäche interpretiert wird, warum EIGENDLICH???? Ist es nicht die absolut wahre Stärke weinen zu wollen um Ausdruck zu machen das etwas uns so berührt, so stark wie im umgekehrten Fall ein Lachanfall???? Kinder sind brutal, das ist Diskussionslos, doch irgendwann sollte man diese vergangene Szene heraufproduzieren und sich klar und frei Fragen, weshalb war das so schlimm für mich damals??. Man kann die opferposition zum Verständniss-Sieger Position verwandeln, vielleicht sogar sich eingestehen das weil diese Situation damals so sich ereignet hat bin ich so geworden wie ich heute bin, hat dieses Trauma mich zu der Person geformt, welche wiederum grundsätzlich ein Kämpfer ist, bewusst und stark und erfolgreich. Ich las da mal ein Sprichwort welches ungefähr so lautete: deine Kritiker bringen dich zum Wachsen, drum sei dankbar für sie….

  • mira

    Ich habe in meinem Umfeld eine interessante Beobachtung gemacht: Je mehr Eltern die Gefühle/Gefühlsausbrüche ihrer (noch kleinen) Kindern zulassen und akzeptieren, desto ausgeglichener und zufriedener sind die Kinder längerfristig. Sprich: wer sich als Kind und mit seinen Gefühlen akzeptiert und liebgehabt fühlt, der ist unter dem Strich weniger weinerlich/anfällig, als ein Kind, das ein Indianer sein muss.

  • Reto B.

    Kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe für mich das Optimum gefunden, indem ich mir 1. zugestehe, sauer zu sein und Dampf ab zu lassen. Das sollte niemals schädlich sein (mir oder anderen gegenüber), darf aber auch unflätig, laut oder sonst was sein. Wichtig: Dabei nicht in etwas reinsteigern (so dass man zum beispiel dann eigentlich neutrale Sachen ebenfalls als schlecht anschaut, alles ist Scheisse usw.) und keine Dinge machen, die permanente oder längerfristige Auswirkungen haben (z.B. etwas schreiben, jemanden in Worten oder Taten verletzen. etwas kaputtmachen oder so). Dann 2. analysieren und emotional abhaken. Und an einer Lösung arbeiten, oder wenn es keine Nachbearbeitung/Lösung braucht weitergehen. Nicht ewig “weiterköcheln lassen”. Ich kann mir gut vorstellen, dass Weinen einen wichtigen Teil bei Punkt 1 darstellen kann. Bei anderen Sandsack-Boxen. Oder Schreien. Oder Rennen.

    Ein Kind sollte lernen, seine Gefühle zuzulassen und Emotionen so zu kanalisieren, dass niemand zu Schaden kommt.

  • CryBaby_Manu

    Ganz ehrlich…mich persönlich nervt das Geheul!
    Ich würde es lieber haben wenn ich viel weniger weinen würde!
    Mein Problem ist, dass ich sobald nervös bin, richtig sauer oder mich nicht mehr wehren kann sofort anfange zu heulen! Und nicht zwei-drei tränen sondern so ein richtiger Monsun loslasse! Und der zieht sich dann Gefühls mässig den ganzen Tag und wenn ich Pech hab Tage…
    Ich werde auch nicht mehr ernst genommen bei Freunden oder im Geschäft bei ernsten Themen, da ich immer tränen in den Augen hab wie ein Kleinkind. Und glaubt mir, dies ist auch nicht hilfreich wenn man sich eigentlich zusammen reissen möchte aber von weitem die Leute schon sehen… Die denken sich dann: Die heult gleich wieder!!! Schnell weg!!!

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