Clack

«Heissi Maroni» und andere Herbsteleien

Clack-Autorin Daniela Dambach jagt eine rehbraune Jacke, stiefelt durchs Laub, knackt Maroni und staunt, wie viel Moral unter der harten Schale steckt.

Von Daniela Dambach

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Die Bäume im Quartier grienen mir farbig entgegen, um im nächsten Moment einen Striptease hinzulegen, und mir ihre nackten Äste entgegenzustrecken. Das Blätterkleid ruht auf dem Boden, bis der Abwart ihm mit dem Gartensauger einen bläst oder die Profilsohlen der Passanten es zu glitschig-gelbem Mus zerquetschen.

Damit ich möglichst viele Laubhaufen erwische, laufe ich im Zickzack. Ich bin ihm verfallen, diesem Rascheln der gefallenen bunten Blätter. Es knistert unter meinen Füssen – und fast ein bisschen zwischen mir und ihm, dem Herbst.   

Es zieht mich zu einem der kleinen Häuschen in der Stadt, die dastehen, als wäre es nie anders gewesen und in denen ich als Kind am liebsten gewohnt hätte. Jeden Herbst kaufe ich Maroni, obwohl sie mir gar nicht schmecken. Ich will die Edelkastanien wegen dem gutmütig dreinblickenden Maroni-Mann, der in seinen Bart brummelt, als sässe ich dort zwischen dem gelblich weissen Haar. Wegen der Doppeltüte, die fast noch schöner raschet als das Laub. Wegen der harten Schale, die meine Finger mit einem Knacken ins warme Innere leitet, das ich dann hervorklaube.

Er holt für mich die Kastanien aus dem Feuer, während ich wissen will, wie das Geschäft denn so läuft. «Ich warte auf den zweiten Herbst», entgegnet er mit zur goldenen Sonne gewandtem Blick. «Kühler müsste es sein, kühler!»

Ob die Esskastanien dieses Jahr schön seien, frage ich weiter. «Schön, ja. Aber was heisst das schon. Auf den Kern kommt es an». Ein Dutzend geröstete Kugeln sind jetzt mein, jeder Schälschlitz wirkt wie ein breites Grinsen. Das Lachen ist ihnen nicht mal nach dem Rösten vergangen. In Gedanken bastle ich daraus Kastanientiere mit wackligen Zündholzbeinen, wie dazumal im Kindergarten.

Während ich Maroni um Maroni knacke und schäle, schaue ich nach einer Jacke. Jedes Jahr dieselbe Krux: Ich weiss nicht, was anziehen und wundere mich, wie ich den letzten Herbst ohne Erfrierungen überstanden habe. Ich entscheide mich für eine rehbraune Jacke, je nach Licht dünkt es mich zwar eher maronenbraun.  

Zuhause angekommen, trample ich gleich mit den blätterverklebten Schuhen ins Wohnzimmer – und schon ist die Herbst-Deko fertig. Als mein Freund heimkehrt, präsentiere ich ihm meine modische Beute und setze den Bambi-Blick auf: «Und, wie gefällt sie dir?» «Gut. Aber das was drin steckt, gefällt mir noch viel besser», antwortet er augenzwinkernd – das habe ich heute schon einmal gehört.  

Der Maroni-Verkäufer hat Recht. Und immer, wenn der Duft von heissen Maronen durch meine noch so verstopften Nasenlöcher in mein Innerstes schlüpft, denke ich daran:
«Bei den Maroni ist es wie bei den Menschen. Nicht das Äussere zählt, sondern das Innere.»

Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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