Clack

Gebannte Sinne

Askese ist in und fördert den Retro-Blick. Früher sah alles besser aus. Was ein Philosoph zu den lustfeindlichen Zeiten sagt, eine Krimifigur denkt und «Mad Men» uns vorspielt.

Von Nina Toepfer

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Der Schauspieler bringt es auf den Punkt: «Heute denken sie nur noch mit dem Kopf», sagt er und hebt das Glas auf die guten alten Zeiten. Kommissar Hunkeler, frisch pensioniert und deshalb eher inoffiziell am ermitteln, stimmt zu. Der Satz aus der neuen Verfilmung von Hansjörg Schneiders Krimi («Hunkeler und die Augen des Ödipus») mit Mathias Gnädinger als Hunkeler sitzt und passt zum Sendetermin.

Viele Kommissare sind schon unterwegs, die nicht nur mit dem Kopf «denken», sondern mit Körpereinsatz und Menschenkenntnis, um den Anfängern, Rationalisten und Technikgläubigen mal zu zeigen, dass das Leben eben noch um eine Facette reicher ist als das, was sich auf die Schnelle erklären lässt. Oder sich ergänzen, nach dem Muster der Intuitive und der Forensiker in feindseliger Freundschaft.

Die Leidenschaft ist uns abhanden gekommen, das will uns der sentimentale Spruch übers Denken mit dem Kopf sagen. Soviel erkennt man nicht nur aus der Hunkeler-Story, die übrigens dank der Leidenschaften, die es in Jugendzeiten der beiden Weintrinker ja noch gab, überhaupt erst Krimigehalt bekommt. Tatsächlich ist Askese angesagt, als Anzeichen gelten Nichtrauchen etwa und Yoga, und offensichtlich gibt es Keuschheitsbewegungen, die Enthaltsamkeit vor der Ehe hochhalten und guten Zulauf haben. In etwas ungekehrter Logik sorgt in Frankreich «Elle»-Autorin Sophie Fontanel für Furore mit ihrem Bekenntnis zur Enthaltsamkeit. Viel Aufregung um eine bestimmte Vorliebe, die manchen als Zeitzteichen gilt.

«Heute ziehen wir den meisten Genüssen den Stachel: Bars ohne Tabakkultur, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Schlagsahne ohne Fett, virtueller Sex ohne Körperkontakt», führte der Philosoph Robert Pfaller in einem «Spiegel»-Interview einmal aus und beklagte unser um Masshalten bemühtes Leben als ein falsches. Wir hätten, sagte er, eine «Verpflichtung gegenüber dem guten Leben», woher er das auch immer ableitet. Oder, mit dem Klappentext seines Buches «Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft» gefragt: Warum wehren wir uns heute gegen «elegante Gesten, bestechende Formen, Müssiggang, Anhänglichkeit an Rauchwaren, laszive Bitten um Feuer, unanständige Worte und Witze»?

Gute Frage. Sicher ist, dass sich diese Dinge im Rückblick um so besser feiern lassen. Wenn schon von eleganten Gesten und lasziven Bitten um Feuer die Rede ist: Man denkt sich (mit Pfaller) Lauren Bacall und Humphrey Bogart, da sehen die guten alten Zeiten nicht nur wahnsinnig gut aus, sondern auch sehr übersichtlich. Wie auch in «Mad Men», der Serie der Sixties-Mode, Martini-Lunches und rauchenden Zigaretten, der «unanständigen» Sprüche und der noch ungeschriebenen, aber fest zugeschriebenen und auch ungerechten gesellschaftlichen Rollen für Mann und Frau (Lesen Sie unser Clack-Dossier dazu).

Wie eben hier kurz berichtet, hat «Newsweek» aus Anlass der in den USA nun startenden fünften Staffel ein ganzes Special gestaltet. Die «Psychodramen» im Büro der «Mad Men», einer New Yorker Werbeagentur in den 1960ern, seien parallel gelaufen mit den Nachrichten, die das Magazin besonders genau verfolgte, schreibt Chefredaktorin Tina Brown: Bürgerrechtsbewegung, «women’s lib» – Frauenbewegung -, die Kennedys, Vietnam und die Mondfahrt.

«Newsweek»-Autorin Eleanor Clift, die beim Magazin in den Sechzigern als Sekretärin anfing und heute dort als Washington-Korrespondentin schreibt, hat «Mad Men»-Dreharbeiten besucht und sieht die «office culture» von damals in der Serie gut wiedergegeben: viel Sex, Alkohol, Nikotin, für die Schauspieler auf dem Set gibt’s nur Kräuter-Zigaretten, für eine echte müssen sie wie gehabt vor die Tür (lesen Sie hier auch über den Arbeitsplatz als erotiosches Minenfeld). «Es gehörte sich nicht, dass Frauen offenkundig ehrgeizig waren», schreibt Clift und zeichnet nach, wie «kluge, talentierte und ehrgeizige Frauen» aus ihren zudienenden Rollen schlüpften und auch Reporterinnen wurden. Offenkundiger Ehrgeiz dürfte noch immer zu den umstrittenen Äusserungem im Berufsleben gehören.

Jetzt denkt man also nur noch mit dem Kopf. Wenn es stimmt, hat das talentierten und ehrgeizigen und mutigen Frauen in der Berufswelt bestimmt geholfen. Derweil im Hunkeler-Krimi eine junge Schauspielerin nicht nur mit Kopfarbeit, sondern mit einigem Charme und einem sehr leichten Sommerkleid bei ihrem Regisseur versucht, eine wichtige Rolle zu bekommen. Nein, ein gutes Mädchen sei sie nicht, heisst es dann und meint das ganz im aufreizenden Sinn (nach der nur zu oft zitierten Botschaft des Buchtitels «Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin»).

Wer sich für Kulturtheorie interessiert und für unser Verhältnis zu Ästhetik und Genuss, kann bei Philosoph Pfaller nachschlagen. Er fragt, warum etwa bestimmte Filme wie «The Graduate», «Der letzte Tango in Paris», «La città delle donne», heute trotz liberalerer Einsichten nicht mehr gemacht würden.

Ein Hunkeler-Krimi hat ja keine Kulturtheorie im Sinn. Vielmehr legt er einem wehmütigen Schauspieler Worte in den Mund und lässt seinen Kommissar sich den Genüssen mitsamt Stachel hingeben. Das sieht nicht immer grazil aus und auch nicht immer sehr gerecht, aber zeugt von lebensnaher Sinnlichkeit, und das scheint nach wie vor das Privileg von Männerrollen zu sein.

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