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Die Silicon-Valley-Theorie

Der Computerkonzern Hewlett-Packard hat eine neue Chefin. Na und? Deshalb: Meg Whitman ist innert zwölf Jahren die vierte Frau an der Spitze. Hier wird Geschichte geschrieben.

Von Ralph Pöhner

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Erst war da Carly Fiorina: Als sie 1999 Konzernchefin wurde und das Ruder bei Hewlett-Packard übernahm, bildete sie noch eine vielbestaunte Ausnahme. Rasch wurde Fiorina herumgereicht und gefeiert als eine der mächtigsten Frauen der Welt. 

Als sie dann 2005 gefeuert wurde, übernahm zwar ein Mann ihre Position – doch der bekam eine Chefin obendran. Denn zur Chairwoman (Verwaltungsratspräsidentin) ernannte Hewlett-Packard zeitgleich Patricia Dunn, eine Bankerin mit Journalismus-Ausbildung. Dunn musste zwar nur ein Jahr später im Rahmen eines Überwachungsskandals zurücktreten, aber die Frauenreihe setzte sich fort. 2010 übernahm Catherine Lesjak interimistisch die Leitung des 125-Milliarden-Konzerns; sie fungiert heute noch als Finanzchefin.

Und nun, nach dem ebenfalls kurzfristigen Intermezzo des deutschen Konzernleiters Léo Apotheker, setzt sich Meg Whitman ans Steuer von Hewlett-Packard (hier die Mitteilung). Dabei wird sie sowohl als Präsidentin als auch als CEO amtieren – eine Doppelrolle, die sie früher schon bei Ebay wahrgenommen hatte.

Hewlett-Packard, Ebay – und erwähnt sei auch Xerox, ein Gerätehersteller mit ähnlicher Vergangenheit wie HP. Der IT-Konzern mit 350’000 Angestellten wird von Ursula Burns geleitet; sie ist Präsidentin und CEO. Die letztere Funktion übernahm Burns in einer Doppelrolle, nachdem die frühere Konzernchefin Anne Mulcahy 2009 in Pension gegangen war.

Kurz: Entgegen jedem Klischee können sich Frauen in Technologiekonzernen offenbar durchaus gut durchsetzen – wenn nicht sogar besser als in anderen Branchen.

Weitere Beispiele gefällig? Facebook hat Sheryl Sandberg als Chief Operations Officer. Zwei der wichtigsten Figuren in der Google-Konzernleitung sind Susan Wojcicki, die Werbechefin, und Marissa Meyer, Chefin Maps&Location. Der Software-Gigant Oracle wird von Safra Catz präsidiert. Und bis vor kurzem stand Carol Bartz Yahoo vor. 

Das sind, es sei gestanden, erst vage Indizien. Sie helfen höchstens mit, das berühmte Vorurteil endgültig zu zerstören: Frauen und Technik? Geht nicht. Aber es ist noch nicht mal ein starker Trend. Zumal Ähnliches von europäischen, gar schweizerischen Technologiefirmen kaum behauptet werden kann (selbst wenn man ABB-Schweiz-Chefin Jasmin Staiblin gebührend berücksichtigt).

Trotzdem: Was sich mit Meg Whitman und Kolleginnen abzeichnet, ist sehr, sehr bemerkenswert. Aus zwei Gründen:

• Offenbar kann mittlerweile in einzelnen Grosskonzernen ein Milieu entstehen, wo die Frau in der Konzernleitung nicht Einzelfall bleibt. Mehr noch: Zum ersten Mal überhaupt wurde hier die Frau an der obersten Spitze eines börsenkotierten Globalkonzerns über mehrere Jahre und Reorganisationen hinweg zur Regel.

• Insgesamt kann offenbar eine Branchenkultur entstehen, wo die Frau am Steuer firmenübergreifend üblich wird. Dadurch geschehen auch Wechsel auf oberster Stufe – zum Beispiel von Ebay zu HP –, und es erwächst ein funktionierender Pool an Kandidatinnen für CEO-Ämter.

HP, Ebay, Oracle, Yahoo, Facebook, Google…: Dass diese Entwicklung ausgerechnet im kalifornischen Silicon Valley ans Licht kommt, dürfte kaum Zufall sein. Denn gerade hier wurde ja ein Phänomen greifbar, das unsere Wirtschaft, ja unser ganzes Leben stark prägt: Es ist die Kraft des Clusters. Danach braucht es eine gewisse Menge an vorbildlichen Firmen, die sich gegenseitig befruchten – sobald aber diese Menge erreicht ist, entsteht eine Macht, welche die ganze Welt verändern kann.

Das Silicon Valley hat dies schon mehrfach bewiesen. Macht es uns jetzt tatsächlich die nächste Revolution vor?


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Kommentare

  • Nicole Althaus

    Cluster statt Quote – oder vielmehr die Erklärung, warum die Quote im besten Fall Zahlen frisiert aber nicht das Problem der kritischen Masse korrigiert.

  • Gabi

    “Müssen sich auch hierzulande Männer auf diese Entwicklung gefasst machen?” lautet dazu die bekloppte Headi im Tagi.
    Müssten Sie diese denn überhaupt in dieser Form wahrnehmen? “Die” Männer also als Punkt für “die” Frauen?
    Werden nicht überall auf der Welt einfach neue Chefs in die Unternehmen kommen, weil sich die Welt weiter dreht?
    Diese neuen Chefs in der IT-Branche sind doch wohl aufgrund von Qualifikationen in diese Positionen gelangt und gewiss nicht weil sie Frauen sind. Einige werden einen guten, andere werden einen schlechten Job machen. Weil sie Frauen sind?
    – Wäre wohl schlecht… Denn sonst müsste es – in einer gleichberechtigten Welt – als Qualifikation ja ebenso gut reichen, einfach nur Mann zu sein.    = Idiotisch!

    Sich ständig bloss ein Grüppchen zu suchen, sich alle persönliche Unbill daraufhin nur damit zu erklären, dass man ebendiesem angehört und als Beweis nur die Feststellung anzuführen, dass man sich – immer leicht angesäuert, versteht sich – dieser Gruppe zurechnet, bedient Minderwertigkeitskomplexe, aber verbessert gewiss nicht die Aufstiegschancen.
    Berichten Sie doch vielleicht mal darüber, wieso es so viele Linkshänder nicht, oder eben doch, in die Teppichetagen schaffen. Ist doch auch ne ganz interessante Minderheit!

  • fabrice faes

    Ich habe überhaupt kein Problem, wenn die Bossin eben eine Frau ist, solange sie einen guten Job macht. Bis anhin hatte ich nur eine Chefin. Und ehrlich gesagt, sie war bisher mein bester Vorgesetzter. Ich bin jedoch gegen eine Quote!