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Lust auf Zucht

Kopftuch, lange Röcke und hochgeschlossene Kleider: Feminine Züchtigkeit liegt im Trend, platter Sex-Appeal ist out. Die «Modest Fashion» ist auf dem Vormarsch.

Von Nicole Althaus

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Wadenlang, hochgeschlossen und zugeknöpft – das waren bis vor kurzem keine Adjektive, die im Vokabular einer Fashionista häufig gebraucht wurden. Doch  diesen Sommer war mehr Stoff als Haut angesagt und wer die diesjährigen Modewochen etwas genauer verfolgt hat, wird des öfteren über die drei Adjektive gestolpert sein. Denn auf den Laufstegen wurden die Models auch diesen Herbst verhüllt statt entblösst: Röcke über Hosen, wadenlange Kleider, flatternde Ärmel, hochgeschlossene Kleider. Das Geizen mit Reizen, so scheint es, ist kein kurzlebiger Hype, sondern ein Trend, der sich auch nächstes Jahr fortsetzen wird. Jahrzehntelang hat sich die Mode mit dem Enthüllen beschäftigt. Nach und nach wurde ein weibliches Körperteil von der Mode entkleidet: Zuerst die Arme, in den sechziger Jahren die Beine, vor der Jahrhundertwende der Bauch. (Lesen Sie auch: «Die Verhärtung der Frau») Jetzt besinnt sie sich wieder auf ihre Kernkompetenz zurück: Frauen zu bekleiden, statt zu entblättern.

Religion designt mit

 «Modest Fashion» heisst der Trend. Und er hat im Netz bereits viele Fans. Auf Tumblr finden sich unter dem Hashtag «Modest Fasion» Hunderte von Blogs von modebewussten Frauen, die Züchtigkeit mit Chic verbinden. Nicht selten sind es Musliminnen. Schon letztes Jahr hat der Fashion-Blog des «Guardian» darauf aufmerksam gemacht, dass europäische Designer gerade daran sind, den rund 96 Millionen Dollar schweren muslimischen Modemarkt zu bedienen und den Frauen eine modische Alternative zu bieten zu H&M für drüber und Passionata für drunter. Doch der Koran ist nicht die einzige heilige Schrift, die gerade Trends mitschneidert. Auch im Namen des Christentums füllen Fashionistas im Netz ihr modisches Anstandsbewusstsein vor. Mittlerweilen gibt es sogar eine Christian Fashion-Week, an der am Rand des Catwalks gemeinsam gebetet wird und Männer und Frauen getrennt sitzen, wie einst in der Kirche.

Wer jetzt denkt, dass darauf nur religiöse Spinner anspringen, täuscht sich gewaltig. Im Netz formiert sich seit längerem eine wachsende Masse an Frauen, die das Geizen mit Reizen als Herausforderung der Zeit versteht: «Züchtigkeit versteckt uns nicht», lässt sich etwa die 33-jährige Schauspielerin und Designerin Jessica Rey im Atlantic zitieren, «sie enthüllt unsere Würde.» Andere Modest Fashion-Bloggerinnen wollen dank anständiger Kleider als Persönlichkeiten wahrgenommen, statt bloss als Lustobjekt angegafft werde.  Mercedes etwa, Autorin des Blogs «honest modesty» ist überzeugt, dass sie als Mädel den Jungs helfen muss, ihre sexuellen Impulse im Griff zu halten und das tut Frau am besten, indem sie  sich anständig benimmt und kleidet. Ihr Motto: «Du bist zu so viel mehr fähig, als bloss angeschaut zu werden!»

Die neue Zucht und Ordnung, die hier versprochen wird,  sieht  noch nicht einmal prüde aus. Einigen der Bloggerinnen gelingt es tatsächlich Hochgeschlossenes locker und Züchtiges stylisch aussehen zu lassen.

Der Mantel der Emanzipation

Und damit das ganze auch noch den zur Zeit hippen feministischen Touch bekommt, heisst es etwa bei Jessica Rey: «Modest fashion gibt Frauen die Macht, als seriös wahrgenommen und gleichwertig behandelt zu werden.»  Gar als befreiend, empfand Doktorandin Lauren Shield ihr Modesty Experiment, das daraus bestand, sich ein Jahr lang Kopf, Arme und Beine zu bedecken und auf Makeup zu verzichten. Sie schrreibt derzeit ein Buch über ihre Erkenntnisse: Dass sie zwar für die falschen Männer unsichtbar aber für den einen richtigen Mann endlich sichtbar wurde. Dass sie gelernt habe, sich nicht über das Äussere zu definieren, dass sie die Zeit die sie nicht mehr ins Makeup, nun in die Karriere stecken könne, und so weiter und so fort. Selbstexperimente sind gerade hip, nebst Handy-, Spiegel und Konsumverzicht,  die in den letzen Jahren erfolgreich durch die Medien geisterten, macht  sich ein Jahr ohne Makeup gut. Das weiss Lauren Shield. Und sie ist klug genug, ihr Experiment wenn nicht mit Sex denn doch mit Provokatino zu würzen: «Ich tue das, weil die Beauty-Industrie letztlich das Ziel hat, die Frauen davon abzuhalten in den Boys Club von Amerika einzubrechen.»

Ach, wenn Emanzipation nur so einfach wäre: ein bisschen Lippenstift weniger, ein bisschen Karriere mehr?

Ein aufmüpfiges Paket, dieser neue Modetrend, könnte man denken. Doch das emanzipatorische Mäntelchen, das ihm übergestülpt wurde, ist etwas gar fadenscheinig: Einmal mehr, legt die Modest-Fashion-Bewegung die Verantwortung für die Sexualisierung unserer Gesellschaft und die Objektiviertung der Frau in die Hände der Opfer. Zwar ist den Vertreterinnen klar, dass es nicht mehr salonfähig ist, die  weibliche Kleiderordnung für männliche Übergriffe verantwortlich zu machen, doch offenbar ist es noch immer zu viel verlangt, dass Frauen ernst genommen werden – auch wenn sie keine Bodenlange Röcke im Büro und züchtige Einteiler am Strand tragen. Zucht ist gut und recht, die herrschende Ordnung bleibt damit aber unangetastet. Der männliche Blick bleibt das Diktat.

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Frauen Gesellschaft Mode Stil Trend


Kommentare

  • Nico

    Ach Gott, der gute alte Opfermythos, er lebt noch.

  • Ylene

    Und ein weiterer Trend, dessen Hintergedanken getrost ignoriert werden sollte. Hier wird mal wieder der uralte Mythos von ‘Frau ist nur was wert, wenn züchtig und damit jungfräulich’ und ‘Männer sind willenlose, triebgesteuerte, notgeile Glotzer, die nur gute Menschen sein können, wenn keine Versuchung in Sicht ist’ zementiert. Bullshit. Dass das von Frauen kommt, zeigt nur, dass wir kein Mü weniger sexistisch als Männer sind. Frau kann blöd, gemein und hinterhältig sein – alles egal, Hauptsache das Röckchen ist züchtig und es war noch niemand in ihrer Vagina. Dann ist sie ein supertoller, guter Mensch. Was für eine Arschlocheinstellung.

  • Ylene

    Der letzten paar Sätze im Artikel sind auch kompletter Müll. Wenn Sie, liebe Frau Althaus, es nicht schaffen, ernst genommen zu werden, dann sind nicht Ihre Kleider oder der ‘männliche Blick’ schuld. Sie sollten vielleicht einfach mal den Mund aufmachen und klar sagen, was Sie denken/wollen. Das klappt ganz gut, glauben Sie mir – auch mit Ausschnitt und engen Klamotten.

  • The Damned

    Blablabla: Mir gefällts! Die wahre Kunst der Erotik liegt in der richtigen Verhüllung der weiblichen Reize. Meine Phantasie ist diese sexuelle Überreizung allerorten langsam leid. Dass man über die neue Züchtigkeit und die damit verbundenen Erfahrungen sogar ein Buch schreiben kann, ist allerdings bemerkenswert: Total überflüssiges Thema! Deshalb muss mancher, wirklich begabter Jungautor wahrscheinlich ins Gras beissen..! Diese feministische Nabelschauliteratur geht doch auf Kosten von Autoren, die wirklich etwas zu sagen hätten, nicht bloss blablablaichbinjetzteinezüchtigefeministinschautmichalleanbla bla blah! Eigentlich ein Skandal und ein Armutszeugnis für den Literaturbetrieb.

  • The Damned

    Kommt mir noch in den Sinn: Dass man Kleidung auf diese Art mit Feminismus verbinden kann, wirkt irgendwie langsam… ach was, ich muss anders beginnen: Neulich hat mir eine wesentlich jüngere Kollegin anvertraut, dass sie Ü45-Frauen etwas mühsam finde. Die seien meistens alle krampfhaft emanzipiert und hätten nicht selten ein gewaltiges Männerproblem. Hat sie gesagt, nicht ich.

  • mira

    @marie
    Dann scheint das eine Frage des Berufsfeldes zu sein. Solche Dinge sind bei uns schlicht undenkbar. Ein Rock, der über den Knien endet, der fällt hier schon auf… (nicht negativ, aber einfach unüblich)
    Zu den Inderinnen: Nein, auch bei Hindus ist (war?) der Salwar Kameez Standard-Kleidung und hat den traditionellen Sari abgelöst. Der Ursprung ist tatsächlich muslimisch, aber zahlenmässig tragen ihn wohl mehr Hindus… Wobei, mein letzter Indienaufenthalt ist auch schon etwas her. Möglicherweise sieht man heute mehr Jeans als Salwar…

  • marie

    ja-aaaa, hat schon mit einem “eigenartigen” berufsfeld zu tun, in dem ich mich seit fast 30 jahre bewege und doch einiges gesehen habe. wink
    zu den inderinnen: ah okay, ich wusste dass es ursprünglich muslimisch war. aber offenbar tragen das inderinnen immer wie mehr, ungeachtet der religion. hm… interessant.
    aber mehr jeans tun diesen frauen gut, zumindest gilt es dort durchaus gewisse traditionen endlich zu brechen, egal welcher religion. und schönes land mit sehr lieben menschen grin …und das essen erst… *schwelgundweg*

  • mira

    @marie
    Als ich Indien bereist habe (erstes Mal vor 15 Jahren), war der Salwar Kameez schon normal und galt als Tradition (im Gegensatz zu Jeans).
    Ich weiss nicht, ob mehr Jeans “gut tut”. Eine Jeans engt viel mehr ein als ein Salwar, ist bei hohen Temperaturen doch eher ungünstig und schlussendlich: Emanzipation lässt sich doch nicht an der Stoff-Art der Hose festmachen.
    Ich habe in Indien übrigens auch sehr viele schroffe und vom Leben enttäuschte Menschen getroffen. Gerade in den Städten ist das Leben sehr anstrengend… Ich bin/war auch Indien – Fan, aber Indien hat auch viele dunkle Gesichter…

  • Roshan

    Niemand will in Indien als Frau geboren werden. Die wollen alle weg von dort.

    “Emanzipation lässt sich doch nicht an der Stoff-Art der Hose festmachen” ist der beste Satz zu diesem ganzen Artikel hier. Ich meine Mode, oder was sich so zu bezeichnen versucht, ist nun wirklich nicht so wichtig und der ganze ideologische ueberbau, so wie er hier präsentiert wurde, lachhaft, so als ob die ‘wahre feministische Frau’ nur eine sein könne, die halbblutt, ohne Kopftuch und ähnliche stigmatisierte Artefakte eine solche sei.

    Das nineinzerren von religion finde ich zudem doch einen sehr billigen Trick. Wenn das so weiter geht, werden die tessiner dann noch die Modekataloge verbieten, die etwas züchtiger sind. Charles Vögele etwa. Könnte ja ‘muslimische’ Infiltration sein.

  • marie

    ich bin froh, dass endlich wieder normale kleider erhältlich sind. und mir ist es egal ob das von religöser seite kommt oder nicht. ich habe mit diesem pornchic im alltag mühe. ich finde das kann durchaus privat getragen werden.
    aber ja, die kehrseite dessen ist, dass wieder prüderie angesagt ist. weshalb immer diese exreme?

  • mira

    Ob Kleider chic sind, hat nichts damit zu tun, wieviel Haut sie frei lassen. Das ist doch nichts Neues… Und dass man sich im Büro nicht wie in der Disco anzieht, weil man sachlich und nicht aufreizend wirken möchte, ist ebenfalls ein (ur-)alter Hut. Es ist mir gerade schleierhaft, wie man über ein so triviales Thema ein Buch schreiben kann… Aber offensichtlich gibt es diesbezüglich Bedarf…

  • mira

    Das habe ich zwischen 20 und 30 auch so gesehen… Ist vielleicht zum Teil auch einfach ein Generationen-Problem oder unverarbeiteter Mutter-Komplex. Vielleicht aber auch nicht…. denn Tatsache bleibt, dass je älter eine Frau wird, desto mehr “Erfahrung” hat sie mit dem männlichen Mitgeschlecht. Ich kenne Frauen, bei denen diese (leider schlechten) Erfahrungen dazu geführt haben, dass sie keine Partnerschaft mehr wollen und Freundschaften hauptsächlich nur noch mit Frauen eingehen. Wenn sie dadurch glücklicher sind, ist das auch absolut i.O! Diese Frauen haben ihren biologischen “Auftrag” ja erfüllt und es gibt keinen zwingenden Grund mehr, mit einem Mann zusammen zu leben smile Dass das auf jüngere Frauen “krampfhaft” wirken kann, ist schon nachvollziehbar. Diese wollen ja ev noch Kinder und haben noch nicht die Freiheit, sich das Leben zu 100% gemütlich einzurichten.

  • marie

    ist mir auch aufgefallen mira. aber unter uns, dieses fleisch zeigen dauert etwa seit gut 10 jahren an (wenn nicht schon länger), dh dass heutige teenager und junge erwachsene, an und für sich gar nichts anderes kennen, deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass es durchaus ein bedürfnis ist, sich mal gedanken darüber zu machen. auch mir kam es trivial vor, aber in anbetracht dieser tatsache, wird es eben gar nicht mehr so trivial.
    aber anziehen soll sich jeder so wie er/sie will, hauptsache man lernt wieder sich an der arbeit halbwegs dezent zu kleiden; privat kann man/frau machen was man will.

  • Tomas

    Was genau ist an den Bildern züchtig? Ich finde die Models lecker, im Unterschied zu all den bedauernswerten “Bauchfrei- Doppelspeckrollen” die man so überall sieht. Und Röcke über Hosen, das haben nicht die Musliminnen, sonder die Bernerinnen schon seit Jahrzehnten erfunden, so wie es sich für den Pol der modischen Mittelmässigkeit gehört. Die nächste Etappe ist, dass man darüber noch einen Skafander anzieht. Und wadenlang, heisst das nicht das der Rock bis zu den Waden reicht?
    Zu dem ideologischen Müll muss man wohl nichts schreiben.

  • mira

    @marie
    Ich habe nicht mehr viel mit jungen Menschen zu tun, aber wir haben hier immer wieder mal Praktikantinnen und die ziehen sich immer ordentlich an. So gravierend kann das Problem also auch wieder nicht sein…

  • mira

    Noch vor der Bernerinnen waren die Inderinnen, welche Rock über Hose als Alternative für Sari erkannten. In den 80igern war Rock über Hose übrigens in gewissen antroposophischen Kreisen auch verbreitet…

  • marie

    ich habe bis vor 4 jahren lernende betreut. darunter gab es schon einige junge frauen, welche ich darauf aufmerksam machen musste (im auftrag vom hr – ich hätte es ja nicht gemacht), dass es evtl. von vorteil wäre, hosen unter dem tischi zu tragen, da es doch sehr kurz war. ganz zu schweigen von den sehr tiefen hüfthosen, die einblicke in sachen string und po gewährten; die waren nicht selten. (als ausgleich: und zwei lernenden jungs habe ich dann auch erklärt, dass sie die marke lonsdale doch bitte nicht zum arbeiten tragen sollten, da war die manifeste politische haltung das problem.) ich bin einfach nur froh, wenn man sich wieder ein wenig gedanken über kleidung macht. generell, auch wir erwachsene. zumindest sollte man einfach wieder ein wenig ein gespür dafür entwickeln, wo, wie, was passt oder nicht. das reicht schon.
    (und übrigens bei den inderinnen, die hosen unter dem rock tragen: das sind in der regel immer muslimas, oder ein paar hindus/sighs, die in mehrheitlich muslimischem umfeld leben.)

  • The Damned

    Hm, mag sein, mira. Ich kenne jüngere Frauen, die schon Kinder haben, glücklich mit ihren Männern sind und ein absolut positives Verhältnis dem männlichen Geschlecht gegenüber haben, ohne diese Keifereien, Nörgeleien und das ständige, schon fast besessen wirkende Infragestellen von allem Männlichen. Zudem wäre da noch etwas anderes, aber das kann ich jetzt nicht sagen, ohne rot dabei zu werden wink

  • Ilona

    Ich bin der Meinung, dass wirklicher Feminismus nur dann stattfindet wenn Frau tragen kann was Sie will, sei das Kopftuch, Piraten-Augenklappe oder Minirock ohne dass dies Anstoss dazu bietet ein Zeitungsartikel zu schreiben. Dasselbe gilt auch für Artikel über die weiblche Figur: Waschbrettbauch, Rubensfigur, weibliche Rundungen oder Hugerhacken, erst wenn diese Trends einfach nicht mehr beachtet werden, dann wurde dem Sexismus den garaus gemacht.

  • Jorge

    Kaum lässt man die Titten nicht mehr im Übermass rausquellen, ist es also schon züchtig?

    Denke eher, da seid ihr wiedermal auf den alten “Ich verkauf euch alten Wein in neuen Schläuchen-Trick” reingefallen.

    Gähnigähn

  • George

    Ist wichtig, dass die Modeindustrie den orientierungslosen Frauen sagt, was sie anziehen sollen.
    Dass Modeindustrie&Religion;&Feministinnen; dann damit aber gleich noch die Männer ‘umerziehen’ wollen (Umerziehung gabs doch letztmal im sozialistischen Realismus), entlockt mir ein müdes Schmunzeln über solchen Fanatismus.

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