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Hammer-Frauen

Häkeln, stricken, einmachen: Die Do-it-yourself-Bewegung hat die Frauen fest im Griff. Jetzt greifen Trendsetterinnen zu Kreissäge und Vorschlaghammer. Und zertrümmern ein altes Klischee.

Von Marie Dové

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Ana White blieb gar nichts anderes übrig, als selbst Hand anzulegen. Sie lebt in Alaska, eine Tagesreise vom nächstgelegenen Einrichtungshaus entfernt und Stunden vom Supermarkt mit Kleidergeschäften und Spielwarenläden. Ausserdem waren sie und ihr Mann pleite, als das erste Kind zur Welt kam. Der einzige Weg, die Tochter nicht in der Garage der Grosseltern aufwachsen zu lassen, war: Ein Haus zu bauen. Also legte Ana Hand an. Sie lernte mit Vorschlaghammer und Kreissäge zu hantieren, Pläne zu zeichnen, zu hämmern, bohren und mauern.  Und weil Ana White zwar am Ende der Welt lebt, aber doch in unserer Zeit, veröffentlicht sie ihre Baupläne mit Anleitungen und Tipps in einem Blog. Das war 2009 – jetzt hat sie eben ihr erstes Buch veröffentlicht, ist eine gefragte Interviewpartnerin geworden und eine der bekanntesten Protagonistinnen der Do-it-yourself-Bewegung, die mittlerweile die ganze westliche Welt erobert hat.

Trümmerfrauen

Angefangen hat der DIY-Trend mit kleineren und handlicheren Werkzeugen wie Stricknadeln und Kochlöffel. Produzieren statt konsumieren, hiess die Devise im neuen Jahrtausend und Trendsetterinnen betonten ihre Individualität mit Stricken und Kochen statt mit Kaufen. Lifestyle-Magazine wie «Cut» beschäftigten sich mit Schnittmustern und rezyklierter Mode, Bastelblogs vermehrten sich im Netz wie Pilze im feuchten Boden und die virtuelle Pinwand «Pinterest» mauserte sich 2012 zur schnellstwachsenden Site im Web. Nun greifen die Trendsetterinnen der Bewegung wie Ana White zu den Power-Tools: Baumärkte sind keine Männerdestination mehr. In den USA lockt Home-Depot, eine der grössten Do-it-Ketten im Markt, die neuentdeckte weibliche Zielgruppe mit Gratis-Workshops, ganz nach dem Motto: «learn to build and build your confidence». Eine Firma mit Namen «Tomboy Tool»s feiert Tool-Partys im Tupperware-Style und das Handygirl ist gerade daran sich auch sprachlich neben dem Handyman zu etablieren. 

Auch in der Schweiz haben erste Geschäfte entdeckt, dass Kreissäge und Akkubohrer nicht nur in Männerhände passen: OBI etwa bietet auf seiner Website einen Blog, in dem «Hammerfrauen» ihre Werke präsentieren können. Es ist als ob der DIY-Gedanke sich an seine politischen Anfänge in der Punk-Bewegung zurückerinnert: Nebst der kritischen Konsumhaltung geht es um Nachhaltigkeit und um das buchstäbliche Zertrümmern von Rollenbildern.

Der Trend basiert durchaus auf einem ökonomischen und gesellschaftlichen Wandel. In den USA ist mittlerweile jeder fünfte Hauskäufer eine Single-Frau. Auch in Grossbritannien und Frankreich holen Frauen bei den Immobilienkäufen auf. Was liegt da näher als den verstopften Abfluss selbst zu reparieren und den Dachstock eigenhändig auszubauen. Während übrigens die Frauen die Werkbank erobern, macht sich der moderne Mann in der Küche zu schaffen. Kochen gilt längst als Pluspunkt in Sachen Männlichkeit. Laut der New-York-Times ist Martha Stewart für die jungen urbanen Hipster zu dem geworden, was Barbra Streisand für die Schwulen ist.

Hemdsärmelig statt hübsch

Die DIY-Bewegung befreit zumindest die Haus-Arbeit erfolgreich von ihrem Geschlecht. Und ist damit ein weiters Puzzle-Teil im kulturellen Wandel, der nicht nur die wirtschaftliche Stellung der Frau verändert hat, sondern auch das traditionelle Bild des weiblichen Körpers erfolgreich unterwandert. Die Chicagoer Kuturhistorikerin Maud Lavin hat in ihrem Buch «Push Comes to Shove» vor zwei Jahren erstmals dokumentiert, dass Aggressivität, Kraft und Schweiss nicht mehr ein Widerspruch zu Weiblichkeit bedeuten. Und wie um ihre These zu stützen hat Hollywood 2012 erstmals seit «Kill Bill» wieder Protagonistinnen gefeiert, die das Schwert geschwungen haben (Snow White) oder mit Pfeil und Bogen ihr Leben verteidigten (Katniss Everdeen in «The Hungergames» oder Prinzessin Merida in «Brave»). Die neuen Kino-Heldinnen sind hemdsärmelig statt einfach nur hübsch. Und sicher würden sie der Selfmade-Zimmerfrau Ana White aus Alaska zustimmen, wenn sie feststellt: «Ein Bohrer ist doch nichts weiteres als ein Handmixer mit einem etwas anderem Aufsatz.»

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