Clack

Geteilter Hass

Wieso sind eigentlich kritische Medienkonsumenten auf Facebook und Twitter so leicht für Propaganda einzuspannen? Seit den Tweets aus dem arabischen Frühling haben die Propaganda-Einheiten die sozialen Medien entdeckt – und Kriegscontent ist kein Büsi-Filmli!

Von Réda Philippe El Arbi

Twittern

Da draussen herrscht ein Propaganda-Krieg – und ihr seid die ahnungslosen Kindersoldaten. Mit jedem blutigen Bild, mit jeder Grafik unbekannter Herkunft, mit jedem Hetz-Artikel, den ihr in den sozialen Medien teilt, werdet ihr, liebe Freunde, Teil des Krieges. Es ist egal, ob Ukraine, Nahost oder irgendein anderer Flecken Erde, der gerade mit Blut gedüngt wird, ihr seid plötzlich Teil der Armee. Und ihr kriegt nicht mal einen Sold.

Versteht mich nicht falsch. Man darf für eine Seite sein, man kann seine Sympathien bekunden. Man darf das auch öffentlich machen und dafür einstehen. Nur, vielleicht sollte man es nicht mit Youtube-Filmchen begründen, die äusserste Grausamkeiten zeigen, von denen man aber keine Ahnung hat, woher sie kommen, wer sie aufgenommen oder inszeniert hat und in welchem Zusammenhang sie entstanden. Kriegscontent ist kein Katzenfilmchen.

Ich weiss, meist steht die persönliche Betroffenheit am Anfang eines dieser Postings. Man sieht etwas, man könnte weinen, Wut auf die Täter kommt auf und man klickt auf «Teilen». Die Betroffenheit ist aber nur der Trigger, der Auslöser. Was ihr teilt, schürt dann meistens Hass und betreibt die Mühlen des Krieges, anstatt den Gedanken an Frieden zu stützen. Schon nach der ersten Sekunde herrscht nicht mehr Mitgefühl, sondern der Ruf nach Bestrafung, der Hass und schlussendlich der Ruf nach Waffengewalt. So sind wir Menschen nun mal. Und das wissen die Propaganda-Einheiten aller Beteiligten. So beeinflusst man die Stimmung gegen den Feind. Seit den bewegenden Tweets aus dem arabischen Frühling hat sich Einiges verändert. Sobald die Profis die Wirkung und die Kraft der sozialen Medien erkannt hatten, schmiedeten sie auch gleich die perfekte Propaganda-Waffe daraus. Sie müssen nur noch die Munition zur Verfügung stellen – und ihr seid die, die sie abfeuern und den «Feind» treffen.

Früher musste man dafür Autoren bezahlen und Agenten einsetzen, die die öffentliche Meinung in die eine oder andere Richtung beeinflussten. Jetzt müssen die Info-Einheiten nur noch ein blutiges Video, das Bild eines toten Kindes oder sonst irgendwas Eindeutiges (in letzter Zeit sind es Infografiken, die superseriös wirken) online stellen und die Schuld klar einer Partei zuweisen. Dann können sie sich zurücklehnen und sich drauf verlassen, dass die User die Drecksarbeit übernehmen, ihre Freunde zum Hass zu verleiten.

Oft sind es Leute, die die Mainstream-Medien mit Argwohn betrachten, überall Manipulation wittern und von einem grundsätzlichen Misstrauen offiziellen Verlautbarungen gegenüber beherrscht werden. Was sicher nicht schlecht ist. Ich frage mich nur, wo dieses gesunde Misstrauen bleibt, wenns um Social Media-Content geht. Ist es vielleicht die Täuschung, zu denken, weil man selbst ein etwas verwackeltes Filmchen im Web gefunden hat, sei das sowas wie eine Undercover-Recherche und authentischer als die aufbereiteten Berichte, die man im Fernsehen zu sehen bekommt?

Ehrlich, ihr seid nicht dumm. Ihr wisst, dass offizielle Medien oft tendenziös und manchmal schlecht recherchiert sind. Nur, wieso nehmt ihr an, der Müll, den ihr online findet, sei irgendwie besser? Die Mainstream-Medien mögen unvollkommen sein, aber immer noch besser, als wenn man sich von einer Propagandaeinheit irgendeiner Armee missbrauchen lässt. Seid kritisch. Nicht nur den offiziellen Stellen gegenüber. Sondern vor allem all dem manipulativen Mist gegenüber, der durch euren Newsfeed flutet und eure Betroffenheit in eine Waffe verwandeln will.

Wenn ihr euch zu einem Kriegsthema äussern wollt, teilt eure eigenen Gedanken, teilt Zitate und Infos, deren Quellen ihr verifizieren könnte. Oder teilt einfach eure Trauer. Aber lasst euch nicht zu einem Teil des Krieges machen.

Réda Philippe El Arbi ist Co-Chefredaktor bei clack.ch, Autor, Geschichtenerzähler, Stadt-Blogger bei Züritipp/newsnet.ch, Haustiersitter und Mann aus den üblichen Gründen. Er versucht, hier seine männliche Sicht der alltäglichen und der wichtigen Dinge zu vermitteln.

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Kommentare

  • The Damned

    Ich finde, der Denkansatz ist falsch gewählt: Mainstream Medien ODER Social Media- das deckt noch lange nicht das gesamte Informatinsspektrum ab. Interessanter wäre es, zu fragen, warum Informationskonsumenten den klassischen Medien immer weniger trauen und auf alternative Kanäle wechseln, worunter auch Seiten wie z. B. Telepolis fallen. Social Media sind kein (alleiniger) Ersatz für die klassischen Medien, können aber ergänzend hinzu gezogen werden. Wie Content heute “erschaffen” wird, und wie unabhängig Journalismus ist, habe ich als ehemaliger Media-Mann selber erfahren. Ich bin froh, dass der Zugang zu Informationen demokratisiert worden ist. Eigentlich kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie es früher war. Ob ich deshalb fähig bin, mir ein objektiveres Urteil über eine Sache zu bilden, sei einmal dahin gestellt. Aber es ist anzunehmen.

  • Reda El Arbi

    Klar, ich bin sehr dankbar für die Freiheit der Information. Nur, wie überall, wird Freiheit auch missbraucht. Und nur weils verwackelt ist, heisst das noch lange nicht, dass es authentisch ist.

    Ich erwarte kritischen Umgang mit Information. Bei den Mainstream-Medien machen das die meisten meiner Freunde. Bei Indie-Medien oder viralem Content machen sie es viel weniger.

  • Oliver Burkardsmaier

    Vielen Dank für diesen beitrag. Réda!!

  • marie

    Dem kann ich nur beipflichten, Réda!
    Dabei fällt mir auf, dass es im Alltag an und für sich sehr ähnlich zu und her geht. Man fällt sehr schnell ein Urteil und man verurteilt damit, nur weil man sich nicht oder sehr mangelhaft mit den Hintergründen auseinander setzt. Darüber hinaus bemüht man sich sehr oft nicht einmal, der Gegenseite genau so viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Aus welchen Gründen auch immer – und dann kann Missbaruch und Instrumentalisierung betrieben werden, kurzfristig erfolgreich. Langfristig bewährt es sich jedoch nie! Man nennt das ganz klassisch Intrige oder schön altmodisch Ränkespiele. Der Meister dieses Fachs hiess Shakespeare. Dabei darf man nie die Frage “cui bono” aus den Augen lassen. Irgendjemandem oder gar igrendetwas nützt dieser Scheiss immer.
    …so wie im Büro. Der sympathische Mitarbeiter steckt dem Chef, das der Typ im Nebenbüro ein Arschloch ist. Das bleibt heften und je nach dem, kann es eskalieren, mit allem drum und dran, bis zur bitteren Neige. Was dann?

  • Knorrli

    Als ehemaliger Mitarbeiter einer gewissen Firma (in der Nähe des Opernhauses), die täglich News für die Massen zusammenschustert, kann ich mit absoluter Gewissheit sagen, dass es puncto “Propaganda” keinen Unterschied zwischen professionellen Print- und amateurhaften Social-Media-News gibt. Schon gar nicht, wenn es um die Erschaffung/Aufrechterhaltung von Feindbildern geht. Bloss weil etwas gut recherchiert ist, heisst es noch lange nicht, dass es auch objektiv/neutral dem Zielpublikum präsentiert wird. Unreflektiert tratschen oder unbedacht Bilder teilen; es ist beides dasselbe. Die Form ist bloss eine andere.

  • Reda Philippe El Arbi

    Nun, ich war auch bei dem Verein. Es ist aber sehr wohl ein Unterschied, ob man sich von einer Propagandaeinheit einer Kriegspartei instrumentalisieren lässt, oder ob einem Gölä-Geschichtchen, die aus der eigenen PR-Feder stammen, um die Ohren gehauen werden.

  • Irene

    Gute Gedanken reda, hoffen wir auf das Bewusstseins und selbständige denken der Leser…..

  • The Damned

    Zu den Medien gäbe es noch viel zu sagen, Réda. Wie kritisch gewisse Medien(schaffende) im Umgang mit Informationen selber sind, lässt sich anhand dieses ausgesprochen schwer wiegenden Konfliktes in Deutschland sehr gut aufzeigen:

    http://www.heise.de/tp/artikel/42/42430/1.html

    Da wird scharf geschossen- und zwar in alle Richtungen! Wer sämtlichen Verlinkungen folgt, den kann angesichts dieses publizistischen Skandals das nackte Grauen packen! Die (Leit)Medien waren schon immer gleichzeitig Partei und (Hof)Berichterstatter- nur kommt ihnen heute jeder auf die Schliche dabei! Und nicht nur ihnen: Über kurz oder lang allen, die sich an der Spitze der (schon lange implodierten) Informationshierarchien wähnen…

  • Pedro

    Da kommt mir Mutter Theresa in den Sinn, die sich weigerte, an einer Anti-Kriegsdemo mitzumachen, jedoch sagte: “wenn Ihr eine Friedensdemo macht, sagt Bescheid, dann komme ich”

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