Clack

Nie mehr so unbeschwert?

Weihnachten? Mit der «besinnlichen» Zeit kann Autorin Daniela Dambach weniger anfangen als mit einem ferngesteuerten Raumschiff. Dennoch öffnet manchmal der Schatz der Erinnerung wie eine Keksdose und nährt ihre Erkenntnis: So unbeschwert wie als Kind wird sie nimmer sein.

Von Daniela Dambach

Twittern

Gremlinartige Gofen zappeln an den verschwitzen Mami-Händen und proklamieren polternd, was der Samichlaus alles zu bringen habe, geschweige denn das Christkind. Bei «Jingle Bells» schrillen bei mir die Alarmglocken und bei pink-glitzerndem Rentier-Baumschmuck kriege ich Iris-Muskelkater. Spätestens wenn ich Kreuze und Krippen sehe, weiss ich, die Katastrophe steht kurz bevor: Weihnachten.

Trotz all der Aversionen öffnet sich ab und zu in meinem Herzen ein Türchen, wie bei einem Adventskalender: Es lässt eine Kindheitserinnerung in mein Bewusstsein huschen.

Etwa im Dezember 1990 erhielt der Samichlaus ein Paket von mir. Inhalt: mein ausgelutschter «Nuggi». Meine grosse Entbehrung belohnte «er» mit einem rotbraunen Stoffeichhörnchen, mit dem ich mich der Haarfarbe wegen verschwistert fühlte. Die Adresse von Samichlaus, «Wald 1», verriet ich allen Kindern aus dem Quartier – wie sich die Eltern aus der Affäre «Schnuller gegen Spielsachen» zogen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Nicht weniger als 14 Sorten «Weihnachtsgüetzi» entsprangen aus Mutters behaglicher Backstube, in der sich Marzipan, Mandelstifte und Mohnsamen zur Decke emportürmten.Die Terrasse verwandelte sich für Tage in eine Hügellandschaft aus ruhenden Teigen. Ich half tüchtig mit, indem ich meine Finger in die dunkle, lauwarme Kuvertüre tunkte, abschleckte und mit Schokoladenbart aussah wie Conchita Wurst in rothaarig.

Mit Blick auf den in glühendes Goldorange getünchten Abendhimmel pflegte meine Grossmutter zu sagen: «Die Engel backen wieder». Sie war es, die mir augenzwinkernd einen fein säuberlich zusammengefalteten Batzen zusteckte, wenn mein Grossvater es nicht sah (mein erster Wink mit etwas wie Emanzipation?). 

Das Öffnen des ersten Adventskalender-Türchens machte mich mindestens so glücklich wie ungeduldig. Klammheimlich klaubte ich mit den Fingernägeln das nächste und übernächste Türchen auf, um anschliessend meine Spionage-Aktion mit rollenweise Klebestreifen zu vertuschen.

«Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» inspirierte mich dazu, am schimmelweissen Sessel im Wohnzimmer mein Steckenpferd zu befestigen und ihn mit der Wolldecke meines Bruders zu satteln. In meiner Fantasie galoppierte ich auf dem Ledersessel durch verschneite Winterlandschaften – auf der Suche nach dem popeligen Prinzen.

Dinge, die ich auf meinen Wunschzettel kritzelte, gingen fast immer in Erfüllung. Zur Sicherheit schnüffelte ich in Mamas Schrank, wo sie die Geschenke zwischen Blusen und Frottee versteckte.  

Heute muss man peinlichst darauf achten, im gleichen Zug wie die Spitzbuben auch die Spitzmädchen zu erwähnen, dass das Weihnachtspapier FSC-zertifiziert ist, dass sowohl Filet im Teig wie auch Tannenbaum einst auf saftigen Schweizer Weiden grasten, dass der Kuschelteddy keine krebserregenden Plastikteile enthält und dass das «Fondue Chinoise» bestenfalls vegan ist. 

Ich habe keinen Schokoladenbart mehr, galoppiere nicht mehr auf dem Ledersessel durch die Stube und glaube nicht mehr an Engel, schon gar nicht an welche, die backen können.

Wehmut brennt ähnlich im Magen wie zu viel Käsefondue. Es ist nicht die Sehnsucht nach den Geschenken oder Geschichten von damals, sondern nach der alles andere als selbstverständlichen Unbeschwertheit, die man wohl nur als Kind kennt, obwohl man das Wort noch nicht weiss.

Und wie schmeckt Ihre Kindheitserinnerung?

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

(Visited 66 times, 1 visits today)